Stressbewältigung in der Natur Sozialarbeiterin tauscht Stress gegen grünes Paradies
Stress, Alltagstrott, Unzufriedenheit: Isabel Kleinert hat ihr altes Leben komplett umgekrempelt und lädt heute Menschen dazu ein, in ihrem idyllischen Garten Ruhe und Entschleunigung zu finden.
Hinte - Isabel Kleinert ist barfuß, als sie plötzlich zwischen dem hohen Gras hinter dem Teich in ihrem Garten erscheint. Hinter ihr rennt der Grund für diese Mini-Exkursion in die Tiefen des Gartens kurz vor unserem Treffen: die zehn Monate alte Hündin Ylvi. Sie hat es mal wieder auf den Hühnerstall abgesehen, wie Kleinert entschuldigend erklärt.
Aber es sind genau diese Interaktionen mit ihrer Umwelt, mit Tieren, die die ehemalige Sozialarbeiterin glücklich machen. Vor einigen Jahren hatte sie sich dazu entschieden, ihrem stressigen Alltag den Rücken zu kehren und alles anders zu machen. Jetzt ist Isabel Kleinert aus Hinte Naturcoachin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen und Natur wieder etwas näher zusammenzubringen.
Was ist Naturcoaching überhaupt?
Naturcoaching, das heißt, mithilfe der Natur dem stressigen Alltag entfliehen, wieder einen Zugang zu den eigenen Bedürfnissen finden, so Kleinert. „Man taucht achtsam in die Natur ein.“ Es geht darum, die Umwelt, aber auch sich selbst mit allen Sinnen zu erleben und zu verstehen. Das fängt schon mit kleinen Übungen an, zum Beispiel dem bewussten Atmen. „Ich glaube, viele Menschen atmen zu flach. Sie nehmen gar nicht mehr bewusst wahr, dass sie atmen“, sagt Kleinert. Und stellt klar: „Das ist keine Therapie, das ersetzt keinen Arztbesuch. Es geht hier eher um einen begleitenden Prozess.“
Man muss auch gar nicht mit einem bestimmten Thema oder Problem zu einem Naturcoaching kommen. Manchmal reiche es schon, ganz im Einklang mit der Natur ein paar ruhige Stunden zu finden und auf diese Weise vielleicht auch Klarheit zu erhalten, so Kleinert. Dafür hat sie auf ihrem Grundstück, ihrem Wandelgrün, wie sie es nennt, verschiedene Räume geschaffen: die Kreativwerkstatt im grünen Gartenhäuschen, der Entspannungsraum im frisch renovierten Bauwagen oder eben das Herzstück ihres Coachings, der gesamte Naturraum mit dem großen Teich, den vielen Bäumen und verschiedenen Sitzecken.
Was sagt mir die Natur über meine eigenen Bedürfnisse?
„Ich mache das auch gerne, dass ich erstmal die Menschen im Grün herumlaufen lasse, damit sie sich einen schönen Platz aussuchen können“, sagt Kleinert. Aus dieser Auswahl eines Platzes in der Natur lasse sich schon viel über den Menschen und seinen Gemütszustand ableiten, erklärt sie. „Die Natur spiegelt ganz viel wider. Suche ich mir eher einen überdachten Platz? Dann brauche ich vielleicht Geborgenheit.“ Offene Plätze mit Sicht auf weite Fernen deuteten hingegen auf eine Sehnsucht hin, so Kleinert.
Aber bis Kleinert diesen Zugang zur Natur und ihrer therapeutischen Wirkung gefunden hatte, lief sie erst über einige Irrwege, wie sie erzählt. Kleinert kommt ursprünglich aus dem Raum Bielefeld. Für ihr Studium zog es sie im Jahr 1998 nach Ostfriesland, nach Emden. An der Fachhochschule studierte sie soziale Arbeit. Und blieb danach in Emden. „Als eine der wenigen“, lacht Kleinert. „Noch heute bin ich die Anlaufstelle für viele ehemalige Kommilitonen, die mittlerweile wieder ganz woanders wohnen.“ Ihr gefällt es immer noch in Ostfriesland, auf ihrem grünen Stückchen Paradies direkt am Kanal.
Was war der Auslöser für den radikalen Berufswechsel?
Auf dem 7000 Quadratmeter großem Grundstück mit Teich, Hühnern, Hündin Ylvi und allerlei versteckten Orten lebt Kleinert mit ihrem Mann und den beiden Söhnen im Alter von 17 und 22 Jahren. Mit der Natur verbunden hat sie sich schon immer gefühlt. Als Kind war sie immer draußen, zog barfuß durch die Felder. Aber zwischenzeitlich geriet diese Verbindung ein wenig in Vergessenheit, sagt Kleinert. Sie hatte früher, vor ihrer Zeit als Naturcoachin, als Erzieherin gearbeitet, dann als Sozialarbeiterin. Viel Stress, wenig Natur. „Das Leben lief eben so. Ich habe das nicht mehr hinterfragt“, sagt Kleinert über diese Zeit. Der Alltagstrott bestimmte ihr Leben, „und täglich grüßte das Murmeltier.“
Dabei war der Plan ursprünglich ganz anders. „Erzieherin stand nie auf meiner Wunschliste, ich habe mich immer eher mit Tieren und in der Natur gesehen“, erzählt Kleinert. Als schließlich alles zu viel wurde, nahm sie sich ein Sabbatjahr, wanderte unter anderem den Jakobsweg entlang. „Wie typisch, ich weiß“, lacht sie. Aber das Sabbatjahr blieb nicht ohne Folgen, die Veränderung, nach der sich Kleinert sehnte, nahm immer konkretere Formen an. „Ich fragte mich zu dieser Zeit: Wo habe ich das verloren, diesen Bezug zur Natur und zu dem, was mich glücklich macht? Und ich beschäftigte mich intensiver damit, was ich wirklich will, was ich dieser Welt geben will.“ Und dann habe sich alles irgendwie wie ein Puzzleteil gefügt. Vor dreieinhalb Jahren kauften Kleinert und ihr Mann dann das Grundstück in Hinte, zogen weg aus Emden. Kleinert begann die Ausbildung als Naturcoachin und bietet seit etwa einem dreiviertel Jahr verschiedene Kurse, Kreativ-Workshops und Coachings an.
Wie wird man Naturcoachin?
Die Ausbildung zum Naturcoach absolvierte Kleinert im Schwarzwald. „Die Natur dort ist natürlich ganz anders als hier in Ostfriesland, aber auch anders schön.“ Die Ausbildung selbst bestand aus vier Modulen, angelehnt an die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. „Zum Thema Feuer hat unsere Gruppe zum Beispiel eine Schwitzhütte besucht“, sagt Kleinert. Die menschliche Beziehung zur Natur, aber auch die Grundlagen des Coachings erlernte Kleinert in diesem Seminarraum im Schwarzwald. „Das war eine sehr schöne Zeit“, sagt Kleinert. „Ich fahre auch noch immer gern dorthin zurück.“
Eine wichtige Aufgabe in ihrer Rolle als Naturcoachin sieht Kleinert auch in der Ritualarbeit. „Rituale sind letztendlich Wiederholungen, aber bewusste, achtsame Wiederholungen.“ Wiederholungen seien alltäglich, so wie das Aufstehen jeden Morgen oder das Zähneputzen, sagt Kleinert. Aber bestimmte Tätigkeiten ließen sich eben auch ganz bewusst zelebrieren und damit zum Ritual machen, wie zum Beispiel das regelmäßige Meditieren. „Das Ziel dieser Rituale ist, dass man sich ganz aktiv im Hier und Jetzt befindet, das entschleunigt auch.“
Ein solches Ritual ist zum Beispiel das irisch-keltische Jahreskreisfest Samhain am 31. Oktober, welches Kleinert in ihrem Grün feiern möchte. „Es geht darum, gemeinsam Feste zu feiern. Gemeinsam das Feuer anzünden oder einen Haarkranz binden. Dadurch entsteht einfach eine schöne Dynamik und Atmosphäre, denn in diesem Moment ist jeder der Anwesenden gleich.“ Wer diese Dynamik gerne einmal miterleben möchte, kann sich bei Isabel Kleinert über die E-Mail-Adresse kontakt@wandelgruen.de für das Samhain-Fest am 31. Oktober von 17 Uhr bis 20.30 Uhr anmelden.