Inklusion in Ostfriesland Betroffene klagen an – Greetsiel hat ein Problem mit Barrierefreiheit
Immer wieder beschweren sich Anwohner und Touristen über die fehlende Barrierefreiheit im Küstenort Greetsiel. Eine besondere Herausforderung dabei ist der Denkmalschutz. Ein Ortsbesuch.
Greetsiel - Der Hafenort Greetsiel ist auch über Ostfrieslands Grenzen hinaus bekannt, vor allem Touristen erfreuen sich an der malerischen Umgebung. Doch nicht von allen Besuchern kann das Fischerdorf gleichermaßen genossen werden, denn der Denkmalschutz macht Barrierefreiheit nahezu unmöglich. Das weiß auch Anwohnerin Birgit Willems. Gemeinsam mit der Rollstuhlfahrerin waren wir in Greetsiel unterwegs.
Viele Lokale und Geschäfte schließen Menschen mit Behinderungen aus
Nicht unweit von Willems Arbeitsplatz, dem Gemeindehaus der evangelisch-reformierten Gemeinde, liegt die Mühlenstraße, gleichzeitig die Hauptstraße in Greetsiel mit zahlreichen Geschäften und Restaurants. Für Willems ist diese charmante Straße eine ständige Herausforderung. „Die Straße steht unter Denkmalschutz. Das Kopfsteinpflaster und die Unebenheiten sind schwierig für mich“, erklärt Willems. Aufgrund einer Querschnittslähmung ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Immer wieder muss sie die Seite wechseln – Löcher im Boden, Senkungen und zu große Kopfsteinpflaster durchkreuzen immer wieder den Weg. Der Greetsieler Ortsvorsteher Alfred Jacobsen – Gerd Wellbrock fällt derzeit aus gesundheitlichen Gründen aus – ist bei dem Rundgang mit dabei. Er räumt ein, dass die Straße zeitnah neu gemacht werden soll. „Aber das ist ein großer Aufwand. Die Straßensperrung muss eng mit den Ladenbesitzern abgesprochen werden“, erklärt er. Es sind jene Läden, zu denen Willems in den allermeisten Fällen ohnehin keinen Zutritt hat. „Ich würde gerne mal in eines der Lokale, aber ich komme wegen der ganzen Stufen nicht herein“, sagt sie.
Viele der Geschäfte haben nicht nur vor dem Eingang eine Treppe, schon vor der Treppe sorgt der hohe Bordstein für große Barrieren. Ein unbeschwerter Stadtbummel – wie ihn auch die Touristen gerne mögen – ist für Willems daher nicht denkbar. Das empört den Senioren-und Behindertenbeauftragten Hermann Oost: „Hier öffnen die schönsten neuen Geschäfte und Cafés. Aber Menschen mit Behinderungen werden aktiv ausgeschlossen. Sie haben davon nichts“. Auch hier scheint es wieder der Denkmalschutz, der der Barrierefreiheit im Wege steht. Aufgrund der vielen Vorschriften und des begrenzten Platzes seien vor den Geschäften und Restaurants beispielsweise auch keine Rampen möglich, sagt Ortsvorsteher Jacobsen. Die Schuld würden also nicht die Ladenbesitzer tragen. Selbst wenn sie die Barrierefreiheit fördern wollten, auch ihnen seien die Hände gebunden.
Denkmalschutz versus Barrierefreiheit
Auf dem Weg zwischen Mühlenstraße und dem Marktplatz erklärt Willems, dass sie die Hauptstraße ohnehin oft meiden würde. „Im Sommer ist es hier brechend voll, das tue ich mir nicht an“, so Willems. Zu viele Menschen und zu viele Fahrradfahrer bedeuten letztendlich zu wenig Platz für Willems und den Rollstuhl. Während des Rundgangs weicht die Gemeinde-Mitarbeiterin oft aus und macht Platz – obwohl sie selbst am wenigsten Platz zur Verfügung hat, den sie mit wenig Barrieren nutzen kann. Auch kurz vorm Marktplatz wird es eng. Viele Restaurants haben die Anzahl an Stühlen und Tischen erhöht, zur Mittagszeit läuft die Belieferung der Lokale. Wieder ist es Willems, die entgegenkommenden Menschen Platz macht und sich an die Seite stellt.
„Hier sind die Bordsteine auch wieder so hoch“, sagt sie und zeigt auf die Wege vor den Lokaleingängen. Nur bei schönem Wetter hätte sie die Möglichkeit, draußen zu essen und zu trinken. „Aber was bringt mir das, wenn ich danach nicht auf die Toilette kann?“ Dabei sind nicht nur die Bordsteine ein Problem. Ortsvorsteher Jacobsen kommt wieder zum Denkmalschutz zurück - ein Grund, weshalb die Gebäude auch innen nicht barrierefrei seien. „Die Toiletten sind oft im Keller“, so Jacobsen. Das Projekt, den Marktplatz umzugestalten und Barrieren abzubauen, ist gescheitert. „Dann ist der Platz außen barrierefrei, aber die Lokale innen nicht. Das macht auch keinen Sinn“, sagt Jacobsen. Außerdem hätten für das Projekt die alten Kastanien am Hafen weichen müssen und das hätte Jacobsen auch nicht gewollt.
Jeder Weg erfordert genaue Planung
Ein anderes Bauvorhaben hingegen läuft derzeit auf Hochtouren. Bis November dieses Jahres soll die Brücke am Pilsumer Weg in Greetsiel vollständig saniert sein. Für Menschen wie Birgit Willems ist diese Übergangszeit allerdings mit zusätzlichem Umdenken verbunden. Auch ohne Baustelle müsse sie immer genau überlegen, welche Wege für sie infrage kommen und mit welchem Rollstuhl sie zu meistern sind. So auch bei einer der Alternativen zur Brücke am Pilsumer Weg. Ohne elektrischen Antrieb komme Willems nicht über die Holzbrücke am Neuen Greetsieler Außentief.
Schuld daran sind neben einer Kurve vor allem die Antirutsch-Leisten auf der Holzbrücke. „Die sind hier wegen der Sicherheit vorgeschrieben“, erklärt Jacobsen. „Wer seinen Rollstuhl händisch bedient, kommt deshalb aber nicht über die Brücke“, entgegnet Willems. Es sei ein Beispiel aus dem Bilderbuch, findet Oost. „Für Menschen ohne Behinderungen ist das optimal, für Menschen mit Behinderungen ist das ein Hindernis“, so Oost. Eine Aussage, die sinnbildlich für den Besuch in Greetsiel steht.
Die Pragmatik der Bewohner haben Touristen nicht
Immer wieder sehe Birgit Willems in Greetsiel Menschen mit Beeinträchtigungen oder im Rollstuhl. „Es machen viele Menschen im Rollstuhl hier Urlaub“, erzählt sie. Oft nehme sie einen fragenden Blick wahr. „Denen steht das Fragezeichen förmlich ins Gesicht geschrieben.“ Als Einheimische hätte sie mit der Zeit pragmatische Lösungen für sich gefunden. Beispielsweise, wo sie barrierearm auf die Toilette gehen kann. „Aber wenn man fremd ist, ist diese Möglichkeit nicht gegeben“, so Willems.
Und obwohl sie während des Treffens immer wieder betont, für vieles pragmatische Lösungen gefunden zu haben – ein Thema kommt immer wieder auf: Die Altglas-Container. Die Öffnungen seien für Willems schlichtweg zu hoch. „Ohne fremde Hilfe kann ich mein eigenes Altglas nicht entsorgen“, sagt sie. Ortsvorsteher Jacobsen sichert direkt zu, sich dem Thema anzunehmen. Er wolle das weitergeben. So kann es laufen, auf kurzem Wege. Ganz so einfach ist es aber nicht. Auf Nachfrage erklärt Willems, dass es nicht an den Personen mangele, an die sie sich mit solchen Anliegen wenden kann. Das Problem ist viel mehr die Umsetzung.
Mitarbeit von Betroffenen erweitert die Perspektive
Denn die würde laut Willems letztendlich in den Händen der Politik liegen – und damit auch bei Alfred Jacobsen als Krummhörner SPD-Fraktionsvorsitzendem. Doch in der Politik würden Themen rund um die Barrierefreiheit nicht immer auf der Tagesordnung stehen. Für Willems gibt es dafür eine schnelle Erklärung. „Es gibt zu wenig Verantwortliche, die selbst betroffen sind“, sagt sie. Und das habe einen direkten Einfluss auf das politische Handeln. „Ich bringe als Betroffene eine ganz andere Perspektive mit.“
Eine Perspektive, die Politikern ohne Beeinträchtigung oder Behinderung nicht mitbringen würden. Für Birgit Willems steht deshalb fest: „Wir Betroffenen müssen viel öfter den Mund aufmachen, wenn wir wollen, dass sich etwas ändert. Auch wenn wir dafür aus unserer Komfortzone heraus müssen“. Denn von der Einstellung, am derzeitigen Ist-Zustand nichts ändern zu können, halte sie nichts. Und solange viele Orte und Lokale Menschen mit Behinderungen weiterhin kategorisch ausschließen, möchte Willems diese auch nicht besuchen. „Wer mich nicht will, hat mich nicht verdient.“