Bebauung Osterstraße  Inmitten von Dauer-Leerstand ist sie ein Fels in der Brandung

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 27.08.2024 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In den leerstehenden Geschäftslokalen an der Osterstraße hat sich die Galerie Zwischenraum etabliert. Fotos: Boschbach
In den leerstehenden Geschäftslokalen an der Osterstraße hat sich die Galerie Zwischenraum etabliert. Fotos: Boschbach
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Almuth Maaß und ihre Drogerie in der Osterstraße behaupten sich gegen Verfall und Stillstand. Seit Jahren wird um eine Lösung für den Straßenzug gerungen. Doch immer wieder nerven Rückschläge.

Aurich - Die Schaufenster sind leergeräumt, die Handpuppen verschwunden. Die Tür zum Ladenlokal in der Osterstraße 27 ist abgeschlossen. Wieder einmal. Almuth Maaß kennt das schon. Die Geschäftsfrau wird wahrscheinlich den ganzen Herbst über und in den Winter hinein auf ein leeres Geschäft starren. Und nicht nur auf dieses direkt gegenüber. Wenn sie vor ihre Drogerie in der Nummer 26 tritt und sich nach rechts wendet, sieht sie − ein, zwei, ja fünf leerstehende Gebäude, nämlich die Hausnummern 28-36. Die werden zwar teilweise übergangsweise genutzt, nämlich als Kunstraum, aber nicht als Geschäft, wie es mal vorgesehen war. „Ich fühle mich abgehängt“, sagt die Betreiberin eines Familiengeschäfts, das als älteste erhaltene und noch betriebene Drogerie in ganz Ostfriesland gilt. Seit dem Jahr 1855 ist der Laden mit seinem exklusiven Sortiment in der vierten Generation im Familienbesitz.

Geschäftssinn, Durchhaltewillen und Disziplin sind erforderlich, um durch die Zeitläufte zu gelangen. Eigenschaften, die Almuth Maaß helfen, mit der Situation umzugehen, dass sie quasi das letzte Geschäft in einem fast verwaisten Straßenzug ist. Sie hat erlebt, wie ihre Nachbarn aufgegeben haben, einer nach dem anderen. Im Mai 2021 hat Berny Hoffmann seinen beliebten Jameson Pub in der Nummer 36 nicht mehr geöffnet. Ihm blieb nichts anders übrig. Er hatte von der Stadt Aurich als Vermieter die Kündigung erhalten. Aus und vorbei, Knall auf Fall, so schien es für den Außenstehenden. Der Verkauf dieses und angrenzender Gebäude sei in der Ratssitzung vom 25. Februar 2021 politisch abgesegnet worden, berichteten die Ostfriesischen Nachrichten am 19. Mai 2021. Neuer Eigentümer: der Immobilienmakler und Unternehmer Lennart Gerstmeier.

In dem Eckhaus an der Wallstraße war das Haustierbedarfsgeschäft Schecker viele Jahre lang ansässig. Im Sommer hatte die Stadt das Ladenlokal übergangsweise angemietet, um es dem Auricher Puppentheater "Puppets in minutes" zur Verfügung zu stellen.
In dem Eckhaus an der Wallstraße war das Haustierbedarfsgeschäft Schecker viele Jahre lang ansässig. Im Sommer hatte die Stadt das Ladenlokal übergangsweise angemietet, um es dem Auricher Puppentheater "Puppets in minutes" zur Verfügung zu stellen.

Zoo Meyer machte vor drei Jahren den Abflug

Ciao, Berny Hoffmann, ciao Jamesons Pub. Ein halbes Jahr später ließ Uwe Meyer das Wasser aus seinen Aquarien, packte die Kanarienvögel und die anderen Tiere in Transportboxen und löste sein zoologisches Fachgeschäft in der Nummer 32 an diesem Standort auf − nach 30 Jahren. Er habe schon viele Vermieter gesehen, zuletzt sei es die Stadt gewesen. Die habe ihm zwar noch nicht gekündigt, aber das sei wohl nur eine Frage der Zeit, sagte er damals im Gespräch mit der Redaktion. Im September 2021 zog er an den Ulenmoorweg/Ecke Leerer Landstraße.

Auch die Wäscherei Meurer, ehemals in dem Haus mit der Nummer 34 ansässig, hat ihren Reinigungsservice eingestellt. Die Betreiber haben sich in den Ruhestand verabschiedet. Um den Leerstand optisch zu bemänteln und die Immobilien sinnvoll zu nutzen, hat der Verein Zwischenraum im hinteren Teil der Osterstraße ein kreatives Paradies geschaffen, mit Ausstellungen, Konzerten, geselligem Miteinander. Das wurde im Sommer durch eine Aktion des Auricher Stadtmarketings ergänzt, nämlich mit der vorübergehende Überlassung des Gebäudes Osterstraße 27 an Axel Bahro. Der Puppenspieler hat dort mehrere Wochen lang mit seinem Theater „Puppets in Minutes“ für Unterhaltung gesorgt.

Es fehlte nur ein Termin

„Das war klasse“, sagt Almuth Maaß. „Das hat für Belebung gesorgt.“ Das Projekt war eine Idee der neuen Stadtmarketing-Managerin Maike Theesfeld. Die Fachfrau ist auch Ansprechpartnerin für die Geschäftsleute. „Die kümmert sich wirklich und vermittelt einem, dass sie sich für die Belange anderer interessiert“, sagt Almuth Maaß. Welche Perspektive gibt es für die Zukunft? Wann wird im hinteren Teil der Osterstraße gebaut? Die Geschäftsfrau zuckt mit den Achseln. Sie wisse es nicht, bekundet sie. Die Stadt sagt auf Anfrage, der Vertrag sei noch nicht unterzeichnet, man könne deshalb keine näheren Auskünfte in dieser Angelegenheit geben. „Diese Angelegenheit“ ist indessen ein sperriger Brocken, so scheint es. Weil vor drei Jahren das ursprünglich am Georgswall von Lennart Gerstmeier geplante Parkhaus verworfen wurde, musste der Bebauungsplan geändert werden. Dann entdeckte die niedersächsische Denkmalschutzbehörde in Oldenburg plötzlich, dass ein alter Speicher im rückwärtigen Bereich unter Schutz gestellt werden muss. Ein rotes Tuch für einen Investor?

Lennart Gestmeier indessen hatte vor mehreren Wochen im Gespräch mit der Redaktion grundsätzlich grünes Licht für ein Gespräch über die Bauplanung im hinteren Teil der Osterstraße gegeben. Es fehlte eigentlich nur an einem Termin, dessen Vereinbarung immer weiter nach hinten geschoben wurde. Aussitzen scheint das Gebot der Stunde zu sein. Für Almuth Maaß ist das nichts Neues. Sie hält durch. In einem Jahr wird ihr Geschäft 180 Jahre alt. Ob sie dann von Baugerüsten und -kränen umgeben sein wird?

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