Neue Selbsthilfegruppe in Großefehn  Raus aus der Tabuzone – Frauen erzählen ihre Schlaganfall-Geschichten

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 23.08.2024 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Elfi Straub (von links), Anke Dahm und Ulrike Hesse gehören zur neuen Selbsthilfegruppe für von einem Schlaganfall betroffene Frauen in Großefehn. Foto: Böning
Elfi Straub (von links), Anke Dahm und Ulrike Hesse gehören zur neuen Selbsthilfegruppe für von einem Schlaganfall betroffene Frauen in Großefehn. Foto: Böning
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Nach einem Schlaganfall ist der Weg zurück in den gewohnten Alltag oft lang – wenn er denn gelingt. In Großefehn helfen sich Frauen dank Anke Dahm gegenseitig. Drei berichten von ihren Erfahrungen.

Großefehn/Wiesmoor - Der Moment, in dem es passierte, hat sich in ihren Kopf eingebrannt. Melanie Kunze musste sich setzen, dann kippte sie langsam zur Seite – als hätte sie sich einfach „ausgeschaltet“. „Nach ein paar Sekunden war ich wieder bei mir“, erinnert sie sich. Aber ihr Körper gehorchte nicht mehr. Im Spiegel blickte ihr ein schiefes Gesicht entgegen. „Ich wusste sofort, dass es ein Schlaganfall war und dass ich Hilfe brauche“, sagt Kunze. Aber wie sollte sie Hilfe holen, wenn die Hände nicht mehr gehorchen und aus dem Mund ganz andere Worte kommen, als sie im Kopf gedacht hatte? „Glücklicherweise hatte ich die Nummer meiner Ärztin eingespeichert und musste nur einen Knopf drücken. Sie erkannte meine Nummer und schickte sofort einen Rettungswagen.“ Noch heute wundert sich Kunze, dass sie in der Situation im Kopf so klar war.

Melanie Kunze ist nicht der richtige Name. „Die Welt ist noch nicht reif für unsere Geschichten“, erklärt Anke Dahm aus Mittegroßefehn, warum die Erlebnisse anonym bleiben sollen. Mit Elfi Straub aus Timmel und Ulrike Hesse aus Marcardsmoor sitzt sie in ihrem Gartenhaus bei Feigen-Chia-Kugeln und Wasser. Die drei sind Teilnehmerinnen der ersten Selbsthilfegruppe nur für Frauen und berichten von den Erfahrungen der Betroffenen. Sie nennen sich „Die aktiven Schlagfertigen Großefehn“ (D-A-S). „Die Menschen dürfen ruhig wissen, dass ich einen Schlaganfall hatte“, sagt Ulrike Hesse. Aber die Details über ihr Schicksal seien persönlich. „Vorurteile gibt es genug“, erklärt Anke Dahm. Davor wollen sie sich schützen und lieber anonym bleiben.

Jeder Schlaganfall verläuft anders

Die 60-jährige aus Mittegroßefehn hat diese Gruppe im März 2024 gegründet. Sechs Frauen haben sich bisher dafür angemeldet. Auch wenn es ein Schlaganfall ist, der sie in der Gruppe zusammenbringt – jedes Schicksal ist anders. Eine Regel gibt es nicht. „Symptome, die bei der einen schnell wieder weggehen, bleiben bei anderen für immer. Niemand kann zu irgendeinem Zeitpunkt genau sagen, wie es weitergeht“, sagt Anke Dahm. Nicht bei allen Betroffenen bessern sich die Symptome. Das erlebt Marina Heine, das ist ebenfalls nicht ihr richtiger Name, seit ihrem Schlaganfall vor einem Jahr. Ihre Symptome werden schlimmer statt besser – und es kommen immer neue hinzu.

Manchmal zieht sie ein Bein nach, sie kann kaum noch sehen und hat Probleme, das Gleichgewicht zu halten. Bei Melanie Kunze ist vom Schlaganfall hingegen nur wenig zurückgeblieben. „Etwa dreimal im Jahr fängt meine Hand an zu zittern und gehorcht mir nicht mehr“, sagt sie. Was sie dann in der Hand hat, fällt zu Boden. Um ihre Arbeit zu schaffen, muss sie sich jetzt viele Notizen machen. Nach Jahren hat sie sich viel der verlorenen Lebensqualität zurück erkämpft. „Fünf Jahre habe ich alleine gebraucht, bis ich wieder Radfahren konnte“, erzählt sie. Die Einschränkungen auf Dauer zu akzeptieren, hätte sie nicht gekonnt. „Ich bin ein Flummi, ich muss mobil sein.“

Hilfe anzunehmen ist für viele nicht leicht

Was trotz der großen Unterschiede in allen Fällen gleich ist: „Mit einem Schlag ist das gewohnte Leben vorbei“, sagt Anke Dahm. „Die größte Herausforderung ist, sich damit abzufinden“, erklärt Elfi Straub und Ulrike Hesse ergänzt: „Dass man plötzlich auf Hilfe angewiesen ist, ist schwer zu akzeptieren. Hilfe anzunehmen, fällt mir jetzt noch schwer.“ Bei Marina Heine hat der Schlaganfall zu einer Depression geführt. Das Leben ist einsamer geworden, seitdem sie körperlich eingeschränkt und nicht mehr mobil ist: „An Autofahren ist seit dem Schlaganfall nicht mehr zu denken“, sagt sie. Freundschaften brechen dadurch weg. Die Selbsthilfegruppe ist deshalb ein wichtiger Anker in ihrem Leben. „Wir reden nicht nur darüber, wie schlecht es uns geht, sondern wollen gemeinsam Spaß haben und schöne Dinge unternehmen“, sagt Dahm. Zu den monatlichen Treffen gibt es Info-Veranstaltungen und Ausflüge.

Außerdem werden Erfahrungen darüber ausgetauscht, welche Therapien es gibt und welche helfen. Das Schöne: In dem geschützten Umfeld hat jeder Geduld, wenn einmal die Worte fehlen. Denn das Gehirn funktioniert nach einem Schlaganfall oft nicht mehr wie gewohnt. Dieser entsteht durch ein verschlossenes Gefäß im Hirn (Hirninfarkt) oder durch eine Hirnblutung. Der Begriff Schlaganfall bezeichnet einen „schlagartigen“ Ausfall von Gehirnfunktionen. Der hat oft schwere Folgen – auch über lange Zeit. „Ich kann mir noch heute einfach keine Geburtstage merken“, sagt Melanie Kunze. Eine ebenfalls betroffene Bekannte, habe deswegen sogar eine Freundin verloren. „Sie rief an und kündigte eine 40-jährige Freundschaft, weil sie den Geburtstag vergessen hatte“, sagt Kunze.

Jeder 40. Deutsche hatte einen Schlaganfall

In der Selbsthilfegruppe kennen das Phänomen fast alle und haben Verständnis. „Wir wissen auch, was es bedeutet, wenn jemand plötzlich wieder Rad- oder Autofahren kann“, sagt Dahm. Dann seien alle in der Gruppe sehr ergriffen. Denn, um am öffentlichen Leben teilzunehmen, muss man mobil sein. „Das ist ein großer Schritt zu mehr Lebensqualität.“ Nicht jede hätte schließlich Menschen, die sie fahren. Das sei zum Beispiel das Problem einer Betroffenen, die sich für die Gruppe angemeldet hat, aber noch nie bei einem Treffen war. „Ihr Mann hat keine Zeit, sie zu fahren“, sagt Dahm – nicht einmal zu den nur einmal im Monat stattfindenden Treffen.

Das sei ein wichtiger Grund, warum bei der Menge an Schlaganfällen in Deutschland – etwa jeder 40. Deutsche ist davon betroffen – anteilig vergleichsweise wenige Betroffene in der Selbsthilfe organisiert sind, sagt Stefan Stricker von der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe, wo die Großefehntjer Gruppe gelistet ist. „Das liegt zum großen Teil eben daran, dass die Menschen nicht mehr so mobil sind“, sagt er. Stricker ist Ansprechpartner rund um die Selbsthilfe. 350 Schlaganfall-Selbsthilfegruppen sind bei der Stiftung gemeldet. Seit dem Rückgang in der Corona-Zeit gebe es jetzt endlich wieder mehr Neugründungen als aufgelöste Gruppen, so Stricker.

Alle Themen dürfen auf den Tisch kommen

Er weiß, was die Menschen bewegt, die mit den Folgen eines Schlaganfalls zu kämpfen haben. Darunter seien auch viele Themen, die einige lieber in einem kleinen Kreis – unter Männern oder Frauen und ohne Angehörige – besprechen möchten. Inkontinenz zum Beispiel. Auch auf das Sexualleben kann sich ein Schlaganfall auswirken. Themen, über die offen zu sprechen für viele schwierig sei. „Trotzdem ist die Gruppe in Großefehn bei uns die einzige ausschließlich für Frauen und ohne Angehörige“, so Stricker. Das sei alleine wegen der wenigen Betroffenen, die das Angebot wahrnehmen können, auf dem Dorf oft ein Problem.

In Großefehn klappt das – sehr zur Freude von Anke Dahm. „Wir können in diesem Kreis viel offener miteinander reden“, erklärt sie. Themen gibt es viele – auch die Partnerschaft sei von den Folgen eines Schlaganfalls betroffen. „Gerade nach einem Schlaganfall sind Menschen auf den Partner angewiesen. Wenn sich dann herausstellt, dass der dafür nicht der Richtige ist, ist das sehr belastend.“ Auch für solche Probleme müsse es einen Raum geben. Es gebe aber auch das Gegenteil: „Manchmal wollen die Partner, dass ihre Frauen hierherkommen, weil ihnen der Austausch guttut.“ Für Dahm ist die Gruppe ein Angebot von vielen. „Wir leiten unsere Mitglieder auch weiter an die anderen Gruppen, die es in der Region gibt, und mit denen wir eng zusammenarbeiten.“

→ Wer Kontakt zu den „aktiven Schlagfertigen Großefehn“ aufnehmen oder Informationen über regionale Gruppen erhalten möchte, die nicht bei der Schlaganfallhilfe gelistet sind, kann sich an Anke Dahm wenden. Sie ist unter der Nummer 0173.9187810 über WhatsApp erreichbar. Weitere Selbsthilfegruppen an anderen Orten sind unter anderem auf der Seite der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe sowie bei den regionalen Selbsthilfekontaktstellen zu finden.

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