Holocaust-Überlebender im Gespräch Wie ein Brief für Gábor Lengyel nach 76 Jahren Gewissheit schafft
Dr. Gábor Lengyel ist 80 Jahre alt, als er erfährt, wo seine von Nazis verschleppte Mutter begraben liegt. Uns hat der Holocaust-Überlebende die Geschichte erzählt.
Leer/Hannover/Budapest - Dr. Gábor Lengyel war drei Jahre alt, als er seine Mutter verlor. Und 80, als er erfuhr, was mit ihrem Leichnam passiert ist. Das war vor drei Jahren. Anders als sie überlebte Lengyel den Holocaust, den er als Shoah bezeichnet. Das Wort kommt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie „Untergang“ oder „Katastrophe“. In Leer hat sich der Rabbiner, der inzwischen in Hannover lebt, mit uns getroffen und seine Geschichte erzählt.
Lengyel sei kein Zeitzeuge der Shoah, betont der 83-Jährige. Denn Erinnerungen an die Nazi-Zeit habe Lengyel keine. Schließlich war er noch ein kleines Kind, als der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Ermordung von Millionen Juden, Sinti und Roma und weiteren politischen Gefangenen 1945 ein Ende nahm. „Ich bin nur ein glücklicher Überlebender“, sagt Lengyel. Etwas, das anderen Familienmitgliedern nicht vergönnt war.
Mutter Janka kam nie im KZ Dachau an
Geboren wurde Lengyel am 3. Januar 1941 in Budapest. Seine Mutter und sein Vater waren streng gläubige Juden und wurden im Oktober 1944 von Nazis verschleppt, erzählt Lengyel. Da war er noch nicht einmal vier Jahre alt. Er überlebte mit seinem Bruder im Ghetto von Budapest bei einer Tante. „Mein Vater konnte sich retten und kehrte 1945 zurück“, weiß der Rabbiner aus Erzählungen. Wie ihm das gelang, ist unklar. „Wir haben nie darüber gesprochen, was passiert ist. Die schweigende Generation – ob Täter oder Opfer“, sagt Lengyel. Sein Vater stirbt 1956 – elf Jahre nach Gábor Lengyels Mutter.
Heute weiß der Rabbiner, dass ihr Tod ein schrecklicher Tod gewesen sein muss. Es sei im Frühjahr 1945 gewesen, Lengyel selbst war da vier Jahre alt. 500 Frauen sollten damals vom Konzentrationslager (KZ) Ravensbrück nach Burgau, einem Außenlager des KZ Dachau, gebracht werden. Sie wurden in Viehwaggons gepfercht, etwa 100 Frauen pro Anhänger. Die Fahrt hätte nur acht Stunden dauern können. Am Ziel eingefahren ist der Zug nach 16 Tagen. Viele sind in Burgau angekommen, viele andere nicht. „Meine Mutter gehörte zu denen, die nicht angekommen sind“, sagt Lengyel. Das war im März 1945. Im April desselben Jahres befreien Einheiten der US-Armee sowohl das KZ Dachau als auch das KZ Ravensbrück.
Das Schicksal der Frauen, die in den überfüllten Waggons ihr Leben lassen mussten, erfuhr der Rabbiner erst Anfang der 2000er nach einer Shoah-Konferenz, bei der ihm zwei Bücher empfohlen wurden. Eines davon: „Zug ins Verderben: Von Ravensbrück nach Burgau“ von Eva Langley-Danos. Sie war eine Überlebende der Todesfahrt und schilderte darin ihre Erfahrungen. Namen wurden zwar nicht genannt. „Aber immerhin kannst du dir vorstellen, was passiert ist. Das ist ein Tagebuch, jeden Tag hat sie etwas geschrieben“, sagt Lengyel. Was mit den Körpern der toten Frauen passierte, konnte Lengyel dennoch lange Zeit nur vermuten. „Ich bin davon ausgegangen, dass die Leichen einfach vom Zug geschmissen wurden“, sagt der Rabbiner. Ein Brief sollte dies ändern.
Ein Brief eines Unbekannten brachte vor drei Jahren Gewissheit
Der Brief landete im Januar 2021 im Briefkasten des damals 80 Jahre alten Rabbiners. Den Absender habe er nicht gekannt, sagt Lengyel. Es sollte sich herausstellen, dass Alfred Hausmann den Brief geschrieben hatte. Darin berichtet der pensionierte Lehrer, er habe lange über das Leben und Sterben von fünf jüdischen Frauen geforscht, deren Leichen im März 1945 an dem Bahnhof von Hochzoll in Augsburg ankamen und in der Stadt bestattet wurden. Hausmann sei sich sicher, schrieb er an Gábor Lengyel: „Eine ist Ihre Mutter Janka Lengyel.“ Es stimmte. „Als ich das erfuhr, flossen die Tränen. Ich sagte es sofort meiner Frau und meinen Kindern. Ich konnte kaum sprechen“, sagt der Rabbiner. Lengyel hatte nach 76 Jahren Gewissheit und einen Ort zum Gedenken, den er im November 2021 bei strömendem Regen zum ersten Mal besuchte.
Wut wurde zu Trauer. Ein Kreis habe sich für Lengyel geschlossen, beschreibt er seine Gedanken. „Es war beruhigend. Natürlich ist es ein anderes Gefühl, ob eine Leiche von einem Waggon geschmissen wurde oder eine Ruhestätte hat“, sagt der 83-Jährige. Gerade im Judentum sei eine schnelle Bestattung wichtig, damit die Toten Ruhe finden können, erklärt er. „Der Krieg war noch nicht zu Ende, als meine Mutter starb. Offensichtlich waren da unter den Millionen Barbaren trotzdem Menschen, die gesagt haben, dass die Leichen beerdigt werden müssen“, sagt Lengyel.
Rabbiner gibt Workshops und Vorträge in Schulen
Heute nutzt der Rabbiner seine Erfahrung unter anderem, um jüngere Menschen aufzuklären. Bereits Anfang dieses Jahres war er zusammen mit einer Muslima in Schulen zu Gast, unter anderem in Leer. Das Ziel: Demokratieförderung. „Man könnte sagen, wir provozieren die Schüler mit moralisch fragwürdigen Thesen“, sagt Lengyel und lacht. Es ist ein herzliches Lachen, trotz allem, was er bereits erlebt hat. Die Schülerinnen und Schüler sollen Argumente für und gegen diese Thesen finden. „Wir wollen sie lehren, wie man sich in andere hereinversetzen und zuhören kann. Demokratieförderung eben“, sagt der Rabbiner.
Das sei auch am Donnerstag, 22. August 2024, sein Ziel am Teletta-Groß- sowie am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer gewesen. Dort hielt er einen Vortrag über den Israel-Palästina-Konflikt. „Ich werde keine Propaganda-Rede halten“, sagt der Rabbiner einen Tag vorher im Gespräch mit dieser Zeitung. Stattdessen wolle er den Kontext und die Beweggründe beider Seiten erklären. „Die Zerrissenheit aufzeigen“, wie er sagt. „Wir sind alles Menschen. Wir müssen versuchen, einander zu verstehen.“