Osnabrück  Ephraim Kishon: Der Jude, der Deutsche nach dem Holocaust das Lachen wieder lehrte

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 23.08.2024 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ephraim Kishon, einer der meistgelesenen Autoren in Deutschland und Israel, blättert in einem Sammelband mit allen seinen Satiren in den Räumen seines Münchner Hausverlags Langen-Müller. Foto: Frank Mächler/ dpa/
Ephraim Kishon, einer der meistgelesenen Autoren in Deutschland und Israel, blättert in einem Sammelband mit allen seinen Satiren in den Räumen seines Münchner Hausverlags Langen-Müller. Foto: Frank Mächler/ dpa/
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Der Migrant als Auflagenmillionär: Ephraim Kishon hat mit seinen Satiren das Lesepublikum verzaubert. Dabei kannte er ein Leben in Todesgefahr. Wie Kishon das Lachen lehrte - als Mittel zum Weiterleben.

„Ich bin kein Schriftsteller, ich bin nur ein Humorist“: Immer mit Augenzwinkern, so schreibt Ephraim Kishon, mit Augenzwinkern, das die Bitterkeit versteckt, mit der ein Autor nach den Lagern ein Leben lang zu kämpfen hat. In seinem „Interview mit sich selbst“ von 1974 erklärt sich ein Auflagenmillionär zur Nebensache, stellt sich der Humorist auf den kleinen Sockel neben den hohen, der den Dichtern vorbehalten bleibt. Ephraim Kishon, der große Meister der kleinen Form.

Hinter der ironischen Camouflage verbirgt sich nichts anderes als der blanke Sarkasmus. Im „Interview mit sich selbst“ heißt es über die Menschen: „Und je gründlicher ich meine Illusionen über sie aufgebe, desto liebenswerter erscheinen sie mir“. Auch dieser Satz ist eine höflich verpackte Mogelei. Denn Kishon hat sie überlebt, die Konzentrationslager der Nazis. Aber da hieß der am 23. August 1924 Geborene noch Ferenc Hoffmann.

Von diesem Namen wusste der bundesdeutsche Durchschnittsleser, der über Kishons Satiren schmunzelte, so wenig etwas wie über jenen jungen Mann, der nur deshalb den Terror überlebte, weil ein Lagerkommandant ihn als Partner für das Schachspiel entdeckte. Er habe den Kommandanten immer so gewinnen lassen müssen, dass dieser es nicht bemerkt habe, erzählen Angehörige später. Der 20 Jahre alte junge Mann aus Budapest, der noch lange nicht Kishon heißt, spielt mit jeder Partie um sein Leben.

Kishon kommt als Ferenc Hoffmann in Budapest zur Welt. Als Schüler bereits für das Schreiben begabt, darf er wegen antisemitischer Gesetze nicht studieren. Er beginnt eine Lehre als Goldschmied, absolviert später noch ein Kunststudium. Er wird 1944 in ein tschechisches Lager der Nazis deportiert, später den Gulag der Sowjetunion. Beide Male gelingt ihm die Flucht. Kishon geht nach Palästina, wo er als Kolumnist und Autor arbeitet.

Von all dem weiß die bundesdeutsche Leserschaft nichts. Ephraim Kishon: Ausgerechnet ein Jude lehrt die verstockten Deutschen das Lachen. Schmunzeln nach dem Holocaust: Der Satiriker leistet ein zu Lebzeiten unentdecktes Versöhnungswerk.

Vergessen kann er nicht. Er schreibt hinter schalldichten Türen, Bücher mit schnell sprichwörtlichen Titeln wie „Drehn sie sich um, Frau Lot“. Der Mann, der so liebevoll über „die beste Ehefrau von allen“ zu schreiben weiß, hat immer eine Pistole in Griffweite. Er will in seinem Leben nie wieder wehrlos sein.

43 Millionen verkaufte Bücher, davon allein 30 Millionen in Deutschland: Die Deutschen feiern Günter Grass und Heinrich Böll, lesen aber lieber Kishon. Sie schlagen sich bei seinen Satiren vor Lachen auf die Schenkel, sogar dort, wo die Lebensgefahr, die ihr Autor auszuhalten hatte, offen zu Tage tritt.

In der Satire „Meine Masseneinwanderung“ von 1974 witzelt Kishon über jenen Grenzbeamten, dem er bei der Einwanderung nach Palästina seinen neuen Namen zu verdanken hat. Ephraim Kishon: Das Markenzeichen, eines der wertvollsten auf dem literarischen Markt der Bundesrepublik, ist ein Kunstname, den der Autor von einem Grenzkontrolleur zugewiesen bekommt.

Es ist ein Heimatloser, ein Migrant, ein Überlebender, der die Deutschen nach verlorenem Weltkrieg und dem Zivilisationsbruch des Holocaust wieder das Lachen lehrt. „Die Enkel der Henker stehen bei meinen Lesungen Schlange“, bilanziert Kishon in einem Interview und wieder steigt durch die nonchalante Causerie die Bitterkeit in giftigen Blasen hoch. Der Jude Kishon kultiviert Satire als Lebensrettung. Alle applaudieren, kaum einer versteht.

„Wie unfair, David“, „Pardon, wir haben gewonnen“, „Nicht so laut vor Jericho“: Diese und weitere Titel sind in den sechziger und siebziger Jahren des 20 Jahrhunderts in der Bundesrepublik in aller Munde, Kishons schmale Taschenbücher in jeder Hand- oder Manteltasche. Er ist ein diskreter Massenseller, ein stiller Auflagengigant, ein Großmeister der gerade in der deutschen literarischen Tradition so gern belächelten, so genannten kleinen Form.

Bei seinen Lesungen stehen die Leute Schlange. Ob jemand von ihnen daran denkt, dass hier jemand signiert, den die KZ-Schergen um ein Haar auch in die Grube geworfen hätten?

Ephraim Kishon avanciert unter der Hand auch zum besten Botschafter des damals noch jungen Staates Israel. Er nimmt die Israelis aufs Korn und schreibt so listenreich über die politischen Konflikte in der arabischen Welt, dass seine Satiren auch heute noch frisch und unverbraucht wirken.

Der Mensch, eingeklemmt zwischen Konvention und Administration: Kishon beobachtet dieses hilflose Wesen mit einem Humor, der deshalb liebevoll ausfällt, weil in ihm die Rettung liegt, auch die Rettung vor jenen, deren verbissene Genauigkeit tödliche Folgen haben kann.   

Wer greift heute noch zu den Büchern von Kishon, der uns 2005 verlassen hat? Dabei lohnen sie gerade jetzt die Lektüre. Sicher, manche Themen, die Kishon behandelt hat, sind nicht mehr aktuell, soziale Reflexe haben sich verändert. Aber seine Kunst der ironischen Distanz, auch zu sich selbst, sie ist gerade jetzt als Verhaltenslehre wieder dringend gefragt. 100 Jahre Kishon! Glückwunsch – und schöne Grüße an die beste Ehefrau von allen.

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