Berlin  Strompreise stürzen immer häufiger ins Minus – so können Verbraucher profitieren

Maximilian Matthies
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Von Maximilian Matthies
| 22.08.2024 12:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An sonnenreichen Tagen können Strompreise an der Börse ins Negative rutschen. Foto: IMAGO/Panthermedia
An sonnenreichen Tagen können Strompreise an der Börse ins Negative rutschen. Foto: IMAGO/Panthermedia
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Der Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland sorgt immer häufiger für negative Strompreise – vor allem in den Sommermonaten. Verbraucher mit speziellen Tarifen können profitieren. Was Sie darüber wissen müssen.

Wer in Deutschland einen regulären Stromtarif nutzt, ist mit negativen Strompreisen wahrscheinlich noch nicht in Berührung kommen. Doch es gibt bereits eine Anzahl von Verbrauchern, die auf dynamische Stromtarife setzt.

Der Vorteil: Bei den Tarifen erfolgt die Abrechnung nicht wie sonst üblich über einen Festpreis pro Kilowattstunde, sondern der Preis ist bestimmt durch Angebot und Nachfrage an der Börse. Rutschen Strompreise ins Minus, können Verbraucher sogar Geld verdienen. Oder zumindest weniger Geld für die verbrauchte Kilowattstunde bezahlen.

Wie Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen, ist die Anzahl an Stunden mit negativen Strompreisen in den vergangenen Jahren angestiegen. Eine Auswertung, die unserer Redaktion vorliegt, ergibt: Während im Januar 2020 noch drei Stunden mit negativen Strompreisen verzeichnet sind, lag die Anzahl im Januar dieses Jahres bereits bei 16 Stunden. Grundlage für die Preisbildung ist der Großhandel am Day-Ahead-Markt.

Während der sonnenreichen Monate legte die Häufigkeit von Stunden mit negativen Strompreisen nochmal deutlich zu. Den Rekord stellte nach den aktuellen Zahlen der Juli 2024 mit insgesamt 81 Stunden auf, die sich auf 14 Tage verteilen. Ähnliches Bild im Mai dieses Jahres: Ebenfalls an 14 Tagen waren negative Strompreise abgebildet, die Stundenanzahl betrug 78.

Tabelle zeigt: Anzahl der Stunden, in denen der Großhandelsstrompreis am Day-Ahead-Markt negativ war, seit 2020

Für Johan Warburg, Manager beim Stromanbieter Tibber, ist die Zunahme negativer Strompreise keine Überraschung. Der Experte erwartet künftig noch weitere Steigerungen durch den Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind und Solar, prognostiziert er im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Effekt könne sich erst umkehren, wenn eine höhere Speicherkapazität mit Batterien vorhanden sei und die Flexibilität beim Verbrauch zunehme.

Schon jetzt zeigen sich im Tagesverlauf deutliche Schwankungen. Vor allem in den Mittagsstunden, wenn viel Strom vorhanden ist, sinken die Strompreise. In den Abendstunden, wenn besonders viel Strom nachgefragt wird, ist der Preis pro Kilowattstunde am höchsten.

Tibber-Kunden mit dynamischen Tarifen konnten in der Vergangenheit bereits von negativen Strompreisen profitieren. Um Geld zu verdienen, müsste der Preis allerdings deutlich ins Minus rutschen und laut Warburg zwischen -15 Cent und -20 Cent pro Kilowattstunde betragen. Abzüglich Abgaben könne der Preis dann noch unter 0 Euro liegen. So geschehen etwa im Juli vergangenen Jahres, als die Kilowattstunde -50 Cent kostete. Damals hätten Kunden sich darüber gestritten, „wer die Krone für den höchsten Stromverbrauch erhält“. Einer habe 15 Euro verdient, weil er bei sich Zuhause alle Geräte eingeschaltet habe.

Mit dynamischen Stromtarifen lässt sich unter Umständen Geld sparen. Das verdeutlicht das Beispiel eines Tibber-Nutzers, der seit Februar dieses Jahres den Anbieter nutzt. Unter Herausrechnung „zusätzlicher Preisbestandteile“ wie etwa Netzentgelte, Steuern und Co. kann der Strompreis negativ sein. Kunden verzeichnen in diesem Fall sehr niedrige Kosten für ihren Verbrauch, gelangen allerdings nicht wirklich in den negativen Bereich, wo sie Geld verdienen könnten.

Gegenüber unserer Redaktion beschreibt der Nutzer, wie er seinen Verbrauch bereits optimieren konnte. Im Vergleich zu einem vorherigen Durchschnittspreis von rund 38 Cent pro Kilowattstunde beim örtlichen Versorger, liege dieser mittlerweile bei 27 Cent, was eine kräftige Ersparnis bedeute. Die besten Ergebnisse ließen sich mit einer smarten Ausgestaltung von technischen Geräten erzielen, ist der Nutzer überzeugt.

Ein dynamischer Stromtarif kann jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung laufen. Durch starke Preisverwerfungen an der europäischen Strombörse Epex Spot mussten Verbraucher im Juni plötzlich knapp drei Euro pro Kilowattstunde zahlen. Besonders Tibber-Kunden waren betroffen. Die Preisschwankungen waren auf ein technisches Problem zurückzuführen. In der Folge mussten Auktionen zwischen einzelnen Ländern wie etwa Deutschland, Österreich, Dänemark und Frankreich entkoppelt werden.

Gegenüber dem „Handelsblatt“ schilderte Energieexperte Tobias Federico, Managing Director des Analysehauses Energy Brainpool, die Entkopplung der Strommärkte zeige ein Szenario auf, das eintreten würde, wenn Deutschland sich komplett selbst mit Strom versorgen müsste – ohne Importe aus den Nachbarländern.

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