Schäfer schlagen Alarm  Blauzungenkrankheit bedroht ostfriesische Betriebe existenziell

Rilana Kubassa
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Von Rilana Kubassa
| 23.08.2024 11:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Anne und Dennis Bonsemeyer machen sich Sorgen um ihre Schafe – und um ihre Zukunft. Foto: Ortgies
Anne und Dennis Bonsemeyer machen sich Sorgen um ihre Schafe – und um ihre Zukunft. Foto: Ortgies
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Die Blauzungenkrankheit verbreitet sich rasant, besonders häufig sterben Schafe daran – die in Ostfriesland wichtig für den Deichschutz sind. Schäfereien wollen einen Ausgleich für verendete Tiere.

Petkum - Wenn Anne und Dennis Bonsemeyer dieser Tage auf den Emsdeich gehen, um nach den Schafen zu sehen, haben sie schon ein mulmiges Gefühl. Täglich finden die Landwirte dort verendete oder schwer kranke Tiere. Obwohl die ganze Herde seit drei Wochen durchgeimpft sei, wie sie sagen.

Seit etwa drei Wochen ist die Herde der Landwirte Anne und Dennis Bonsemeyer aus Petkum von der Blauzungenkrankheit befallen. „Seit gestern sind zwei Muttertiere und ein Lamm gestorben“, sagt Dennis Bonsemeyer beim Besuch der Redaktion auf dem Hof am 20. August. Von den 500 Mutterschafen plus Lämmern seien bereits 78 gestorben, am Tag der Veröffentlichung des Artikels zwei Tage später sind es 82.

Das Lamm starb an der Blauzungenkrankheit. Foto: Kubassa
Das Lamm starb an der Blauzungenkrankheit. Foto: Kubassa

Ein gerade verendetes Lamm bietet einen traurigen Anblick. Es hat noch die Augen geöffnet, am Maul sind Spuren des verstärkten Speichelflusses zu erkennen – ein bei Schafen häufiges Symptom der Blauzungenkrankheit. „Es sollte nächstes Jahr für die Zucht mit in die Herde“, sagt Dennis Bonsemeyer.

Schafen sterben eher an der Blauzungenkrankheit

Seit Herbst 2023 tritt die Blauzungenkrankheit (kurz: BT), hervorgerufen durch den Virusstamm BTV-3, in Niedersachsen auf. Laut der Niedersächsischen Tierseuchenkasse sind Wiederkäuer wie zum Beispiel „Rinder, Schafe, Ziegen und Wildwiederkäuer sowie Kamele, zu denen auch Alpakas und Lamas zählen“, betroffen.

Im Gegensatz zu Rindern sterben Schafe ungleich häufiger an der Krankheit. Symptome sind neben vermehrtem Speichelfluss und Schaumbildung vor dem Maul laut dem Niedersächsischen Landesamt für Landwirtschaft und Verbraucherschutz (LAVES) „erhöhte Körpertemperatur, Apathie und Absonderung von der Herde sowie typische Veränderungen der Schleimhäute.“ Auch Schwellungen der Zunge und am Hals, ein entzündeter Kronsaum an den Klauen, Lahmheiten und Fehlgeburten kommen vor.

Übertragen wird das Virus, das die anzeigepflichtige Blauzungenkrankheit auslöst, durch kleine Blut saugende Mücken, die Gnitzen. Bei der Blutmahlzeit an einem infizierten Tier nehmen die Gnitzen die Viren mit dem Blut auf und übertragen es mit dem Speichel auf das nächste Tier. Milde Winter und feucht-warme Temperaturen gelten als förderlich für die Gnitzen.

Fieber, Lahmen, Schaum- und verstärkte Speichelbildung sind einige der Symptome der Blauzungenkrankheit. Fot: Kubassa
Fieber, Lahmen, Schaum- und verstärkte Speichelbildung sind einige der Symptome der Blauzungenkrankheit. Fot: Kubassa

Schäfereien sind existenziell betroffen

Die Kosten für den Ausfall durch verendete Tiere beziffern die Bonsemeyers mittlerweile auf rund 15.000 Euro. Eine Ausfallversicherung, die die Kosten für verendete Tiere ersetzt, haben sie nicht. „In der Schäferei sitzt das nicht mehr drin“, sagen sie. Das Geld reiche auch nicht für Rücklagen, die diese Verluste ausgleichen könnten, so Anne Bonsemeyer. Ein weiterer Punkt sind Kosten für Impfungen, den Tierarzt und Medikamente. Bislang belaufen sich die auf etwa 2500 Euro, sagen sie.

Für den Impfstoff für Schafe und Ziegen zahlt die Niedersächsische Tierseuchenkasse eine Härtebeihilfe von drei Euro pro geimpftem Tier. Weiteren Härteausgleich gibt es derzeit nicht mehr. Für Dennis Bonsemeyer ist das nicht nachvollziehbar. Seine Schafe tragen aktiv zum Deichschutz bei, sagt er. Sie grasen sozusagen im Auftrag der Moormerländer Deichacht auf dem Emsdeich, halten die Grasnarbe kurz und verdichten den Boden durch ihren Tritt. „Sie sind ein Bollwerk gegen Sturmfluten“, sagt Dennis Bonsemeyer.

Schafe sind wichtig für den Deichschutz

Die Verantwortung für die Schäden durch die Blauzungenkrankheit sehen die Bonsemeyers deshalb nicht nur bei den Schäfereien. „Das ist nicht alleine tragbar“, macht Dennis Bonsemeyer deutlich. „Die Ausfälle müssen übernommen werden.“

Heiko Albers, Oberdeichrichter der Moormerländer Deichacht, ist ebenfalls der Ansicht, dass die Deichschäfereien stärker unterstützt werden sollten. „Wir sind sehr darauf angewiesen, dass die Schafe den Deich pflegen“, sagt er.

Die Deichacht leiste deshalb bereits Hilfe, etwa bei Wolfsrissen. „Wenn zu wenig Schafe am Deich laufen, hat das Wasser mehr Angriffsfläche“, weiß er. Die Deichacht wolle nun abwarten, ob die Tierseuchenkasse einen weiteren Härtefallausgleich für betroffene Schäfereien gewährt. „Wenn nicht, dann werde ich dafür plädieren, die Schäfereien zu unterstützen“, so Albers.

10 bis 20 Prozent einer Herde können sterben, in Einzelfällen auch mehr

Auch Antje Hamann-Thölken vom Schaf- und Ziegengesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer Niedersachsen findet jede weitere Hilfe für die Schäfereien sinnvoll. „Das ist existenzbedrohend, das braucht man nicht zu beschönigen“, sagt sie über die grassierende Seuche.

Laut dem Tierarzt Hansjörg Heeren aus Ihlow können zehn bis zwanzig Prozent der Herden an der Krankheit sterben. In Einzelfällen hält Hamann-Thölken auch höhere Zahlen für möglich – etwa wenn die Tiere schon vorbelastet seien durch andere, kleinere Infektionen. „Schafe sind bei Sonne allein schon durch die Thermoregulation belastet“, sagt sie.

Auf der Weide am Haus behandeln Anne und Dennis Bonsemeyer schwer erkrankte Tiere. Foto: Kubassa
Auf der Weide am Haus behandeln Anne und Dennis Bonsemeyer schwer erkrankte Tiere. Foto: Kubassa

Impfen ist erst seit Juni möglich

Die Seuche verbreitet sich schnell, bis zu den ersten klinischen Symptomen dauert es bei Schafen laut LAVES sieben bis acht Tage. „Man kann nicht immer sehen, ob ein Tier schon infiziert ist“, so Hamann-Thölken. Eine Impfung bereits infizierter Tiere könne die Symptomatik deutlich verstärken, erklärt die Expertin.

Laut einem Vortrag der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) im September 2023 zeichnet sich BTV-3 durch eine hohe Mortalität aus. „Deshalb sollte alles darangesetzt werden, dass vor Beginn der Gnitzensaison 2024 ein BTV-3-Impfstoff zur Verfügung steht“, heißt es darin.

Einen regulär zugelassenen Impfstoff gibt es aber aktuell in Europa nicht. Die Verwendung der existierenden Impfstoffe wurde lediglich durch eine Rechtsverordnung des Bundes erlaubt.

Ausgleich für verendete Tiere verfällt mit der Möglichkeit zu impfen

In einem Schreiben der Niedersächsischen Tierseuchenkasse vom 11. Juni 2024, das an die Veterinärbehörden ging, heißt es, dass die im November 2023 gewährte Härtebeihilfe von 90 Euro pro verendetem Schaf nur bis zum 1. Juli 2024 gelte – da Anfang Juni der Impfstoff per Eilverordnung in Anwendung kommen konnte und „schwere klinische Verläufe mit der Impfung zu einem Großteil verhindert werden können.“

Dennoch habe jeder Landwirt das Recht auf einen Härtefallantrag, so Dr. Ursula Gerdes von der Niedersächsischen Seuchenkasse. „Mann muss darlegen, worin die Härte besteht und nachweisen lassen, dass die Ursache für den Ausfall die Blauzungenkrankheit ist“, erläutert sie. Spätestens ab August hätten Todesfälle aufgrund der Seuche aber durch eine rechtzeitige Impfung vermieden werden können. „Es stand ausreichend Impfstoff zur Verfügung“, sagt sie.

Sorgen um die Zukunft

Auf dem Hof in Petkum kommt noch während des Gesprächs mit der Redaktion ein weiteres totes Schaf hinzu. Es liegt leblos es auf der Weide am Haus – der Krankenstation, wie die Bonsemeyers sie nennen. Hierher bringen sie die Tiere, die schwer krank sind, und versorgen sie mit Schmerzmitteln und Entzündungshemmern. „Wir wollten im Juni impfen, aber da war nicht genug Impfstoff da, es reichte nur für die Kleinen“, sagen sie. Erst Mitte Juli hätten sie die restlichen Tiere der Herde impfen können.

Die Landwirte machen sich nun Gedanken um die Zukunft. Seit 2018 betreiben sie hier die Schäferei, aber „solche Sorgen hatten wir noch nie“, sind sie sich einig. „Man mag die toten Tiere nicht mehr zählen“, sagt Anne Bonsemeyer. „Das geht an die Psyche“, fügt ihr Mann hinzu. Immer wahrscheinlicher wird nun, dass die Ausfälle in diesem Jahr sich wirtschaftlich auch negativ auf das nächste Jahr auswirken.

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