Osnabrück  Der Rücktritt war überfällig – dennoch: Respekt und Danke, Manuel Neuer!

Jacob Alschner
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Von Jacob Alschner
| 21.08.2024 17:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wohl der größte Tag seiner Karriere: Am Gewinn des WM-Titels im Maracanã-Stadion hatte Manuel Neuer großen Anteil. Foto: imago/Moritz Müller
Wohl der größte Tag seiner Karriere: Am Gewinn des WM-Titels im Maracanã-Stadion hatte Manuel Neuer großen Anteil. Foto: imago/Moritz Müller
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Manuel Neuer tritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurück – nach über 15 Jahren im Dress des DFB. Die Entscheidung dazu kommt spät, womöglich zu spät. Und dennoch verdient sie – und damit auch der Torwart selbst – höchsten Respekt, findet Sportredakteur Jacob Alschner.

Die Stimme ist ein wenig wackelig, Manuel Neuer seufzt ein paar Mal in dem Instagram-Video, mit dem der DFB-Weltmeistertorwart am Mittwochnachmittag das Ende seiner Nationalmannschaftskarriere bekannt gegeben hat. Dieser Schritt sei ihm nicht leicht gefallen, sagt Neuer. Man nimmt es ihm ab. Und obwohl die Entscheidung längst überfällig war, ist sie doch richtig. Man muss dem 38-Jährigen Respekt dafür zollen.

„Irgendwann musste der Tag ja kommen“, sagt Neuer in dem Video. ‚Ist das so?‘, dürften sich Zyniker unter den Beobachtern des deutschen Fußballs beim Ansehen gefragt haben. Über die letzten Jahre hinweg schien es fast so, als würde Neuer das deutsche Tor bis in alle Ewigkeit hüten. Neuers (gemessen an seinen Fähigkeiten zuletzt zu oft mangelhafte) Leistungen, etwa beim Vorrunden-Aus bei der WM in Katar, waren ihm jedenfalls kein Grund, mit damals bereits 36 Jahren zurückzutreten.

Wenige Wochen später brach sich Neuer bei einem Ski-Unfall den Unterschenkel, es war klar: Er würde lange Zeit ausfallen. Doch statt Karriereende (und damit verbundenem Rücktritt) pausierte Neuer nur. 311 Tage war er außen vor beim FC Bayern München und im DFB, verpasste in Summe 44 Pflichtspiele. Und als er, über ein Jahr und einen weiteren Muskelfaserriss später, wieder fit (oder besser: wieder da) war, schlüpfte er kurz vor der Heim-EM 2024 mir nichts, dir nichts wieder ins Trikot mit seiner Nummer, der Eins. Alles andere war nie Neuers Anspruch. Nicht beim FCB, nicht beim DFB. Deshalb dürfte es ihm so schwerfallen, nun aus der Nationalmannschaft zurückzutreten. Deshalb verdient er Respekt.

Alles andere als die Nummer eins übrigens war aber auch eigentlich nicht der Anspruch von Marc-André ter Stegen, der seit Jahren als Thronfolger des Torwartkönigs Neuer gilt. Doch ter Stegen musste sich, trotz herausragender Leistungen für den FC Barcelona und als amtierender Fußballer des Jahres in Spanien, bis dato weiter hinten anstellen, während Neuers Formkurve längst nicht mehr das Hoch von einst erreichte. Nun hat er abgedankt, ter Stegens Stunde dürfte gekommen sein. Und das wurde auch Zeit.

Man kann Neuer das Festklammern an seinem Status nur bedingt vorhalten; wenn man nämlich unterstellt, er hätte früher einen Sinn dafür haben müssen, wann es Zeit ist, zu gehen. Man kann es trotzdem kritisieren und sich nun irgendwie erleichtert fühlen, dass Neuer seinen Hut nimmt. Einzig: Man sollte ihm auch dankbar sein.

Für das, was er dem deutschen Fußball und damit auch dessen Nationalmannschaft gegeben hat: die Fortsetzung der Riege der Welttorhüter à la Andreas Köpke oder Oliver Kahn zum Beispiel, die dieses Land hervorgebracht hat. Für die Revolution des Torwartspiels. Für einen über Jahre hinweg sicheren, beinahe unüberwindbar scheinenden Rückhalt in 124 Länderspielen. In 51 davon wurde Neuer nicht überwunden. Oder aber, und das vor allem, für den Löwenanteil, den Neuer am WM-Titel 2014 in Brasilien hatte. Unvergessen sind (und bleiben hoffentlich) die Paraden gegen Algerien, Frankreich oder Argentinien in der K.o.-Phase des Turniers, die das DFB-Team schlicht sportlich überleben ließen. Neuer glänzte als „Sweeper Keeper“, frei übersetzt als Torwart auf Abwegen, der auch mal 25 Meter vor dem eigenen Tor einen Ball ins Seitenaus kloppte. Und, wenn es sein musste, seinen Gegenspieler zur Not gleich mit.

Wer auch immer Neuer nachfolgt beim DFB, direkt oder in zweiter, dritter, vierter Generation: Die Latte, an der die zukünftigen Nationaltorhüter gemessen werden, liegt hoch. Höher noch, als sie vor Neuers Amtszeit lag.

Zum Schluss des Videos übrigens lässt sich ein leichtes Beben in der Stimme Neuers erahnen, als er sagt, er habe es geliebt, das deutsche Trikot zu tragen. „Vielen Dank dafür“ schließt Neuer wörtlich. ‚Danke, Deutschland!‘ wird eingeblendet, als alles gesagt ist. Aus Reporter- wie aus Fan-Sicht kann da nur eins bleiben: Danke, Manuel Neuer.

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