Osnabrück Bei Anruf „Sorry!“ – wenn Pflegebedürftige keinen Heimplatz finden
Täglich müssen ambulante und stationäre Einrichtungen im Schnitt drei Versorgungsanfragen ablehnen. Die Initiative „Bei Anruf Sorry“ dokumentiert den akuten Pflegenotstand und fordert dringend Abhilfe.
„Als Spezialeinrichtung für Menschen mit Demenz erreichen uns täglich, manchmal mehrmals am Tag Anrufe und E-Mails verzweifelter Angehöriger“, erzählt die Leiterin einer stationären Pflegeeinrichtung in Niedersachsen: „Wir würden so gern helfen und die Betroffenen unterstützen!“ – geht aber nicht. Keine freien Kapazitäten. Woanders klingt es ähnlich.
Tatsächlich bekommen Angehörige von Pflegebedürftigen, die weder einen ambulanten Pflegedienst noch einen Heimplatz finden, immer häufiger zu hören, dass sie wohl nicht drumherum kommen werden, die Versorgung selbst zu übernehmen. Mit all ihrer Belastung.
Nun machen Pflegeanbieter und Angehörige von Gepflegten mit der Kampagne „Bei Anruf Sorry“ auf den Mangel aufmerksam; sie haben die Äußerungen von Betroffenen dokumentiert und eine Umfrage gemacht, wie oft Versorgungsanfragen abgelehnt werden.
Das Ergebnis ernüchtert: Über vier Wochen gingen beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste rund 850 Meldungen von Pflegeheimen, ambulanten Pflegediensten und Tagespflegen aus ganz Deutschland ein. Jede dieser Einrichtungen musste im Schnitt täglich drei Versorgungsanfragen ablehnen, obwohl dringender Bedarf bestand.
„Die größte Herausforderung bei uns ist die personelle Besetzung. Mein ganzes Team hat hier täglich 110 Prozent Stress“, sagt der Leiter einer Tagespflege in Schleswig-Holstein. Mit den ins Alter gekommenen geburtenstarken Jahrgängen, den sogenannten Boomern, wachse auch der Pflegebedarf. „Das wird immer schwieriger und man wird keine andere Möglichkeit haben als: Es tut mir leid, ich kann Sie nicht versorgen“.
Doch Besserung ist kaum in Sicht. Laut Statistischem Bundesamt waren 2021 knapp fünf Millionen Menschen hierzulande pflegebedürftig. Davon wurden rund 4,1 Millionen zu Hause versorgt, gut 2,5 Millionen von ihnen ausschließlich von Angehörigen ohne zusätzliche Betreuungsdienste.
Allein durch die zunehmende Alterung wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland laut Prognosen der Statistiker bis 2055 um ein gutes Drittel auf dann rund 6,8 Millionen steigen.
Doch wie darauf reagieren? Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste und die Interessenvertretung pflegender Angehöriger „Wir Pflegen e. V.“ mahnen von der Politik wirksame Schritte zur Personal- und zur Leistungssicherung für die Betroffenen an. Nur so ließen sich die Versorgung von Bedürftigen unabhängig vom Pflegegrad und die Unterstützung der pflegenden Angehörigen sichern. Eine Auswahl:
Und was, wenn alles mehr oder weniger bleibt, wie es ist? Angesichts des Fachkräftemangels dürfte es für Pflegebedürftige und deren Familien mit jedem Tag schwieriger werden, Hilfe zu erhalten, ob stationär oder ambulant – und ein Großteil der Pflege bliebe in der Verantwortung der Angehörigen, die sich oft alleingelassen fühlen und die Lage immer häufiger weder finanziell noch psychisch stemmen können.