Krank, unterernährt, verwahrlost  Gegen das Elend verwilderter Katzen hilft nur eines

Melanie Hanz
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Von Melanie Hanz
| 20.08.2024 10:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dieses Kätzchen stammt von einem Bauernhof und wurde zur Tierhilfe gebracht. Wenn das Kätzchen alt genug ist, sucht es ein schönes Zuhause. Foto: Tierhilfe Ostfriesland
Dieses Kätzchen stammt von einem Bauernhof und wurde zur Tierhilfe gebracht. Wenn das Kätzchen alt genug ist, sucht es ein schönes Zuhause. Foto: Tierhilfe Ostfriesland
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Verwilderte Hauskatzen sind meist krank, unterernährt und verwahrlost. Seit 28 Jahren kümmert sich der Verein Tierhilfe Ostfriesland um die Tiere – sein Appell: Katzen unbedingt kastrieren lassen.

Ostfriesland - Ihre Augen sind verklebt, ihre Näschen verrotzt, ihr Fell voller Ungeziefer und Schmutz. „Das Herz tut einem weh, wenn man das sieht.“ Marion Niebergall aus Campen in der Gemeinde Krummhörn macht es jedes Mal wieder wütend, wenn sie verwahrloste und kranke Katzenwelpen in die Hände bekommt. Sie ist Vorsitzende des Vereins Tierhilfe Ostfriesland, der sich seit 28 Jahren um ausgesetzte und verwilderte Katzen kümmert. „Das Elend der Streunerkatzen und insbesondere der Katzenbabys ist unbeschreiblich“, weiß sie. Und: „Dass Katzen so sehr leiden müssen, ist überhaupt nicht notwendig.“

Aus zwei Katzen werden in drei Jahren 380

Denn Abhilfe zu schaffen ist ganz einfach: Indem freilaufende Katzen konsequent kastriert werden. „Jedes Jahr dreimal bringen Katzen drei bis sechs Junge zur Welt – da wachsen in wenigen Jahren schnell mehrere hundert Tieren heran“, sagt Marion Niebergall. Meist sind die Katzen krank, unterernährt, verwahrlost. Sie sterben elendig an Magen-Darm-Würmern, Toxoplasmen, Katzenschnupfen, Katzenleukose und feliner Anämie, werden zusätzlich geschwächt durch Milben und Flöhe. „Man fragt sich, warum die Menschen angesichts des Elends nicht endlich aufwachen und auch ihre Hauskatzen einfach kastrieren lassen.“ Denn auch Hauskatzen tragen natürlich zur Vermehrung der Katzenpopulation bei – viel zu oft setzen die Halter den Wurf einfach aus und überlassen die winzigen Katzen ihrem Schicksal.

Flut an Babykatzen reißt nicht ab

So nimmt die Flut an jungen Katzen, die im Tierschutz landen, kein Ende. „Wir kommen kaum hinterher mit der Versorgung. Es reißt nicht ab und wird jedes Jahr schlimmer“, berichtet Marion Niebergall. Zurzeit versorgt die Tierhilfe Ostfriesland in ihrer Station schon wieder 20 Babykatzen, das Tierheim sei mit 30 Katzenwelpen ebenfalls schon gut gefüllt. „Wir sind gerade erst mit den Maikatzen durch, da geht es schon wieder mit den Herbstkatzen los.“ Erst vergangene Woche hat die Tierhilfe zwei winzige Katzenwelpen bekommen, die nun von Hand aufgezogen werden. Auch sie selbst versorgt zu Hause drei Winzlinge, weil nicht nur die Station, sondern auch die Pflegestellen überfüllt sind.

Eines von mehreren "Flaschenkindern", das in Pflegestellen der Tierhilfe aufgezogen wird. Foto: Tierhilfe Ostfriesland
Eines von mehreren "Flaschenkindern", das in Pflegestellen der Tierhilfe aufgezogen wird. Foto: Tierhilfe Ostfriesland

Der Zustand der Pfleglinge macht die Tierschützer traurig. „Katzenwelpen sind so niedlich und verspielt, auch wenn sie krank sind. Es ist jedes Mal wieder tragisch, wenn man eines nicht retten kann“, sagt Marion Niebergall.

Kastration gegen die Verelendung

Um die Katzenflut und damit die Verelendung einzudämmen, setzt die Tierhilfe Ostfriesland genau wie andere Tierschutzvereine und Tierheime in Ostfriesland auf Kastrationsaktionen. Erfahren die Tierschützer von Streunerkatzen, gewöhnen sie sie an Futterstellen, um sie später in Lebendfallen zu fangen und sie dann beim Tierarzt versorgen, kastrieren und chippen zu lassen. „Gechippt und registriert werden die Katzen, damit wir oder andere später erkennen können, dass das Tier kastriert und versorgt wurde“, erläutert Marion Niebergall. Wenn der Gesundheitszustand der Katzen das zulässt, werden sie nach einigen Tagen wieder an der gewohnten Stelle freigelassen. Dort werden dann Schutzhäuschen aufgestellt und die Katzen weiter gefüttert. Lässt der Zustand der Katze das nicht zu, wird versucht, sie zu vermitteln, oder sie geht ins Tierheim. Denn: „Wir können die Katzen nicht sich selbst überlassen: Katzen können sich nicht selbst versorgen - es sind Haustiere, keine Wildtiere.“

Die Katzenkastrationsaktion des Landes

Die Katzenkastrationsaktion wird in diesem Jahr unter Federführung des Deutschen Tierschutzbund Landestierschutzverband Niedersachsen sowie mit Unterstützung der Tierschutzorganisationen und praktizierenden Tierärzte durchgeführt. Die Aktion ermöglicht die Kastration, Kennzeichnung und Registrierung von rund 3500 verwilderten Hauskatzen. An der Aktion teilnehmen können Tierschutzvereine, Tierheime und Ehrenamtliche mit kontrollierten Futterstellen.

Insgesamt wurden bei sieben Aktionen in den vergangenen Jahren bisher mehr als 15.000 verwilderte weibliche und männliche Katzen kastriert, gekennzeichnet und in einem Haustierregister registriert werden, teilt Niedersachsens Tierschutzbeauftragte Dr. Julia Pfeiffer-Schlichting mit.

Für die Aktion gelten folgende Rahmenbedingungen:

  • Kostenlos kastriert werden können freilebende Hauskatzen ab dem Alter von vier Monaten. Vor der Einfangaktion sollte eine Tierarztpraxis gefunden sein, die an der Kampagne teilnimmt.
  • Die eingefangenen Katzen sind bei der zuständigen Stadt oder Gemeinde als Fundtiere zu melden. Termine für die Kastration werden von der Tierarztpraxis vergeben, die auch die weiteren Formalitäten erledigt. Zum Termin ist der Personalausweis der Überbringer oder bei Tierschutzvereinen/Tierheimen die Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz sowie ein Nachweis der Gemeinnützigkeit vorzulegen. Wer eine Katze zum Kastrieren bringt, muss unterschreiben, dass die Katze nicht aus einem Privathaushalt stammt und sich bereit erklären, die Katze so lange zu versorgen, bis das Tier an den Einfangort zurückgebracht werden kann.
  • Die Katze wird bei der Kastration in der Tierarztpraxis mit einem Mikrochip versehen und von der Praxis in einem Haustierregister als Fundtier der Gemeinde registriert, in der die Katze gefunden worden ist.

Mehr Infos: www.ml.niedersachsen.de/startseite/themen/tiergesundheit_tierschutz/landesbeauftragte_fur_den_tierschutz/

All das kostet Geld – die Katzenretter der Tierhilfe Ostfriesland arbeiten ehrenamtlich und finanzieren alles durch Spenden. Pro Jahr werden etwa 400 Streuner oder Wildlinge und bis zu 200 Fundtiere versorgt. Und deshalb ist der Verein froh, dass das Land Niedersachsen zusammen mit dem Deutschen Tierschutzbund und dem Landestierschutzverband zwei Kastrationskampagnen finanziert: Mit 475.000 Euro können vom 19. August bis 15. September und vom 4. November bis 15. Dezember 2024 rund 3500 verwilderte Hauskatzen gefangen, kastriert, gechippt und registriert werden – und zwar zusätzlich zu den vielen tausend Katzen, die ohnehin Jahr für Jahr durch die Hände der Tierschutzorganisationen gehen.

Hier können Sie verwilderte Katzen melden

Wer verwilderte Katzen entdeckt, kann den Fundort bei der Tierhilfe Ostfriesland unter Tel. 0172/4066740 oder E-Mail an info@tierhilfe-ostfriesland.de melden, damit sich die Tierschützer um alles weitere kümmern können. Auch Spenden sind hochwillkommen, denn die Versorgung der Katzen kostet Geld. „Allein was wir an Katzenstreu benötigen ...“, sagt Marion Niebergall. Infos zu Spendenkonten sind auf der Internetseite des Vereins tierhilfe-ostfriesland.de zu finden oder auf Facebook www.facebook.com/tierhilfe.ostfrieslandev.

Ausgesetzt: Immer wieder landen ganze Würfe bei der Tierhilfe Ostfriesland. Statt das Muttertier kastrieren zu lassen, werden die Jungen einfach entsorgt.Foto: Tierhilfe Ostfriesland
Ausgesetzt: Immer wieder landen ganze Würfe bei der Tierhilfe Ostfriesland. Statt das Muttertier kastrieren zu lassen, werden die Jungen einfach entsorgt.Foto: Tierhilfe Ostfriesland

Die Tierhilfe Ostfriesland setzt daneben auch auf die landesweite Pflicht zur Kastration von freilaufenden Katzen. Im vergangenen Jahr hatte der Landtag in Hannover eine Katzenschutzverordnung für Niedersachsen auf den Weg gebracht. „In der Krummhörn habe ich vor Jahren als Ratsfrau für eine solche Katzenschutzverordnung mit Kastrationspflicht gesorgt“, berichtet Marion Niebergall. Und: „So langsam merkt man zumindest in der Krummhörn, dass die Verordnung wirkt.“ Um das Katzenelend weiter einzudämmen, wünscht sie sich allerdings, dass die Katzenschutzverordnungen, die es in vielen Städten und Gemeinden gibt, auch durchgesetzt werden. „Es wird viel zu selten kontrolliert, ob Halter ihre Katzen tatsächlich haben kastrieren lassen. Dabei steht ein Ordnungsgeld von 5000 Euro dahinter.“

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