Unwetter in Ostfriesland  Starkregen in Aurich – manche wittern gezielte Wettermanipulation

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 20.08.2024 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Beim jüngsten Unwetter am 13. August 2024 musste unter anderem das AWO-Heim in Popens evakuiert werden. Foto: Janssen/Archiv
Beim jüngsten Unwetter am 13. August 2024 musste unter anderem das AWO-Heim in Popens evakuiert werden. Foto: Janssen/Archiv
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Nach einem schweren Unwetter in Ostfriesland kursieren im Internet erneut Verschwörungstheorien über angebliche Wettermanipulation durch Chemtrails und HAARP. Was steckt wirklich dahinter?

Aurich/Ostfriesland - Vor einer Woche fegte ein Unwetter über Teile von Ostfriesland hinweg. Die Ostfriesische Brandkasse geht von rund 900.000 Euro an gemeldeten Schäden aus. Für manche Menschen im Internet und in Ostfriesland ist klar, wer für das Wetter verantwortlich ist: Die Regierung, die das Wetter bewusst manipuliert.

Klingt abgedreht, ist aber ein Teil einer sich seit Jahren immer weiter verbreitenden Verschwörungs-Erzählung. Damit wird nicht nur der Klimawandel aktiv geleugnet, sondern auch behauptet, dass geheime Eliten das Weltgeschehen lenken.

Angebliche Wetter-Manipulation: der Chemtrail-Mythos

In den Kommentarspalten ist unter anderem zu lesen: “Ich war am Tannenhausen See, es wurde gesprüht was das Zeug hält. Dann kam das. Kein Zufall.“ Oder: „Der Himmel war Extrem Schleierrich.“ Oder: „das Wettermanipulations Programm gerät so langsam aus den Fugen“.

Das Geraune einer angeblichen Wetter-Manipulation hat seinen Ursprung wahrscheinlich in den USA Mitte der 1990er Jahre. Damals gab es Mutmaßungen, dass das US-Militär geplant hätte, die Kondensstreifen von Flugzeugen militärisch zu nutzen. Sei es zur Wetterbeeinflussung oder um giftige oder beeinflussende Chemikalien über Flugzeuge auszubringen. Die sogenannten „Chemtrails“ waren als Verschwörungs-Glaube geboren. „Chemtrails“ ist ein Kofferwort aus „Chemicals“ (Chemikalien) und „Contrails“ (Kondensstreifen).

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Die Chemtrail-Behauptung hält sich seit nunmehr 30 Jahren hartnäckig, nicht nur, aber auch am rechten Rand. Die Experten von Cemas, dem Center für Monitoring, Analyse und Strategie, konnte beispielsweise nach der Flutkatastrophe im Ahrtal eine erneute Zunahme von Chemtrail-Mythen beobachten.

Was an Chemtrails dran ist? Nichts. Es wird zwar immer mal wieder zu einer gezielten Wetterbeeinflussung geforscht, aber dies geht kaum über theoretische Ansätze und kleinräumige Experimente hinaus. Eine globale oder großflächige Wetterbeeinflussung ist nach aktuellem Stand nicht möglich und wird auch nicht angewandt. Dies gilt auch für weitere Chemtrail-Behauptungen wie das Einbringen von Chemikalien in die Luft, um die Bevölkerung zu reduzieren. Kondensstreifen am Himmel sind: Kondensstreifen am Himmel.

Angebliche Wetter-Manipulation: HAARP

Zum Teil eng verbunden mit dem Chemtrail-Mythos, insbesondere wenn es um Klimawandel-Leugnung geht, ist die HAARP-Verschwörungs-Erzählung. Bei HAARP handelt es sich um das „High Frequency Active Auroral Research Program“ (übersetzt: Hochfrequenz-Forschungsprogramm zur Polarlichtaktivität). In diesem US-Forschungsprogramm werden Radiowellen zur Untersuchung der Atmosphäre eingesetzt. Die Anlage dafür steht in Alaska. Geht es nach den Verschwörungsideologen, dann dient die HAARP-Anlage dem „Wetterkrieg“: In Alaska würde gezielt das Wetter beeinflusst, glauben sie. Die Anlage stecke hinter Extremwetterereignissen und nicht der menschengemachte Klimawandel. Auch das ist ausgemachter Blödsinn. Sowohl in Bezug auf HAARP als auch auf Chemtrails gibt es zahllose Faktenchecks und auch öffentlich zugängliche Informationen, die die Verschwörungs-Erzählungen widerlegen.

Die geheimen Eliten im Hintergrund

Das stört Anhänger dieser Erzählungen wenig. Denn wer etwas anderes behauptet, ist gelenkt. Sei es die HAARP-Erzählung, sei es der Chemtrail-Mythos oder viele andere Verschwörungsideologien: Ihnen gemein ist, dass die Anhänger dieser Erzählungen immer davon ausgehen, dass im Hintergrund irgendwelche „Eliten“ die Fäden ziehen. Ein Faktencheck beim Deutschlandfunk fasst dies gut zusammen: „Im Kern geht es stets darum, dass die Welt durch im Geheimen operierende bösartige Kräfte bedroht wird. Auch die verwendeten sprachlichen Codes ähneln sich. Kaum eine Verschwörungserzählung kommt ohne den Verweis auf eine angeblich drohende ‚Neue Weltordnung‘, Warnungen vor einem ‚Deep State‘ oder dem Aufruf zum Kampf gegen ‚globale Eliten‘ aus.“ In den hiesigen Kommentarspalten liest sich das dann zum Beispiel so: „Zum Glück kann man das Wetter manipulieren. Begreifen leider viele noch nicht. Für mich ist es kein Zufall. Vergleich mit der Impfung. Es sind Verbrecher!“

Auch das ist ausgemachter Blödsinn – und ist im Kern antisemitisch. Denn verfolgt man in den Verschwörungserzählungen, wer diese angeblichen Eliten sein sollen, landet man irgendwann bei Juden. Ein Beispiel dafür kommt aus den USA, die oft die Blaupause für hiesige Varianten an Verschwörungsideologien liefert: So postete die US-amerikanische Politikerin Marjorie Taylor Greene vor einigen Jahren auf Facebook, dass die Weltbrände in Kalifornien 2018 durch einen von Juden kontrollierten Weltraumlaser entfacht worden wären. Auch das stimmt natürlich nicht.