Osnabrück  Bilder für die Unbeachteten: Lingen zeigt Cudelice Brazelton IV

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 13.08.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Kunsthalle Lingen zeigt Gemälde des neuen Kunstpreisträgers Cudelize Brazelton IV. Foto: Roman Mensing
Die Kunsthalle Lingen zeigt Gemälde des neuen Kunstpreisträgers Cudelize Brazelton IV. Foto: Roman Mensing
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Wie geht sozialkritische Malerei heute? Cudelice Brazelton IV zeigt es mit seinen Bildern in der Kunsthalle Lingen. Mit feinen Signalen zeigt er, wie das Oben und Unten heute markiert wird.

Er ist so winzig, dass man ihn fast übersieht. Dabei hat er die Arme gehoben, scheint bereit für den vollen Körpereinsatz. Auf dem weißen Balken, der sich quer durch das Bild zieht, wirkt er allerdings wie ein Nichts, das sich vergeblich reckt und stemmt. Mit kraftvollem Schwung zieht sich das „Go“ wie ein Befehl durch den Bildgrund. Und der kleine Arbeiter? Er wirkt wie ein Staubkorn in einer riesigen Maschine.

Das 140 mal 180 Zentimeter große Gemälde heißt nüchtern „Protocoll“. Sein Thema könnte die Verlorenheit jener Working Class sein, die angeblich in einer Gegend der USA beheimatet ist, die als Rust Belt bezeichnet wird. Der 1991 im amerikanischen Dallas geborene Maler Cudelice Brazelton IV stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie. Mit seiner Kunst trifft er das Lebensgefühl jener schweigenden Majorität westlicher Industriestaaten, die sich übersehen fühlt. So wirkt es jedenfalls.

Dabei illustriert Brazelton keine Arbeitswelt, liefert keine Sozialreportage. Seine Bildflächen erzählen vielmehr von der Leere eines Lebensgefühls, von sozialer Vereinzelung, davon, wie Menschen hinter jenen Zeichen verschwinden, die sie einer bestimmten Klasse zuordnen. Diese Kunst handelt von einer Wahrnehmung, die fehlt, von einer Anerkennung, die Menschen versagt wird.

Bilder, Wandcollagen, eine Installation: In der Kunsthalle Lingen wird mit Cudelice Brazelton IV der Träger des Lingener Kunstpreises 2024 präsentiert. Der seit 1994 alle zwei Jahre verliehene Preis, der ausschließlich der Malerei gewidmet ist, genießt längst überregionale Aufmerksamkeit. Zu den bislang Ausgezeichneten gehören Karin Kneffel ebenso wie Cornelius Völker, Künstler mit Namen also. Der 35 Jahre alte, unter anderem an der Frankfurter Städel-Schule ausgebildete Cudelice Brazelton IV reiht sich in eine illustre Reihe.

Seine Kunst wirkt längst bewusst und abgeklärt, seine Werke mit ihren sparsamen Setzungen genau kalkuliert. Cudelice Brazelton IV verweist auf eine soziale Welt, in der der einzelne Mensch unsichtbar geworden ist, auf eine Welt der sozialen Codes, die jenes Oben und Unten signalisieren, in das Menschen eingepasst werden. Klassismus ist ein Trendthema der Literatur. Mit Cudelice Brazelton IV scheint es seine Entsprechung in der Malerei gefunden zu haben.

Der Schriftzug „As we see it“ ist aus einer blauen Bildfläche ausgeschnitten. Dahinter scheint jener Tweedstoff durch, aus dem sich Menschen mit Vermögen ihre Anzüge nach Maß schneidern lassen. „The Picker“, der Erntehelfer, besteht überhaupt nur aus Gürteln, Schnallen, Taschenbeschlägen wie aus einer Collage von Utensilien der Arbeitswelt. Der Mensch hat kein Gesicht, er ist ein Kompositum aus Signalen. Das ist die Botschaft dieser Werke.

Cudelice Brazelton IV steigert dieses Prinzip noch mit seinen Wandcollagen, die aus aufgeklebten Klebebändern, PVC und Acryl bestehen. Der Mensch wird hier auf ein minimales Funktionsschema reduziert, auf ein Parallelogramm der Gliedmaßen, die maschinenhaft funktionieren. Cudelice Brazelton IV nimmt damit jene Malerei der Neuen Sachlichkeit auf, die bereits vor rund 100 Jahren in eine ähnliche Richtung gewiesen hatte – mit Bildern von Walter Dexel oder Franz Wilhelm Seiwert, die eine ausgenüchterte Maschinenwelt zur Anschauung brachten.

Wer sich nun in Lingen auf Cudelice Brazelton IV einlässt, findet Kunst, die in eine ähnliche Richtung weist. Nach einem Jahrhundert scheinen sich soziale Probleme wieder zuzuspitzen, die lange für überwunden gehalten wurden. Die Kunst macht sie sichtbar, als Seismograph der sozialen Entwicklung.  

Lingen, Kunsthalle:  Cudelice Brazelton IV: Mortal Surface. Bis 25. August 2024. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr.

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