Kulturprogramm in Aurich  Nur ein Klick – und 200 Jahre Auricher Geschichte leben auf

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 13.08.2024 19:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Tim Bruns (von links) und seine Mitarbeiterin Deike Brüdigam haben für das von Dr. Christoph Galler geleitete Historische Museum eine Virtual-Reality-Performance zusammengestellt. Auf dem Bildschirm ist das Pingelhus am Hafen zu sehen. Foto: Ortgies
Tim Bruns (von links) und seine Mitarbeiterin Deike Brüdigam haben für das von Dr. Christoph Galler geleitete Historische Museum eine Virtual-Reality-Performance zusammengestellt. Auf dem Bildschirm ist das Pingelhus am Hafen zu sehen. Foto: Ortgies
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In das Historische Museum hat die virtuelle Realität Einzug gehalten. Anlass ist eine Schau über den Baumeister Conrad Bernhard Meyer, die die Auricher Firma „m01n“ digitalisiert hat.

Aurich - Der Bürostuhl im ersten Stockwerk des Historischen Museums hat es in sich. Inmitten der Biedermeier-Kommoden, Glasvitrinen und anderen Sammlungsstücken wirkt das Sitzmöbel seltsam fremd, zumal direkt darüber eine schwarze Virtual-Reality-Brille (VR-Brille) baumelt. Der Stuhl selbst wurde technisch aufgerüstet: An den Enden der Unterarmlehnen sind jeweils Kippschalter befestigt. Nur ein Klick − und wer immer auf dem Bürostuhl sitzt, wird virtuell dank der VR-Brille in der Auricher Geschichte mehr als 200 Jahre zurückgebeamt.

Wer diese VR-Brille aufzieht, taucht visuell in die alte Welt Aurichs ab. Foto: Ortgies
Wer diese VR-Brille aufzieht, taucht visuell in die alte Welt Aurichs ab. Foto: Ortgies

In eine Welt mit harmonisch gestalteten Hausfassaden, klassizistischen Gartenpavillons oder repräsentativen Villen, allesamt gestaltet von dem Auricher Baumeister Conrad Bernhard Meyer (1755-1830). Dessen Schaffenskraft war immens. So hat er sowohl die Lambertikirche, die reformierte Kirche und die Synagoge, aber auch zahlreiche Privatgebäude entworfen, darunter die Conringschen Häuser in der Burgstraße und am Markplatz. Wie diese sich in das Ensemble eingefügt haben, kann der Besucher des Historischen Museums durch die VR-Brille sehen. Diese enthält alte Impressionen von Aurich, die von der Firma „m01n digitalagentur“ erstellt wurden, und zwar mit einem Grafik-Programm, das auch für Computerspiele verwendet wird.

Ein Tempel auf dem Marktplatz

„Wir haben die Gebäude anhand der Zeichnungen, Kupferstiche und Pläne, die es in den Archiven gibt, Element für Element rekonstruiert. Ausgangspunkt ist fast immer ein Würfel, der mit Hilfe von Tools zu Säulen oder anderen Formen verändert werden kann“, sagt Agentur-Chef Tim Bruns. Vor sehr große Herausforderungen wurden seine Mitarbeiterin Deike Brüdigam und er bei der Gestaltung des Huldigungstempels gestellt. Diesen hat Conrad Bernhard Meyer 1786 zu Ehren des preußischen Königs Wilhelm II. auf dem Marktplatz errichten lassen. Im Inneren des 14 Meter hohen Bauwerks brannte ein Feuer. Die Fassade war mit 2000 farbigen Kugeln und 800 Lampen bestückt.

Einige Gebäude wurden auch mit Lego-Bausteinen rekonstruiert. Foto: Ortgies
Einige Gebäude wurden auch mit Lego-Bausteinen rekonstruiert. Foto: Ortgies

Das musste alles bildlich dokumentiert, also mit einer hohen Anzahl an Formen von Hand integriert werden. Für alle 23 Objekte habe man rund 200 Arbeitsstunden benötigt, sagte der Agentur-Chef. Das Programm berechne automatisch alle Ansichten. „Jedes Objekt wird richtig gebaut, so wie es ein Bildhauer macht − nur mit etwas anderen Werkzeugen“, sagt Tim Bruns, der Informatik und Bildende Kunst studiert hat, bevor er seine Agentur gründete.

Lebensechte Optik

Das erste nachgewiesene Bauwerk von Conrad Bernhard Meyer ist das Pingelhus, das auch als Schuitenhäuschen bezeichnet wird. Es lag am damaligen Auricher Hafen, dem heutigen Georgswall, und verfügte ursprünglich über zwei Stockwerke. Als der Hafen 1934 zugeschüttet wurde, hat man auch den unteren Teil des Hauses begraben. Ein Blick durch die VR-Brille führt sehr anschaulich vor Augen, wie das Ensemble einmal ausgesehen hat. Um einen möglichst lebensechten Eindruck zu vermitteln, habe man auch die Umgebung gestaltet, indem man Büsche, Bäume und Ausstattungsbeiwerk hinzugefügt habe, sagt Deike Brüdigam.

Diesen prunkvollen Huldigungstempel hatte Conrad Bernhard Meyer für den Auricher Marktplatz konzipiert. Foto: privat
Diesen prunkvollen Huldigungstempel hatte Conrad Bernhard Meyer für den Auricher Marktplatz konzipiert. Foto: privat

Museumsleiter Dr. Christoph Galler streicht heraus, dass durch das Projekt der Auricher Firma „m01n digitalagentur“ die VR-Technik erstmals in seinem Haus genutzt wird. In den Museen der Großstädte ist diese Technologie mittlerweile schon vielfach Standard. So wirbt unter anderem die erst vor wenigen Wochen eröffnete Schau über den ägyptischen Pharao Ramses II. damit, dass es dort einen großen Virtual-Reality-Bereich gebe.

Nachbau mit einem 3D-Drucker

Wer sich die Häuser lieber ohne 3D-Simulation, also als Modell anschauen will, hat dazu im Raum der Sonderausstellung zum Leben von Conrad Bernhard Meyer Gelegenheit. Die Auricher Digitalagentur hat nämlich mit einem 3D-Drucker die Gebäude detailgetreu nachgebaut. Finanziell unterstützt wurde das gesamte Projekt von der Ostfriesischen Landschaft und der Aloys-Wobben-Stiftung. Wie viel das Museum dafür ausgegeben hat, wolle man bewusst nicht kommunizieren, so Dr. Christoph Galler.

So sah der Auricher Hafen vor 200 Jahren aus. Foto: privat
So sah der Auricher Hafen vor 200 Jahren aus. Foto: privat

Das Historische Museum in Aurich hat dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Nähere Informationen zur Ausstellung und zu den verschiedenen Veranstaltungen gibt es unter www.museum-aurich.de.

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