Paris  Was bleibt von den Olympischen Spielen in Paris?

Birgit Holzer
|
Von Birgit Holzer
| 12.08.2024 13:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Olympischen Sommerspiele in Paris sind inzwischen beendet. Doch was bleibt davon? Foto: DPA/AP/Aijaz Rahi
Die Olympischen Sommerspiele in Paris sind inzwischen beendet. Doch was bleibt davon? Foto: DPA/AP/Aijaz Rahi
Artikel teilen:

Die Olympischen Spiele in Paris sind zu Ende. Jahrelang wurden sie vorbereitet. Neue Gebäude und Sportanlagen kosteten viel Geld. Sogar ein Hafen wurde umgebaut. Doch was bleibt davon unterm Strich? Und was sagen die Kritiker?

Kaum sind die Olympischen Sommerspiele beendet, wächst die Nostalgie in Frankreich. Was soll, abgesehen von den kleiner dimensionierten Paralympischen Spielen ab 28. August, künftig noch für so viel Jubel und Freude sorgen, wie es die gut zweiwöchigen Sport-Wettbewerbe und das festliche Drumherum getan haben? In politischer Hinsicht stehen eine schwierige Regierungsbildung und die üblichen Parteien-Streitigkeiten an.

Es bleiben die schönen Bilder und die Erinnerung, das international aufpolierte Image des gut organisierten Gastgeberlandes – und ein Vermächtnis, auf das die Verantwortlichen seit Jahren hin arbeiteten. Im Pariser Organisationsteam gab es sogar einen Bereich für „Auswirkungen und Erbe“. Dessen Direktorin Marie Barsacq-Beaudou zufolge ging es längst nicht nur um die neuen Bauten oder Stadien, die in jedem Austragungsort zurückbleiben. Oft habe es sich in der Vergangenheit um „weiße Elefanten“ gehandelt, die bald ungenutzt herumstanden. „Die Pariser Spiele sollten verantwortungsbewusster werden, sowohl in ökonomischer Hinsicht als auch in Bezug auf den CO2-Ausstoß, und ein soziales Vermächtnis haben, um die betroffenen Gebiete positiv zu prägen.“ Das sei ein starkes Argument bei der Kandidatur gewesen.

Paris konnte sich auf viele bestehende sportliche Einrichtungen stützen. Neu gebaut wurden eine Arena im Norden der Metropole sowie das Olympische Dorf auf dem Gebiet von drei ebenfalls nördlichen Vorstädten im Département Seine-Saint-Denis, dem ärmsten des Landes. Der Bauträger rühmte sich einer umweltschonenden Bauweise mit der Verwendung von vor Ort hergestelltem CO2-armem Beton und vielen Naturmaterialien. Das Dorf wird in der Folge umgewandelt in ein Stadtviertel mit Wohnungen für 6000 Menschen, Büros für 6000 Beschäftigte, einer Kinderkrippe, Geschäften, einer Schule.

Ein großer Park soll hier entstehen, insgesamt 9000 Bäume und Sträucher wurden gepflanzt, ein Zugang zu den Seine-Quais nach dem Vorbild von Paris geschaffen, wo aus den einst viel befahrenen Uferstraßen Flaniermeilen wurden. Hinzu kamen die Errichtung eines Olympischen Schwimmbads sowie der Bau oder die Renovierung von sieben weiteren Bädern im Département Seine-Saint-Denis. Die Anbindung der nördlichen Banlieues wird durch den Bau oder die Erweiterung neuer Metrolinien verbessert, die allerdings seit langem geplant waren.

Im südfranzösischen Marseille, wo die Segelwettbewerbe stattfanden, wurden der Hafen umstrukturiert und die Wasserbecken renoviert. In Tahiti, wo die Surfer gegeneinander antraten, werden die Häuser des aus modularen Strukturen bestehenden Olympischen Dorfs anderswo als Sozialwohnungen dienen. Im Großraum Paris entstanden neue Radwege. Um Schwimmwettbewerbe in der Seine stattfinden zu lassen - was umstritten blieb - wurden sie und der Nebenfluss Marne für 1,4 Milliarden Euro gesäubert, unter anderem durch den Bau eines Rückhaltebeckens und die Sanierung von Abwasserzuflüssen. Ab nächstem Jahr sollen die Pariser an drei überwachten Badestellen in den Fluss springen können.

Doch Barsacq-Baudou spricht noch lieber über das immaterielle als das handfeste Vermächtnis dieser Sommerspiele. „Wir wollten das Ereignis nutzen, um dauerhaft die Sportpraxis der Bevölkerung zu erhöhen, damit die Generation 2024 gesünder ist als die davor“, sagt sie. In allen Schulen steht künftig mindestens eine halbe Stunde Sport pro Tag auf dem Stundenplan. Im Département Seine-Saint-Denis, wo rund die Hälfte der Zehnjährigen nicht schwimmen können, erhielten seit 2021 tausende Kinder kostenlosen Schwimmunterricht. In Marseille veranstaltet ein Verein mit Fördergeldern des Organisationskomitees der Pariser Spiele Kanu-Kurse für Jugendliche aus benachteiligten Vierteln.

Ein weiterer Bereich ist jener der Jobs. Laut Organisatoren arbeiteten 181.000 Menschen für die Spiele, ob bei privaten Sicherheitsunternehmen, Reinigungsfirmen oder in der Gastronomie. Nicht nur erhielten viele eine Ausbildung, können ihren Lebenslauf mit dieser Erfahrung anreichern. Auch wurden zehn Prozent der gearbeiteten Stunden von Langzeitarbeitslosen geleistet. Ziel war es, sie dauerhaft zurück auf den Arbeitsmarkt zu bringen, gerade in Bereichen, wo es an Personal fehlt.

Doch nicht alle teilen die rein positive Sicht der Verantwortlichen. Hilfsvereine für Flüchtlinge und Wohnungslose kritisierten seit langem die umfassende Verlegung von prekären Menschen, um sie aus der strahlenden Hauptstadt zu schaffen. Innerhalb von eineinhalb Jahren wurden 11.000 Menschen in eine andere Region verlegt. Für ein paar wenige wurden dauerhafte Plätze geschaffen. Paul Alauzy, Sprecher der Vereinigung „Die Rückseite der Medaille“ spricht von einem „antisozialen Erbe“: „200 neue Unterkünfte, während wir um die 3500 Wohnungslose in Paris zählen: Das ist ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde.“ Auch Drogenabhängige, die zuvor offen in manchen Gegenden der Stadt vor allem Crack konsumierten, kamen in Obhut - oder weiter weg. Ob sie bald zurückkommen? Die konkreten Auswirkungen und Folgen dieser Spiele werden erst mittel- und langfristig erkennbar sein.

Ähnliche Artikel