Nazi-Klamotten aus der Krummhörn  Wie Rechte das Sylt-Video für sich nutzen

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 11.08.2024 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Screenshot der neuen Motive aus dem Krummhörner Internetshop. Screenshot: Hock
Screenshot der neuen Motive aus dem Krummhörner Internetshop. Screenshot: Hock
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Ein kleiner Internet-Shop aus der Krummhörn vertreibt Kleidung mit rechtsextremen Codes – und zeigt dabei, wie Rechte aktuelle Ereignisse für ihre Zwecke benutzen.

Krummhörn - In der Kategorie „Freizeit“ findet man Klamotten mit „Küstenliebe“ oder Wind-Surfing-Motiven. Wer den kleinen Internetshop aus der Krummhörn durch Zufall findet, mag zunächst nicht vermuten, was tatsächlich dahintersteckt. Denn eindeutig wird es erst in der Kategorie „politisch“. Nachdem der Shop-Betreiber „Ben B.“ nach einem ersten Bericht dieser Zeitung den Bereich zunächst aus dem Netz nahm, ist er jetzt wieder da – und mit neuen Motiven bestückt.

Ein Beispiel zeigt, wie die rechte Szene aktuelle Ereignisse aufnimmt und verarbeitet.

„Opa war ein Sturmsylter“

Zwischen neuen Motiven wie „Sonnenstudio 88 – auch ohne Sonne braun“ (88 ist ein Code für „Heil Hitler“) oder „Alles hat ‘nen Haken, nur das Kreuz hat vier“, findet sich auch der „Sturmsylter“.

Auf dem Rücken des von „Ben B.“ angebotenen T-Shirts steht der Aufdruck „Deutschland den Deutschen ... Raus“, auf der Brust ist zu lesen: „Opa war Sturmsylter und schrie es auch“. „Ben B.“ verweigert ein Gespräch über seine Beweggründe, solche Kleidung anzubieten. Was auf den ersten Blick schon eindeutig rechts ist, offenbart bei genauerer Analyse, wie stark die Szene mit Codes und Erkennungszeichen spielt. Ausgangspunkt hier: Die Videoaufnahme, die junge Erwachsene zu Pfingsten auf Sylt zeigt, wie sie auf die Melodie des Party-Hits „L’amour toujours“ von Gigi D‘Agostino „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ grölt.

Vom Sturmführer zum Sturmsylter

Der Sylt-Bezug wird durch den Rückendruck deutlich. Doch hinter „Opa war ein Sturmsylter“ steckt noch mehr. Die rechtsextreme Band „Flak“, die zum Umfeld der seit September 2023 verbotenen Hammerskins gehört, hat im Juni dieses Jahres das Lied „Opa war ein Sturmsylter“ veröffentlicht. Das wiederum ist eine umgedichtete Version des Liedes „Mein Opa war Sturmführer bei der SS“ der Band „Landser“. Die Band bestand bis 2003 und gehörte zu den bekanntesten Bands der rechten Szene.

Die Shirt-Aufschrift ist dem Refrain des Liedes entnommen. Der Rest ist mit eindeutigem SS-Bezug zum Beispiel so umgedichtet: „Bei ’ner Polodivision war Opa einst dabei, // da hamse aufgeräumt, mit der Polizei // Kein Messerstecherschwein kam ihnen davon, // denn für Terroristen, gab es kein Pardon!“ „Polo“ ist hier eine Anspielung auf die Polo-Shirts, die die jungen Erwachsenen teilweise im Sylt-Video tragen. Für Rechtsextreme ist der Bezug vom Flak-Lied zu „Landser“ schnell hergestellt. Gleichzeitig wird über diese Art der Bezugnahme zu Sylt auch versucht, die Diskussion für die eigenen Zwecke zu nutzen.

Vom Skandal zum „verbotenen Lied“

Denn: Schnell nachdem das Video kurz nach Pfingsten die Runde machte, formierte sich in Sozialen Netzwerken, allen voran auf der Videoplattform Tiktok, ein von Rechten ins Leben gerufener Trend: Das Partylied „L’amour toujours“, unter die Videos gelegt, wurde in den Videos selbst nur noch als das „verbotene Lied“ bezeichnet.

Das Besondere: Der Trend wurde auch von nicht-rechten oder zumindest nicht eindeutig rechten Accounts aufgegriffen. Beispiele dafür finden sich auch in Ostfriesland: Ein Norddeicher Tiktok-Account postete beispielsweise erst Anfang Juni: „Auch in Norddeich lassen wir uns nichts verbieten. Wir spielen diesen Song weiterhin, immer wenn uns danach ist.“ Tatsächlich ist „L’amour toujours“ nicht verboten. Es so zu drehen, als wäre es oder als gebe es irgendwelche Bestrebungen, das eigentliche Lied zu verbieten, wird aber als Erzählung verbreitet und setzt sich so in den Köpfen fest, wird zum „Spaß“, zum Internetphänomen. Gerade Tiktok spielt hier eine zentrale Rolle, aber nicht nur bei der „verbotenes Lied“-Erzählung.

Rechte Accounts befeuern die Verbreitung

Die Geschichte von „Ausländer raus“ auf die Melodie beginnt nämlich weit vor Pfingsten 2024. Das zeigt zum Beispiel der Tiktok-Account der ehemaligen AfD-Kreistagsabgeordneten Lena-Mareike Schmunzler aus Dithmarschen. Schmunzler, die auch als Aktivistin bei der „Jungen Alternative“ aktiv ist, postete bereits im November 2023 ein Video mit der Melodie und dem Titel „Wenn in einer Kneipe dieses Lied gespielt wird, und du nicht weißt, welchen Text du singen sollst“.

Kurz zuvor war das Lied erstmals in die Schlagzeilen geraten: Junge Männer grölten die „umgedichtete“ Version auf einem Dorffest in Mecklenburg-Vorpommern. Zu diesem Zeitpunkt, das berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland, war diese Version in Neonazi-Kreisen wohl schon seit Jahren verbreitet.

Vor allem durch Tiktok wurde diese Version einem breiteren Personenkreis bekannt, sorgte erst in Mecklenburg-Vorpommern für einen Skandal, wurde dann durch rechte und rechtsextreme Accounts wieder weiter verbreitet und fand ihren Weg nach Sylt, wanderte unter anderem auch nach Emden – und verbreitet sich unter anderem als „verbotenes Lied“ immer noch weiter.

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