Bremen  Divan-Orchester trotzt Nahost-Krisen und startet Jubiläumstour mit Barenboim und Geigen-Star Mutter

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 08.08.2024 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
So lässt es sich Geburtstag feiern: Anne-Sophie Mutter ist die Solistin des West-Eastern Divan Orchestra bei Johannes Brahms‘ Violinkonzert, Daniel Barenboim dirigiert. Foto: Patric Leo
So lässt es sich Geburtstag feiern: Anne-Sophie Mutter ist die Solistin des West-Eastern Divan Orchestra bei Johannes Brahms‘ Violinkonzert, Daniel Barenboim dirigiert. Foto: Patric Leo
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Seit 25 Jahren wirbt das West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim für ein friedliches Miteinander von Arabern und Israelis. Gemeinsam mit Geigerin Anne-Sophie Mutter geht das Orchester nun auf Geburtstagstour. Eindrücke vom Auftakt in der Bremer Glocke.

Man muss sich das vorstellen: Im Gazastreifen tobt ein Krieg zwischen der israelischen Armee und der palästinensischen Terrororganisation Hamas, und wie es aussieht, droht ein weiterer Krieg mit der Hisbollah und mit dem Iran, während israelische Düsenjäger im Tiefflug über Beirut jagen und dabei die Schallmauer durchbrechen. Gleichzeitig sitzen israelische und arabische Musiker auf dem Podium der Bremer Glocke, um gemeinsam Musik zu machen, um ein Zeichen zu setzen gegen Hass und Gewalt. „Uns eint die Überzeugung, dass dieser Konflikt nicht mit militärischen Mitteln zu lösen ist“, sagt Nassib Ahmadieh, Cellist des Divan Orchestra, in der Pause. Angesichts der explosiven Stimmung im Mittleren Osten hält man es kaum für möglich, dass diese Haltung auch noch existiert, auf allen Seiten.

Das West-Eastern Divan Orchestra sitzt an diesem Mittwochabend auf der Bühne, um von Bremen aus auf Geburtstagstournee zu gehen. Mit dabei: Stargeigerin Anne-Sophie Mutter als brillante Solistin in Johannes Brahms‘ Violinkonzert. Und natürlich Dirigent Daniel Barenboim. Er hatte ja, gemeinsam mit seinem Freund, dem palästinensischen Intellektuellen Edward Said, dieses Orchester als Projekt der Kulturhauptstadt Weimar gegründet. 1999 war das.

Jetzt feiert das Orchester 25. Geburtstag, und das ist angesichts der Spannungen und Kriege zwischen Israel und Palästinensern, zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, alles andere als selbstverständlich. Barenboim und Saids Grundidee war es ja, Israelis, Palästinenser und andere Araber in einem Klangkörper zu vereinen, um mit dem Medium der Musik zu zeigen, dass ein Miteinander möglich ist. Doch ein Sinfonieorchester ist keine Insel der Glückseligkeit, und das Divan Orchestra hat die gleichen Krisen durchlitten, wie sie die Herkunftsregion seiner Musiker wieder und wieder erschütterten. Auch der aktuelle Krieg und die ebenso befürchtete wie wahrscheinliche Eskalation schlagen aufs Divan Orchestra durch.

Ja, es gibt Musiker, die für diese Tournee abgesagt haben, obwohl sie zu den wichtigsten Sommerbühnen Europas führt: Vom Musikfest Bremen geht es auf die Waldbühne in Berlin, dann zu den BBC Proms in London, zum Rheingau Musikfestival sowie zu den Festivals in Salzburg und Luzern – prominenter geht es nicht. Doch Ahmadieh – der Cellist aus dem Libanon war Gründungsmitglied des Divan Orchestra – kennt die Gründe für Absagen: Manche Musiker geben dem Druck ihrer Familien nach, andere mögen vielleicht tatsächlich gegenwärtig nicht mit Vertretern der jeweils anderen Seite an einem Notenpult sitzen. Wieder andere haben sich zur Armee gemeldet, trotz des Konsens, dass sich der grundlegende Konflikt nicht mit militärischen Mitteln beilegen lässt.

Aber all die anderen sind gekommen. „Wir sind eine große Familie“, sagt Ahmadieh, und Maestro Barenboim ist der Vater dieser Familie. „Er hat uns so viel gegeben, hat vielen Musikern Studienplätze, Stipendien und Auftrittsmöglichkeiten verschafft.“ Man hört deutlich die Dankbarkeit, die das Orchester seinem Gründer und Dirigenten entgegenbringt.

Der ist im Alter – Barenboim wird im November 82 – zum Minimalisten geworden. Oft sitzt er nahezu reglos auf seinem Dirigentenstuhl, hebt mal leise den Taktstock, zeichnet mit der Spitze eine Spirale in die Luft. Er hebt die Linke, um einen musikalischen Verlauf plastisch vorzuzeichnen, und selten, ganz selten, hebt er den Taktstock hoch oder breitet er beide Arme zu Flügeln aus, um die Musik schweben zu lassen. Beim Violinkonzert von Johannes Brahms hilft ihm dabei die fantastische Anne-Sophie Mutter, Franz Schuberts Sinfonie Nr. 8 in C-Dur setzt er selbst in Szene. Aber oft sitzt er dabei auf seinem Stuhl und folgt dem, was das Divan Orchestra ihm anbietet.

Das ist nicht alles perfekt, ganz im Gegenteil. Das Violinkonzert von Brahms geht Barenboim ruhig, fast behäbig an, und mitunter hat man den Eindruck, Anne-Sophie Mutter spielt nicht nur mit einer unglaublichen Brillanz ihren Solopart, sondern wird zu Co-Dirigentin, die den untertourigen Motor zum Laufen bringt. Doch es ist rührend anzusehen, wie sie Barenboim zulächelt, wie sie ihm zwischen erstem und zweitem Satz ein paar Worte ins Ohr flüstert, wie sie ihm im Schlussapplaus die Hand anbietet, um ihm von seinem Dirigentenpodest zu helfen – was Barenboim aber, soviel Stolz muss sein, ausschlägt.

So bleibt an diesem Abend, musikalisch gesprochen, manches ungesagt oder unscharf formuliert. Doch das schmälert kein bisschen, was diese Musik ausdrückt: Friedvolleres als den Beginn des zweiten Satzes von Brahms‘ Violinkonzert kann man sich kaum vorstellen, auch wenn die Differenziertheit auf der Strecke bleibt. Und Kraftvolleres als diese mit großem romantischen Orchester realisierte C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert auch nicht.

Im Vorfeld verlesen zwei Musikerinnen und ein Musiker eine kurze Botschaft, in der sie im Namen des Orchesters Zehntausende zerstörter Leben und die Gewalt beklagen, die den Mittleren Osten im Griff hat. Außerdem fordern sie von den politischen Führern in der Region und in der Welt, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, einen dauerhaften Waffenstillstand und die Freiheit aller Geiseln.

Früher hätte Barenboim das selbst gesagt, mit all seiner Autorität. Mittlerweile fehlt dem Maestro sichtlich die Kraft für derartige Appelle, wie ihm die Kraft fehlt, Musik über die lange Strecke zu gestalten. Doch das West-Eastern Divan Orchestra vermittelt eine Friedensbotschaft, die übers rein Musikalische hinausgeht. Na ja, und dann sagen die Musiker selbst, dass es jetzt an der Zeit ist, dem Vater zu danken für alles, was er für sie getan hat. Dafür geben sie ihm vielleicht nicht die volle Perfektion, aber ein Höchstmaß an Leidenschaft. Und das Publikum feiert das Orchester und Daniel Barenoim dafür.

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