Aufschwung der AfD Ostfriesische „Omas“ kämpfen für Demokratie – und gegen Rechts
In Erfurt trafen sich die „Omas gegen Rechts“ zu ihrem ersten Bundeskongress. Ostfriesinnen berichten von ihren Erfahrungen und Sorgen, aber auch von der Stärke und dem Zusammenhalt der Bewegung.
Emden/Ostfriesland - Es sind beunruhigende Berichte: Frauen, die sich nicht trauen, in der Öffentlichkeit Accessoires zu tragen, die zeigen, wofür sie stehen. Frauen, die sich nicht trauen, offen über ihre politische Einstellung zu sprechen, weil sie sonst beschimpft und beleidigt werden.
Die Frauen, das sind die „Omas gegen Rechts“ in Bundesländern wie Thüringen oder Sachsen. Zwei Bundesländer, in denen die AfD stärkste Kraft bei den Landtagswahlen am 1. September 2024 werden könnte. Auch deswegen haben die „Omas gegen Rechts“ aus Erfurt zusammen mit „Omas“ aus dem ganzen Bundesgebiet Anfang August ihren ersten Bundeskongress in Erfurt abgehalten. Mit dabei waren auch „Omas“ aus Ostfriesland – und die schauen mit Sorge auf das, was die Omas aus manchen Ostdeutschen Bundesländern erzählen.
Ostfriesische „Omas gegen Rechts“: Anfeindungen und Herausforderungen
„Hier in Ostfriesland ist es noch nicht so schlimm“, sagt Gabriela Ochoa-Frenz. „Aber auch wir wurden während der Europawahl regelmäßig beschimpft“, sagt die 60-jährige Emderin und ergänzt: „Die Beschimpfungen richten sich gegen uns als Omas gegen Rechts, gegen uns als Frauen und bei mir auch gegen mich als Frau mit Migrationshintergrund.“
Die Umgangsformen würden schlimmer und die Hemmschwellen niedriger, stimmen auch die drei weiteren Omas in diesem Gespräch zu: Hilde Pitters, 70 Jahre alt aus Emden, die 59-jährige Roswita Mandel aus Wittmund und Anne-Dorothee Wiegers, 64 Jahre alt aus Hinte. Die vier gehörten zu einer insgesamt achtköpfigen Gruppe, die als ostfriesische „Omas“ am Bundeskongress teilgenommen haben.
Omas gegen Rechts: Mehr als 30.000 Frauen mit einem Ziel
Die Geschichten, die sie von anderen Omas hören, stimmen die Ostfriesinnen nachdenklich. Aber sie fühlen sich auch bestärkt in dem, was sie antreibt: „Ich glaube, aus Erfurt wird ganz viel erwachsen“, sagt Roswita Mandel. Und die anderen stimmen zu, man habe viel mitgenommen – und auch gemerkt, wie stark die Bewegung eigentlich ist. Die „Omas gegen Rechts“ sind parteiunabhängig, sie sind kein Verein, sondern eine zivilgesellschaftliche Initiative, die sich selbst organisiert. Und das mit Erfolg: Laut eigenen Angaben gibt es bundesweit mehr als 30.000 „Omas“. Eine Größe, die wohl kaum eine andere Bewegung ähnlicher Struktur in Deutschland auf sich vereinen kann. Zum Vergleich: Die AfD hatte laut eigenen Angaben Ende vergangenen Jahres 40.000 Mitglieder.
Aber nicht nur die parteiliche Unabhängigkeit spiele den Omas in die Karten, sondern auch, „dass wir zwar alle unterschiedlich sind, uns aber im Kern absolut einig sind, worum es geht“, sagt Anne-Dorothee Wiegers. „Wir sehen die Demokratie gefährdet und wollen sie schützen“, ergänzt Hilde Pitters. „Wir wollen unsere Demokratie als einzige erstrebenswerte Form des Zusammenlebens schützen“, heißt es auch in der gemeinsamen Abschlusserklärung zum Erfurter Bundeskongress.
650 „Omas“ gehen in Erfurt auf die Straße
300 „Omas“ tagten im Thüringer Landtag – für mehr war einfach kein Platz – 650 gingen zudem in Erfurt auf die Straße. 650 „Omas“, 650 Frauen – „Wir sind eine Frauenbewegung“, sagt Hilde Pitters. Und auch das sei wichtig. „Wir erinnern uns noch an eine unfreiere Gesellschaft, an ein Europa der Grenzen“, sagt die Emderin, die 2019 die erste „Omas gegen Rechts“-Gruppe in Ostfriesland gründete. „Wir erinnern uns teilweise noch daran, dass Frauen nur mit Zustimmung des Ehemanns den Führerschein machen durften“, so Hilde Pitters. Oder daran, dass Frauen nur dann berufstätig sein durften, wenn dies mit ihren „Pflichten in Ehe und Familie“ vereinbar war und der Mann zustimmte.
Eben diese weibliche Lebenserfahrung sei es auch, die die Bewegung auf einer weiteren Ebene besonders macht: „Es ist unsere Aufgabe als Omas gegen Rechts, nachfolgenden Generationen von unseren Erfahrungen zu erzählen und ihnen zu vermitteln, dass es für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Vielfalt keine Alternative zur Demokratie gibt“, heißt es dazu in der Abschlusserklärung. Es gehe darum, jetzt die Demokratie zu schützen, gegen alle Gefahren und vor allem gegen die Gefahr von rechts.
„Wo sind eigentlich die anderen aufrechten Demokraten?“
Diesen Geist, der durch den Bundeskongress noch Aufwind erfahren hat, wollen die ostfriesischen Omas jetzt in die Gesellschaft tragen. „Wir wollen und müssen uns noch stärker vernetzen mit allen, die das gleiche Ziel verfolgen“, sagt Hilde Pitters. Das sei eine Erkenntnis aus Erfurt. Eine andere Idee: „Wir wollen, zunächst in Emden, in die Stadtteile gehen“, erklärt Anne-Dorothee Wiegers. Gespräche führen, Räume für den Austausch schaffen „Wir wollen den Menschen zeigen, was droht, wenn die AfD gewählt wird, wenn sie weiter an Macht gewinnt“, sagt sie.
Auch Aktionen in den Dörfern und Städten Ostfrieslands wolle man anstoßen, sind sich die Omas einig. „Wir sind voller Ideen“, sagt Gabriela Ochoa-Frenz. Eine zentrale Frage brennt den „Omas“ aber noch unter den Nägeln, treibt sie um: „Wo sind eigentlich die anderen aufrechten Demokraten? Warum zeigen sich immer noch so wenige, wenn es darum geht, ein Zeichen zu setzen?“, fragt sich nicht nur Hilde Pitters.