Forschungsprojekt Wie kann die Kutterfischerei überleben?
Geringere Fänge, EU-Vorschriften, Nachwuchssorgen: Was muss passieren, damit die Krabbenfischerei in den kleinen Häfen an der Nordsee eine Perspektive hat?
Bremerhaven/Ostfriesland - Ob in Ostfriesland, Schleswig-Holstein oder an der Wurster Nordseeküste zwischen Bremerhaven und Cuxhaven: Kutter gehören zum Inbegriff des maritimen Lebens. So wie hier Greetsiel, Neuharlingersiel und andere Fischerorte sind für die Gemeinde Wurster Nordseeküste die Sielhäfen in Wremen, Dorum-Neufeld und Spieka-Neufeld echte Besuchermagnete.
Doch obwohl die Ware Krabbe außerordentlich beliebt und die Gemeinde in alle drei Häfen investiert hat, geht die Zahl der Kutter dort zurück. Allein seit 2015 hat sich die Zahl der aktiven Fischer von 16 auf 13 reduziert. Ein Trend, der für die gesamte Kutterflotte mit ihren rund 150 Fahrzeugen zwischen Ditzum in Ostfriesland und Niebüll in Schleswig-Holstein gilt.
Kutter sind ein wesentlicher Baustein
Prognosen zufolge werden in den nächsten Jahren mindestens 25 bis 30 Prozent der Fischer die Flotte verlassen. Es sei Zeit zu investieren, sagt Dr. Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei. In gleich mehreren Projekten beschäftigen sich die Wissenschaftler derzeit mit der Zukunft der Kutterbranche. Ein wesentlicher Baustein sind die Kutter. Kraus prognostiziert, dass die neuen Fischereiboote größer sein werden, damit sie unterschiedlichen Geschäftsmodellen bedienen können. Die Krabbenfischerei allein werde angesichts seit Jahren rückläufiger Fangmengen kaum noch für ein auskömmliches Wirtschaften ausreichen. So sollen die neuen Kutter in der Lage sein, die Korbfischerei nahe der Offshore-Windparks zu ermöglichen. Aber auch den Tourismus und die Sehnsucht vieler Landleute zur See sollten die Fischer mit ihren neuen Kuttern bedienen können – etwa in Form von Gästefahrten und Seebestattungen.
An der Hochschule Emden/Leer wurde unter Professor Jann Strybny und Professor Michael Vahs das Fischereifahrzeug im Projekt „Energieeffiziente zukunftsweisende Küstenfischerei“ entwickelt. Der 19,5 Meter lange moderne Fischkutter soll mit einem umweltfreundlichen Methanol-Antrieb in Serie gehen und so die deutsche Fischereiflotte modernisieren.
Neuen Erkenntnissen zufolge wird die Diversifizierung nicht nur innerhalb eines einzelnen Schiffes erfolgen, sondern auch innerhalb der Flotte. Dr. Arne Schröder, der beim Thünen-Institut für Seefischerei das Projekt Alternative Krabbenwertschöpfung koordiniert, spricht von verschiedenen Schiffstypen, die innerhalb der Flotte denkbar sind.
Wie sieht der Hafen der Zukunft aus?
„Wir haben klare Indizien dafür, dass kleinere Kutter, die hinter den Inseln fangen und auf ein leicht verändertes Modell der Fischerei setzen, durchaus profitabel sind.“ Schröder kann sich einen Flottenmix aus kleinen, traditionellen Fischerbooten und modernen, größeren Booten vorstellen. Den Forschern zufolge muss sich auch die Infrastruktur in den Kutterhäfen verändern. Kraus spricht von Kuttern, die an Land auf Kühlhäuser, Verarbeitungshallen und Schälmaschinen treffen. Außerdem brauche es „ein starkes regionales Marketing für die Krabbe“.
Wissenschaftler wie Schröder glauben, dass es sich lohnen könnte, die gefangenen Krabben nicht mehr überwiegend in Marokko, sondern vor Ort zu pulen. Derzeit wird in einem Forschungsprojekt eine Krabbenpulmaschine getestet, die mit Ultraschall arbeitet.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus.
Nach Einschätzung von Kraus wird es einen Wandel „von den gemütlichen, museumsartigen Häfen an der Nordsee hin zu interessanten, aber auch von Hochtechnologie geprägten Küstenstandorten geben“. Die moderne Zeit werde an den Küsten ankommen müssen, ist er sich sicher. Das müsse aber kein Nachteil für den touristischen Aspekt der Kutterhäfen bedeuten. Inwieweit die Forschungserkenntnisse umgesetzt werden, hängt aus Sicht der Wissenschaftler auch von der politischen Steuerung ab. „Wenn man der Entwicklung freien Lauf lassen würde, würden viele Betriebe einfach sterben, weil sie keine Chance haben, ihre eigenen Fahrzeuge zu ersetzen“, glaubt Kraus. Die Politik müsse sich bekennen, wie der Strukturwandel gestaltet werden soll. „Ansonsten werden die Küsten mit ihren kleinen Häfen ihre Identität verlieren.“