Berlin Auto-Präsidentin: „Deutsche reagieren allergisch auf Verbote“
Die Autobranche steckt schon tief in der Krise. Und dann sollen ab 2035 auch noch neue Diesel und Benziner verboten werden. Zwängt das Deutschlands stolze Industrie in die Knie? VDA-Präsidentin Hildegard Müller sagt im Interview, wie der Standort noch zu retten ist.
Hildegard Müller, Präsidentin vom mächtigen Verband der Automobilindustrie (VDA), stellt im Interview mit unserer Redaktion das EU-Verbot für neue Autos mit Verbrennermotor ab 2035 infrage. „Wir wollen, dass sich das E-Auto durchsetzt, denn es wird den entscheidenden Beitrag zur klimaneutralen Mobilität leisten“, sagt die 57-jährige Managerin zwar. Aber VW, Mercedes und BMW bräuchten dafür „nicht den Schutz, den ein De-Facto-Verbrennerverbot vorgaukelt“.
Der Ampel-Regierung und der EU liest Müller ordentlich die Leviten: „Nur, wenn die Politik endlich das Richtige tut, sind die Jobs in Deutschland auf Dauer zu halten.“ Aber was ist „das Richtige“?
Frage: Frau Müller, in der EU dürfen ab 2035 keine neuen Autos mit Benzin- oder Dieselmotor mehr verkauft werden. Steht der VDA hinter dem sogenannten Verbrennerverbot?
Antwort: Es stehen Reviewprozesse an, und die werden aufzeigen, wo wir in der EU beim Hochlauf der Elektromobilität eigentlich stehen. Mir geht es nicht darum, das Ziel zu verändern. Aber es muss geklärt werden, wer welche Anstrengungen intensivieren muss, damit es erreicht werden kann: Was muss die Autoindustrie tun, was die Politik? Aktuell fehlen in ganz Europa Ladesäulen, es fehlen stabile Stromnetze, es fehlt die Sicherheit, dass ausreichend Rohstoffe kommen … Diese Reviewprozesse muss man sehr ernst nehmen und erst dann macht es Sinn, über das Datum 2035 nachzudenken.
Frage: Also kein klares Bekenntnis zu 2035 vom VDA?
Antwort: Wir haben einen verbindlichen Rechtsrahmen. Und wir als Autoindustrie tun alles, um die Wende zur klimaneutralen Mobilität zu schaffen, wir stehen zum Pariser Klimaschutzabkommen. Deutschlands Autohersteller investieren innerhalb weniger Jahre rund 280 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, vor allem für die neuen Antriebe, insbesondere die Elektromobilität. Hinzu kommen 130 Milliarden Euro an Investitionen in den Werksumbau. Die Zahl der E-Auto-Modelle wird weiter steigen. Und mit wachsender Produktion gibt es Skaleneffekte, E-Pkw werden perspektivisch preiswerter als Diesel oder Benziner sein.
Frage: Aber?
Antwort: Aber die Automobilindustrie arbeitet nicht allein, die Rahmenbedingungen sind wichtig. Die Verbraucher kaufen weniger E-Autos, weil die Förderung weggefallen ist und sie die Ladeinfrastruktur für mangelhaft halten. Auch die Versorgung mit ausreichendem, günstigem CO₂-freiem Strom sowie Rohstoffen ist unsicher. Deshalb nochmal: Erst, wenn klar identifiziert ist, wer wo nacharbeiten muss, können wir wieder über Jahreszahlen sprechen. Es geht nicht um das Ziel, sondern die Frage, wie es erreicht werden kann. Wir brauchen keine Ziel-Debatte, sondern eine Zielerreichungs-Debatte.
Frage: Müssen Deutschlands Autobauer nicht wissen, welche Autos sie in zehn Jahren noch in Europa verkaufen dürfen?
Antwort: Sie brauchen nicht den Schutz, den ein De-Facto-Verbrennerverbot vorgaukelt. Unsere global aufgestellten Konzerne haben verschiedene Strategien für verschiedene Märkte auf der Welt. Hier in Europa gibt es bei allen einen klaren Fokus auf die E-Mobilität. Wir wollen, dass sich das E-Auto durchsetzt, denn es wird den entscheidenden Beitrag zur klimaneutralen Mobilität leisten. Und wir wollen E-Mobilität in Europa zum Leitmarkt machen, damit wir unsere Lösungen auf den wachsenden Märkten in Afrika, Asien und Indien verkaufen können, um den Verkehr auch dort so CO₂-neutral wie möglich zu machen. Ich stelle in Frage, dass es dafür ein Verbrennerverbot braucht. Zumal die Deutschen allergisch auf Verbote reagieren. Wir müssen weg von der schädlichen Verbotsdebatte und hin zu einer Ermöglichungsdebatte.
Frage: Was fehlt von Seiten der Bundesregierung, damit die E-Mobilität auch ohne Verbrennerverbot zum Erfolg wird?
Antwort: Deutschland und Europa brauchen eine engagierte Energiepolitik. Bezahlbare und CO₂-neutrale Energie ist wichtig für die Industrie und die Verbraucher, die ihr Auto natürlich am besten CO₂-neutral laden sollen. Das gelingt nur mit europäischen Energiepartnerschaften. In Afrika, im Nahen Osten, in Lateinamerika werden viele Flächen angeboten. Wenn die EU es jetzt nicht hinbekommt, mit diesen Regionen Verträge über die Lieferung von billigem Grünstrom zu schließen, sieht es düster aus. Andere Länder sind da aktiver und schneller.
Frage: Geht es konkreter?
Antwort: Berlin muss deutlich mehr Druck auf Brüssel machen. Die EU hat rund 50 Freihandels- und andere Abkommen offen, über die aktuell verhandelt wird. Aber es hakt gerade bei den für die Automobilindustrie wichtigen Verträgen, z.B. mit Indien, mit Mexiko, mit Mercosur. Zu oft verliert sich die EU dabei im Klein-Klein oder ein Land blockiert alles aus Eigeninteresse alles. Wenn wir die Industrie in Europa halten wollen, können wir uns diese Selbstlähmung nicht länger leisten.
Frage: Wünscht sich die Automobilindustrie die Rückkehr zur Atomkraft?
Antwort: Darum geht es nicht. Wir brauchen eine europäische Energiepolitik. Wenn die Franzosen Kernenergie beisteuern und wir Wind- und Solarenergie, ist das völlig in Ordnung. Eine neue Kernenergie-Debatte in Deutschland führt aktuell zu nichts.
Frage: Stichwort Ladeinfrastruktur: Wer heute mit dem E-Auto auf Autobahnen unterwegs ist, steht oft alleine vor dem Ladepunkt. Reden Sie die Lage nicht schlecht und tragen zur Verunsicherung bei?
Antwort: Den Schuh ziehe ich mir nicht an. In gut einem Drittel aller Gemeinden gibt es noch keinen öffentlichen Ladepunkt und knapp drei Viertel aller Gemeinden haben noch keinen Schnellladepunkt installiert. Vielerorts muss ein E-Auto nach vier Stunden von der Säule – auch nachts – sonst werden Blockade-Gebühren fällig. Das ist doch aberwitzig. Und noch ist die E-Mobilität nur eine Nische. Wenn die Infrastruktur nicht schneller und vorausschauend ausgebaut wird, droht Chaos, bevor die Zielmarke der Bundesregierung von 15 Millionen E-Autos auch nur annähernd erreicht sein wird. Schon jetzt halte ich es für schwer schaffbar, ausreichend Ladepunkte zu errichten, auch wegen der Stromnetze. Und Spediteure, die Schnellladesäulen für ihre Strom-Lkw haben wollen, bekommen von ihren Netzbetreibern gesagt: Das schaffen wir in sechs oder acht Jahren! Also: Das Allerwichtigste, um die E-Mobilität hierzulande wieder in Schwung zu bringen, sind Ladesäulen, Ladesäulen, Ladesäulen und Netze, Netze, Netze! Wir stellen diese Forderungen, weil wir wollen, dass die E-Mobilität gelingt!
Frage: Wo es schon Ladesäulen gibt, weiß niemand, was das Stromtanken kostet…
Antwort: Die Intransparenz bei den Ladekosten ist ein Dauer-Ärgernis. Das Bezahlsystem muss endlich vereinheitlicht und vereinfacht werden, sodass Nutzer an jedem Ladepunkt laden können. Künftig wird durch eine neue EU-Regel der Preis transparenter ausgewiesen, das ist gut. Was es noch braucht, ist ein einheitliches System für die Abrechnung. Und es muss ausreichen, einen einzelnen Stromvertrag für ein E-Auto abzuschließen, so wie es für eine Wohnung oder ein Haus auch funktioniert. Da sind auch die Energieversorger gefragt, endlich nutzerfreundliche Lösungen anzubieten!
Frage: Fakt ist: Die Investitionen wandern ins Ausland. Wie kann erreicht werden, dass die E-Autos und Batterien auch in Zukunft bei uns gebaut werden, und nicht in China oder den USA?
Antwort: Nur ein Prozent der mittelständischen Unternehmen unserer Industrie sieht sich in der Lage seine Investitionen in Deutschland erhöhen, ein klares Warnsignal! Teilweise können Werke nur hierzulande gehalten werden, weil Geld an Standorten im Ausland verdient wird. Wir haben ein gravierendes Standortproblem. In den Griff bekommen wir das nur, wenn, wie schon angesprochen, unter anderem die Energie billiger wird, die Rohstoffe gesichert werden und die Bürokratie abgebaut wird. Stattdessen begibt sich die EU auf Sonderwege, wie mit dem Lieferkettengesetz, und türmt neue Bürokratie-Hürden auf. Auch die Bundesregierung muss vom Reden ins Handeln kommen, sonst lässt sich die schleichende Deindustrialisierung nicht mehr stoppen, weil Deutschland bei den Produktionskosten nicht mithalten kann.
Frage: Sind nicht vor allem die Personalkosten zu hoch?
Antwort: Der VDA ist nicht Tarifpartner. Dennoch ist – angesichts der harten und wachsenden internationalen Konkurrenz – die Frage berechtigt, ob jetzt die Zeit für Arbeitszeitverkürzung oder kräftige Lohnerhöhungen ist. Aber nochmal: Wichtig ist, dass die Politik alle Hebel in Bewegung setzt, um Deutschland für die Unternehmen wieder attraktiv zu machen.
Frage: Die EU-Strafzölle auf E-Autos aus China retten die Jobs in Deutschland nicht?
Antwort: Das Ausmaß und die Art und Weise von Subventionen in China sind eine Herausforderung, für die eine Lösung gefunden werden muss. Aber die Strafzölle sind kein geeignetes Mittel für den Schutz unserer Branche und davon sollte man Abstand nehmen. Es drohen Gegenmaßnahmen durch China und eine Protektionismus-Spirale würde Deutschland als Exportnation wohl am härtesten treffen. Übrigens verkaufen deutsche Hersteller in China etwa 100-mal so viele Pkw wie chinesische Marken in Deutschland. Und die Sorge vor einer E-Auto-Schwemme aus Fernost ist aktuell übertrieben, denn so drastisch sind die Überkapazitäten in China nicht. Es braucht im Übrigen nicht nur Kapazitäten, sondern auch Käufer. Und ganz grundsätzlich gilt: Wettbewerb ist positiv, auch für die Verbraucher.
Frage: Wie kommt die EU da wieder raus?
Antwort: Die Gespräche, die Brüssel und Peking führen, müssen intensiviert werden, denn es gibt Lösungsräume. Beide Seiten können und sollten aufeinander zugehen. Man sollte nun ausloten, wie eine faire und mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO konforme Handelspartnerschaft aussehen kann. Dass ein Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern sein Wachstum auch mit Wertschöpfung daheim verbinden will, das ist absolut in Ordnung. Statt nur mit dem Finger nach China zu weisen, ist es allerhöchste Zeit für die Politik, die eigenen Hausaufgaben zu machen.
Frage: Mal im Ernst, bei all den Herausforderungen: Haben Autos „made in Germany“ überhaupt eine Zukunft?
Antwort: Na klar. Hier möchte ja niemand weggehen. Gerade der industrielle Mittelstand ist nach wie vor extrem stark, die deutsche Autoindustrie will in Deutschland produzieren. Uns mangelt es definitiv nicht an technologischer und innovativer internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Wir werden nicht daran scheitern, dass wir keine guten Autos mehr bauen. Es geht allein um die Rahmenbedingungen. Aber nur, wenn die Politik endlich das Richtige tut, sind die Jobs in Deutschland auf Dauer zu halten.