Berlin/Ahrenshoop Mit chinesischem Billig-E-Auto und Oma ans Meer: Kann das gutgehen?
Taugen E-Autos für den Urlaub? Wir haben den Selbstversuch gemacht und sind im chinesischen Batterie-Fahrzeug zu viert von Berlin an die Ostsee gefahren, und das an einem Hauptreisetag. Ein Abenteuerbericht.
Kaum Reichweite auf der Autobahn, keine Ladesäulen in der Nähe, zu teuer: Das sind häufige Vorbehalte gegen die Anschaffung eines Elektroautos. Und das muss geprüft werden. Nach einem ersten (und haarsträubenden) Test mit einem VW ID3 vor drei Jahren ging es diesmal noch härter ins Risiko. Nicht alleine, sondern mit Oma an Bord. Nicht mit einem Volkswagen, sondern mit dem billigsten Stromer von BYD (Build Your Dreams), dem Dolphin für „nur“ 33.000 Euro. Und immerhin gut 280 Kilometer von Berlin zum Ostseebad Ahrenshoop.
Kommt man zügig ans Ziel, oder muss man alle halbe Stunde Strom tanken? Sind die Autobahn-Ladepunkte an einem Feriensamstag alle belegt? Funktioniert die Ladestation? Und darf man überhaupt das Auto eines chinesischen Herstellers ausprobieren, gegen den die EU wegen Subventionen Strafzölle verhängt hat?
Das Mitreise-Angebot klang für die Großeltern abenteuerlich. Eigentlich wollten sie mit ihrem kleinen Mercedes ans Meer fahren. Nach einer Nacht Bedenkzeit kam die Antwort: „Let‘s go electric!“
Die Vorbereitung hätte, dies vorab, nicht desaströser laufen können. Bei der Abholung des Testwagens bei BYD am Freitag in Berlin-Spandau ist der Akku nur zu 24 Prozent geladen. Also ran an die öffentliche Ladesäule vor der Haustür in Berlin-Charlottenburg und hoffen auf den Morgen. Die Abfahrt war für Samstag, 10.30 Uhr, angekündigt. Schon kleine Abweichungen vom Zeitplan können bei den betagten Mitreisenden für Nervosität sorgen.
Aber, tja, trotz grünem Licht der Ladesäule am Abend ist der Akku auch am Morgen nicht voller. Jetzt kann nur noch ein Schnellladepunkt das Abenteuer retten.
Leider schickt uns die Bord-Navigation erstmal zu einer verwahrlosten Baustelle. Schnelllader Nr. 2 steht angeblich direkt an der Stadtautobahn, aber nur angeblich. In der Realität steht da: gar nichts.
Ohne E-Auto-Erfahrung stünden dem Fahrer schon jetzt alle Haare zu Berge. Als leidgeprüfter Ladesäulen-Pfadfinder erfolgt der Griff zur Karten-App von Apple, die uns auf den Parkplatz eines Baumarktes führt. Und da, endlich, steht ein ersehnter Hyperlader! Ladekarte an die Säule, Kabel in den Wagen, und schon fließt der Strom. Wegen eines zweiten angeschlossenen Autos zwar mit reduzierter Leistung, aber immerhin: In einer guten Stunde soll der BYD auf die volle Reichweite von 420 Kilometern aufgeladen sein.
Das Heckmeck könnte ein schlechtes Vorzeichen sein. Noch könnte die Reisegruppe in den vollgetankten Benziner des Opas umsteigen. Der einstündige Ladevorgang wird für ein Frühstück am Ku’damm und Telefonate mit der wartenden Crew genutzt. Dabei stellt sich heraus: Die Moral ist ungebrochen. Alle wollen den E-Auto-Trip wagen!
Vom Ladepunkt in Charlottenburg geht‘s in den Prenzlauer Berg, wo Oma und Opa eingesammelt werden. Das Gepäck für eine Woche Ostsee passt so gerade eben in den Kofferraum. Der Proviantkorb steht hinten zwischen Tochter und Oma. Der alte Herr macht‘s sich mit seinen langen Beinen vorne rechts bequem.
„Schaut schick aus“, finden die Insassen und loben die schnittige Optik und die nobel wirkenden Bezüge aus „veganem Leder“, wie Kunstleder heutzutage genannt wird. Die ersten Bemerkungen nach dem Start: „Der fährt aber leise. Man hört ja gar nichts. Wow, wie der beschleunigt!“
Und doch geht dem Opa gleich der Hut hoch. Das liegt aber nicht am E-Auto. Das liegt am Stau auf dem Autobahnzubringer, in den uns das Bord-Navi schickt. Über Opas Schleichwege wären wir schon fast am Meer. Aber die kennt der Wagen aus China nicht.
Auf der A114 und der A10 Richtung Rostock geht es nur zäh voran. Der Stauassistent, der selbständig beschleunigt, bremst und Abstand hält, macht das Fahren immerhin so angenehm wie möglich. Und der Akku freut sich. Beim ersten Erfrischungsstopp sind erst 100 Kilometer zurückgelegt. Die Reichweite liegt noch bei rund 300 Kilometern. Aufs Aufladen an verfügbaren Ladepunkten wird bei der ersten Rast verzichtet.
Nach 150 Kilometern wird‘s endlich leerer auf der Autobahn, und es gibt auch kurz mal keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Ein zaghafter Druck aufs Pedal, und der Dolphin beschleunigt selbst im sparsamen ECO-Modus knackig auf 170 km/h. Im Wagen bleibt‘s leise. Die Reichweite schwindet deutlich schneller als bei Tempo 110, aber auch nach 200 Kilometern Strecke bleibt mehr Reserve als benötigt. Für eine zweite Erfrischungspause wird der Rastplatz Recknitz Ost knapp 80 Kilometer vor Ahrenshoop angesteuert.
Und da nun mal alle müssen, wird, um die Zeit zu nutzen, auch geladen.
Während an den Zapfsäulen für Diesel und Benzin Gedränge herrscht, sind wir vor den Power Chargern der Firma MER ganz allein. Wir müssen auch nicht zum Bezahlen an die Kasse: Ladekarte unters Display halten, Ladekabel einstecken, ein paar Sekunden warten, bis der Strom fließt und die Kabel verriegelt sind, das war‘s.
Bei der Rückkehr zum Wagen hat sich eine neugierige Familie genähert. „Und, wie lange dauert‘s, bis der Akku voll ist?“, will der Vater wissen. „Laut Display sind binnen 10 Minuten rund 100 Kilometer Reichweite geladen. Für die Vollladung würde es noch eine halbe Stunde dauern. Aber das brauchen wir ja nicht.“ Die Familie will noch viel mehr wissen. Aber wir wollen jetzt ankommen, legen die letzten 40 Autobahnkilometer bei 120 km/h zurück, dann geht es noch eine Dreiviertelstunde über Landstraße. Am Ferienhäuschen hat der Akku noch einen Ladestand von 45 Prozent und eine Reichweite von 190 Kilometern. „Sagenhaft“, sagt die Oma.
Sorge, dass es mit dem chinesischen E-Auto nicht problemlos wieder heimgeht, hat niemand mehr. Ein Blick auf die Karten-App zeigt, dass die nächste Ladesäule 250 Meter und die übernächste 400 Meter vom Ferienhaus entfernt ist, zur nächsten Tankstelle sind es sieben Kilometer. Also wird einfach Urlaub gemacht. Der elektrische Fahrspaß bei Abstechern ins Umland könnte größer nicht sein. Ob Klimaanalage, Soundsystem oder Bequemlichkeit: Alles bestens.
Weil die Rückfahrt nach Berlin ganz ohne Stromtanken bewältigt werden soll, steuern wir am Abend vor der Heimreise noch den nächsten freien öffentlichen Ladepunkt an, in 400 Metern, direkt hinterm Deich gelegen. Ein Smiley im Ladesäulen-Display bestätigt: Alles fließt.
Und diesmal gibt es kein böses Erwachen: Beim Abholen am Morgen ist der Akku bei 100 Prozent, die Reichweite bei 419 Kilometern. Das sollte sogar für die auf fünf Personen angewachsene Rückreise-Crew reichen.
Eigentlich wollten wir den BYD auf der Autobahn mal richtig „ausfahren“, wie es so schön heißt. Aber dann geht es die ersten 100 Kilometer durch Starkregen. Auch bei den wirklich widrigen Bedingungen gibt sich der Dolphin keine Blöße und könnte sich nicht stabiler steuern lassen.
Nach dem Unwetter ist niemandem mehr nach Rasen zumute, und bei Tempo 110 bis 130 gleiten wir nach Berlin. Das einzig Störende sind die Raser, die von hinten kommen, wenn man mal einen Lastwagen überholen muss.
Ansonsten beschleicht uns eine Ahnung: Wenn einigermaßen erschwingliche Elektroautos schon jetzt so zuverlässig, angenehm und sportlich fahren, dass man an der Ampel quasi jedem Diesel oder Benziner davon flitzen kann, und wenn es eines Tages genug Ladesäulen, Stromnetze, grüne Energie und Rohstoffe geben sollte, dann dürften Verbrenner-Autos zu Nischenprodukten für Regionen mit Extremtemperaturen und ohne zuverlässige Stromversorgung werden.
Der Versuch, den Akku bis nach Berlin-Charlottenburg leer zu fahren, um auch den Reservebetrieb mal auszutesten, scheitert kläglich. Am Abend vor der Haustür ist die Batterie noch bei 19 Prozent. Und diesmal springt auch der öffentliche Ladepunkt in der Nachbarschaft an.
Mit vollem Akku und schwerem Herzen geben wir unser Reiseauto am nächsten Morgen an BYD zurück.
Zum Weiterlesen: Was 100 Kilometer mit dem Elektroauto wirklich kosten