Energiewende und Bürokratie  Geplante Lithium-Raffinerie in Emden geht später an den Start

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 29.07.2024 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
So soll die Lithium-Raffinerie in Emden aussehen. Sie soll am Wybelsumer Polder entstehen. Grafik: Livista Energy
So soll die Lithium-Raffinerie in Emden aussehen. Sie soll am Wybelsumer Polder entstehen. Grafik: Livista Energy
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Am Wybelsumer Polder in Emden soll eine der ersten Lithium-Raffinerien ihrer Art in Europa entstehen. Der Zeitplan muss nun angepasst werden. Anderswo gibt es spannende Entwicklungen.

Emden - In Emden soll eine der ersten Lithium-Raffinerien ihrer Art in Europa entstehen. Der zunächst angedachte Zeitplan kann aber nicht eingehalten werden, wie das ausführende Unternehmen, Livista Energy Europe mit Sitz in Luxemburg, jetzt auf Nachfrage schreibt. Lithium ist ein Grundstoff für Batterien etwa für E-Autos. In Raffinerien wird das Lithium-Erz verarbeitet. Nachdem im Oktober 2023 der Pachtvertrag für das Grundstück im Wybelsumer Polder von Livista und dem landeseigenen Hafenbetreiber Niedersachsen Ports (N-Ports) unterschrieben worden war, war es ruhig um das Projekt geworden. Doch im Hintergrund wirbelt es.

Eine Mitarbeiterin hält in einem Labor der Vulcan Energie in Karlsruhe eine Glasschale mit Lithiumchlorid in den Händen. Foto: Uwe Anspach/dpa
Eine Mitarbeiterin hält in einem Labor der Vulcan Energie in Karlsruhe eine Glasschale mit Lithiumchlorid in den Händen. Foto: Uwe Anspach/dpa

Derzeit werde intensiv mit wichtigen Beteiligten aus Behörden und Politik zusammen gearbeitet, darunter der Stadt Emden, der Niedersächsischen Landesregierung, dem Bund sowie verschiedenen Umwelt- und Wirtschafts-Akteuren, erklärt Jennifer Cunningham von Livista. Ihre englischen Antworten haben wir ins Deutsche übersetzt. „Gemeinsam konzentrieren wir uns auf kritische Meilensteine, die unerlässlich sind, um das Projekt an den Start zu bringen“, schreibt sie.

Überzeugt vom Standort Emden

„Unser ursprüngliches Ziel war es, im Jahr 2026 mit der Produktion zu beginnen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass eine gründliche Planung und Ausführung, einschließlich aller staatlichen Unterstützungen, erforderlichen behördlichen Genehmigungen und Umweltauflagen, mehr Zeit in Anspruch nimmt als zunächst erwartet“, erklärt Cunningham. Vorausgesetzt, alles läuft nun reibungslos, dann würde die konkrete Betriebsplanung Ende 2024 beginnen und der Bau der Anlage auf grüner Wiese Ende 2025 beginnen. „Der aktuelle Zeitplan sieht nun den Produktionsstart für Ende 2027 vor“, schreibt sie.

An den Plänen allgemein werde aber nicht gerüttelt. Man sei mit Hingabe und Engagement dabei, um die Raffinerie in Emden zu errichten. Es handle sich um eine „sehr große Investition“ und das Projekt werde dann gestartet, wenn alle optimalen Voraussetzungen geschaffen seien. „Unser vorrangiges Ziel bleibt es, eine solide und nachhaltige Grundlage für die Produktion zu schaffen“, betont sie. Selbstverständlich werde die Öffentlichkeit dabei weiterhin auf dem Laufenden gehalten, so Cunningham.

Durch eigene Raffinerien unabhängiger von China

Aktuell stammt der Großteil des Lithium-Rohstoffs weltweit aus Salzseen in Bolivien, Argentinien und Chile oder aus Bergwerken in Australien. Verarbeitet wird das Material größtenteils in China. Das chinesische Unternehmen CATL war im Jahr 2023 mit einem Marktanteil von 34 Prozent der führende Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien, heißt es vom Statistikportal Statista. Der chinesische Autobauer BYD rangiert mit einem Marktanteil von 16 Prozent an dritter Stelle, gefolgt von LG Energy Solution aus Korea mit einem Marktanteil von 15 Prozent.

Durch Raffinerien in Europa will man sich unabhängiger von China machen. Außer in Emden gibt es auch anderswo in Deutschland Projekte: In Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt beispielsweise ist der Spatenstich für die erste Lithiumhydroxid-Raffinerie innerhalb der Europäischen Union bereits im Mai 2022 erfolgt. In diesem Sommer soll durch die Firma AMG Lithium die Produktion mit einer Verarbeitungskapazität von 20.000 Tonnen pro Jahr starten. Bis 2030 soll sich das noch verfünffachen. Zum Vergleich: In Emden will man mit 40.000 Tonnen in die Produktion starten und das durch eine zweite Anlage später noch verdoppeln. „Unsere erste Anlage wird genügend Lithium in Batteriequalität für die Produktion von 850.000 Elektrofahrzeugen pro Jahr liefern“, heißt es dazu von Livista.

Lithium-Vorkommen in Deutschland groß

Um auch unabhängiger in Bezug auf den Rohstoff zu werden, werden Vorkommen in Deutschland überprüft. In Gestein und im Wasser sind mittlerweile große Lithium-Mengen gefunden worden. So ist beispielsweise die Lithium-Lagerstätte bei Zinnwald in Sachsen deutlich ergiebiger als bisher angenommen, heißt es in einem MDR-Bericht im Februar. Das hätten Bohrungen ergeben, teilte die Zinnwald Lithium GmbH gegenüber dem MDR mit. Deren Geschäftsführer, Marko Uhlig, sagte MDR SACHSEN, man sei auf 429.000 Tonnen Lithium gestoßen. Aber: Frühestens in vier Jahren könne der Abbau des Materials starten.

Horst Kreuter, Mitbegründer des Projekts bei der Vulcan Energie Ressourcen GmbH, steht in der sogenannten Lithiumextraktions-Optimierungsanlage. Foto: Uwe Anspach/dpa
Horst Kreuter, Mitbegründer des Projekts bei der Vulcan Energie Ressourcen GmbH, steht in der sogenannten Lithiumextraktions-Optimierungsanlage. Foto: Uwe Anspach/dpa

Am Oberrhein war zunächst von einem sehr großen Lithium-Vorkommen gesprochen worden. Der jährliche Bedarf von ganz Deutschland und 25 Prozent Europas sollte damit gedeckt werden, hieß es zunächst vom Karlsruher Unternehmen Vulcan Energie. Eine erste Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) dämpfte die Erwartungen aber, schreibt der SWR im November 2023. Das Ergebnis: Nur etwa zwölf Prozent des deutschen Bedarfs könnten die bestehenden vier Geothermiekraftwerke am Oberrhein decken. Dennoch sei der Ertrag beträchtlich. Die erste Anlage zur Lithium-Förderung wurde im November eingeweiht.

In Niedersachsen ist ein bislang einzigartiges Projekt in der Planung: Im Zusammenhang mit einem Geothermie-Vorhaben wollen die Stadtwerke Munster-Bispingen auch Lithium-Ionen aus Tiefenwasser gewinnen, heißt es in einem SWR-Bericht. Aus gut fünf Kilometer Tiefe wird das Wasser gefördert und nach der thermischen Nutzung wieder in den Boden zurückgeführt. An einem Punkt in diesem Kreislauf werden die Lithium-Ionen herausgefiltert und konzentriert. Bis zu 500 Tonnen Ertrag erhofft man sich pro Jahr. Das Tiefengeothermieprojekt wird vom Land mit rund sieben Millionen Euro gefördert. Wann es losgeht, ist noch nicht bekannt.

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