Norderney Den Wolf auf Norderney schießen? Was Ostfrieslands Jäger wirklich fordern
Ein einzelner Wolf auf Norderney wäre noch kein Problem, glaubt die ostfriesische Jägerschaft – die gesamte Wolfspopulation an der Küste sei allerdings jetzt schon bedrohlich. Der Auricher Jäger Gernold Lengert nennt Zahlen und Fakten zum Wolf an der Küste.
Die Küstenjäger waren schon alarmiert, bevor ein Wolf im Juni die Urlaubsinsel Norderney erreichte. Kurz vor der Sichtung hatten sie in einem Positionspapier gefordert, die gesamte Region zur „wolfsfreien Zone“ zu machen. Warum halten die Jäger territoriale Wölfe in Ostfriesland für problematischer als anderswo? Gernold Lengert, stellvertretender Bezirksvorsitzender der Jägerschaften Ostfriesland, gibt Antworten.
Frage: Herr Lengert, kurz vor der Wolfssichtung auf Norderney haben die zehn Küstenjägerschaften die „Auricher Erklärung“ zum Wolf veröffentlicht. Eine Forderung: Die Küsten sollen wolfsfrei werden. Muss der Inselwolf geschossen werden?
Antwort: Nein – wir können und wollen auch gar nicht verhindern, dass an Ostfrieslands Küste auch mal ein Wolf langläuft. Gefährlich wird es erst, wenn diese Wölfe territorial werden. Nach der ersten Sichtung auf Norderney dachte ich noch: Der ist mal übers Watt gewandert, na klar, das macht das Damwild ja auch. Bald wird er sich wieder verpieseln. Jetzt bin ich selbst überrascht, wie wenig ihn das Gewusel der Insel stört. Offenbar bleibt er, verbringt mal einen Tag auf Norderney und treibt dann wieder eine Nacht auf dem Festland sein Unwesen.
Frage: Mit „Unwesen“ meinen Sie den Wolfsriss, bei dem im Landkreis Aurich vier Schafe getötet und vier verletzt wurden. Glauben Sie, dass das der Wolf von der Insel war?
Antwort: Das ist ein und dasselbe Tier. Zumindest vermute ich das, wenn ich die Sichtungen und Risse mit den Strecken abgleiche, die ein Wolf in einer Nacht läuft. Aber natürlich gibt es bei uns nicht nur den einen. Ich schätze, dass wir hier 16 bis 18 Wölfe haben. Und warum sollten die Rehe fangen, wenn Schafe auf dem Deich stehen? Wildtiere zu jagen, ist anstrengend und gefährlich. Die laufen weg; die Schafe können das nicht. Für den Wolf ist der Deich wie ein Imbiss. In einem Wort: Wir haben in Ostfriesland ein Wolfsproblem.
Frage: Wie hoch ist die Zahl der Wolfsrisse bei Ihnen?
Antwort: Im Gebiet der zehn Küstenjägerschaften haben wir vom April 2023 bis zum April 2024 über 100 Vorfälle gezählt, 75 davon wurden sicher einem Wolf zugeordnet. 188 Nutztiere wurden getötet, 101 verletzt. Wir reden über ein enormes Tierleid. Und ich gehe von einer hohen Dunkelziffer aus. 70 bis 80 Prozent der Vorfälle werden gar nicht mehr gemeldet. Die Bauern tun sich das nicht an. Es heißt dann sowieso nur, dass sie nicht richtig gezäunt haben.
Frage: Sie argumentieren, dass die Lage an den Küsten anders ist als im Rest des Landes. Warum?
Antwort: Einmal wegen der Weidetierhaltung. Hier kommt die Milch her. Es gibt eine Wolfskot-Studie aus Görlitz, wonach der Wolf zu 90 Prozent Wild frisst. Das stimmt mit Sicherheit. Proben aus Ostfriesland dürften aber ganz anders aussehen. Da frisst er Nutztiere. Das Andere, das uns beschäftigt, ist der Küstenschutz. Wir haben 610 Kilometer Sturmflutdeiche und dazu rund 1000 Kilometer tideabhängige Deiche an den Flussmündungen. Dahinter leben 1,1 Millionen Menschen, Bremen nicht mitgezählt. Und die Deiche müssen durch Schafe beweidet werden. Man kann sie mähen, aber nur Schafe verdichten die Deichkrume mit ihren kleinen Hufen so, dass das Wasser keinen Schaden anrichtet.
Frage: Warum lässt sich auf Deichen nicht derselbe Wolfsschutz installieren wie auf offenen Feldern?
Antwort: Ein Deichschäfer beweidet mit seinen circa 700 Schafen rund acht Kilometer Deichlinie, mit all den Entwässerungsgräben, Wirtschaftswegen und, und, und. Wie soll er das einzäunen? Wie soll er den Zaun so tief eingraben, dass der Wolf sich nicht drunter durch buddelt? Und wie soll er die Seeseite wolfssicher zäunen, mit dem auflaufenden Wasser, das dagegen drückt? Dazu kommt der Wind: Nach den Stürmen liegen schon normale Schafszäune platt. Ein Wolfszaun ist am Deich nicht zu bezahlen. Das Aufstellen ist logistisch nicht einmal möglich.
Frage: Wölfe sind nicht die einzige Art, die den Deich bedroht. Von unten kommen Kaninchen und Nutrias und graben ihre Bauten. Was ist schlimmer?
Antwort: Der Schaden, den Nutrias am Deich anrichten, ist auch bedrohlich. Sie durchlöchern diesen. Deswegen bejagen wir sie auch nach Kräften. Die Politik behandelt sie aber ganz anders als den Wolf: Für die Nutrias ist der Elterntierschutz außer Kraft gesetzt. Jäger dürfen sie ganzjährig töten, auch wenn das bedeutet, dass möglicherweise Jungtiere verhungern. Natürlich sind die Nutria eine invasive Art. Aber leiden tun diese Tiere natürlich auch. Das wird hingenommen. Beim Wolf gelten dagegen die strengsten Schutzregeln. Dabei ist der Bestand gesund.
Frage: Wie sind denn die aktuellen Zahlen?
Antwort: In Niedersachsen leben zurzeit etwa 550 Wölfe; das sind – in nur einem Bundesland! – viel mehr als in ganz Schweden. Und jedes Jahr wächst die Population um 30 Prozent. Unsere Bundesumweltministerin Steffi Lemke müsste den guten Erhaltungszustand eigentlich nach Brüssel melden. Das ist nötig, damit der Schutzstatus des Wolfs in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie runtergestuft wird. Sie tut es aber nicht – weil die Wölfe in Deutschland nicht flächendeckend leben. Bei allem Respekt, das wird auch nie passieren: In der Großstadt Berlin oder im dicht besiedelten NRW wird der Wolf natürlich niemals flächendeckend territorial.
Frage: Wird der Wolfs anders behandelt, weil er in Deutschland ausgerottet war?
Antwort: Wir Jäger haben nichts gegen den Wolf. Er ist ein faszinierendes Tier und seine Rückkehr ist eine Bereicherung. Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ist weniger ein Erfolg des Naturschutzes, das hängt eher damit zusammen, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs der Weg nach Westen wieder frei war. Was wir Jäger nicht verstehen, ist die Ungleichbehandlung. Wir haben Abschusspläne für Rotwild. Wir setzen den Elterntierschutz für die Nutria aus – ein fühlendes Lebewesen! Warum fehlt der politische Wille beim Wolf? Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil erklärt die Eindämmung der Wolfspopulation zur Chefsache – notwendige Beschlüsse auf der Umweltministerkonferenz erfolgen aber nicht.
Frage: Die Küsten sind eine touristische Region. Richtet der Wolf auch auf diesem Gebiet wirtschaftlichen Schaden an?
Antwort: Mich würde wundern, wenn der Tourismus mit dem Wolf Probleme hat. Noch eine Attraktion – läuft bei uns! Wenn Urlauber sich bei der Jägerschaft melden, dann aus Unkenntnis: In den Großstädten leben die Menschen im siebten Stock und finden den Wolf toll. Wenn es dann an die Küste geht, fragen sie, ob die Insel noch sicher für ihre Kinder ist.
Karte zeigt: So kam der Wolf vermutlich nach Norderney
Frage: Ist die Sorge der Eltern denn gerechtfertigt?
Antwort: Wenn ich in der ostfriesischen Landschaft einem Wolf begegne, dann wird der mir nichts tun. Das ist ein schlaues Tier und wägt ab: Der Gernold Lengert ist 1,94 Meter groß und wiegt seine 100 Kilo – das lasse ich mal lieber. Aber ich weiß auch nicht, was passiert, wenn man acht Jahre alt ist und nur 110 Zentimeter groß. Ein gesundes Tier wird lieber auf einen Hasen warten. Aber ein krankes Tier, eins, das richtig Hunger hat – ich weiß nicht, was das womöglich macht.