Osnabrück Geisterrennen und Marathon-Drama: So schrieb Olympia 1908 in London Geschichte
Die Olympischen Spiele 1908 hatten es in sich: Ein Geisterrennen im 400-Meter-Finale und das Drama um Marathonläufer Dorando Pietri sorgten im London des frühen 20. Jahrhunderts für Furore. Teil 18 unserer Sommerreihe: „Verrückte Geschichte(n)“.
Obwohl bei diesen Sommerspielen nur 2000 Sportler aus 23 Ländern an Disziplinen wie Tauziehen und Lacrosse teilnahmen, dauerten die Wettkämpfe von Ende April bis Ende Oktober. Denn sie waren in Frühjahrs-, Sommer- und herbstliche Winterspiele unterteilt. Die 43 Frauen starteten unter anderem im Bogenschießen, Eiskunstlauf, Segeln und Tennis.
In der Leichtathletik waren sie nur Zuschauerinnen. Im Finale über 400 Meter lief ein Brite gegen drei Amerikaner. Da es keine Bahnen gab, nahmen die drei US-Boys mit dem Briten gezielt „Kontakt auf“ und besonders John Carpenter behinderte den Schotten mehrfach mit dem Ellenbogen und gewann. Die Briten nutzten ihren „Heimvorteil“, sorgten für die Disqualifikation von Carpenter und so wurde für die drei übrig geblieben Läufer ein Wiederholungsrennen angesetzt. Obwohl dadurch alle eine Medaille sicher hatten, traten die beiden US-Amerikaner aus Protest nicht mehr an.
Deshalb lief Wyndham Halswelle allein und konkurrenzlos die Stadionrunde und gewann Gold in 50,0 Sekunden. Im Zwischenlauf mit Gegnern sogar 48,4 Sekunden. Gar nicht so langsam. Heute liegt der Weltrekord des Südafrikaners Wayde van Niekerk bei 43,03 Sekunden. Der Solo-Sieger des Geisterrennens von 1908 hatte aber nicht viel von seinem Erfolg. Er fiel bereits knapp sieben Jahre später im Ersten Weltkrieg im Alter von nur 32 Jahren durch einen deutschen Scharfschützen.
Doch es gab noch ein zweites Kuriosum bei der Leichtathletik. Am Ende des Marathonlaufs kam der Italiener Dorando Pietri deutlich führend im Stadion an. Noch eine Runde und er wäre Olympiasieger. Doch seine Erschöpfung war nicht zu übersehen. Er taumelte, fiel mehrmals und rappelte sich wieder auf. Kurz vor der Linie griffen ihm Helfer buchstäblich unter die Arme. So torkelte er ins Ziel. Erst Minuten später folgte als Zweiter John Hayes aus den USA. Diesmal protestierten die Amerikaner und sorgten dafür, dass Pietri wegen „Inanspruchnahme fremder Hilfe“ disqualifiziert wurde.
Ein britischer Journalist veröffentlichte die Geschichte. Die Fotos gingen um die Welt. Die britische Königin Alexandra war gerührt. Sie beschenkte Pietri mit einem Goldpokal. Dieser Reporter ist heute selbst ein Held der Literatur: Arthur Conan Doyle erfand die Romanfigur Sherlock Holmes – übrigens schon Jahre vor den Olympischen Spielen 1908 in London.