Hamburg, Berlin Starthilfe von Rolf Zuckowski: Das Hörspiel „Eule findet den Beat“ flattert zum Erfolg
Das Musikhörspiel „Eule findet den Beat“ hat mit 200.000 verkauften Alben Platin bekommen. Warum es einen Nerv bei Kindern und Eltern trifft und wie Rolf Zuckowski zum Erfolgsflug verhalf.
Eine aufmüpfige Punk-Katze, ein rockender Maulwurf und eine jazzliebende Kellerassel, die erklärt, warum Jazz viel cooler ist als Pop: Das Musikhörspiel „Eule findet den Beat“, in dem eine junge Eule verschiedene Musikgenres erkundet, hat im Frühjahr dieses Jahres mit 200.000 verkauften Tonträgern Platin erlangt. Geschaffen haben es Nina Addin, Christina Anders und Charlotte Simon. Wie ist das Album entstanden und wie konnte es so erfolgreich werden?
Die Idee zum Musikhörspiel kommt Nina Addin und Charlotte Simon 2012, als sie in den letzten Zügen ihres Studiums sind. Charlotte Simon studiert Grafikdesign und liebt Hörspiele. Nina Addin studiert an der Popakademie in Mannheim und bringt das Musikalische ein. Die befreundete Autorin Christina Anders macht das Trio komplett.
Ihre Idee: Ein Musikhörspiel für Kinder, mit einem Unterschied: keine schrillen, quitschigen Kinderlieder, keine Kinderchöre, keine Blockflöten- und Gitarrenmusik. Anspruchsvoll soll es sein, aber auf keinen Fall nur klassische Musik präsentieren, wie beispielsweise im Klassiker „Peter und der Wolf“ von Prokofjew. Vielmehr wollen die drei Frauen den Kindern Vielfalt bieten: Rock, Pop, Punk, Jazz, Reggae, Hip-Hop oder Elektro. „Kinder sind einfach kleinere Menschen, die genauso unterschiedliche Geschmäcker haben. Das war unser Ansatz“, sagt Nina Addin.
Also erfinden sie „Eule“, die Hauptfigur des Musikhörspiels. In kurzen Kapiteln trifft Eule verschiedene Tiere, die ihr ihre persönliche Lieblingsmusikrichtung vorstellen. Sie flattert über ein Rockfestival, trifft eine aufmüpfige Punk-Katze und einen bunten Papagei, der ihr die Geschichte des Reggae erklärt und anschließend einen gut gelaunten Reggae-Song vorsingt. Den Kindern wollen die Macherinnen vermitteln: Jeder mag etwas anderes. Und: „Jeder hat seinen eigenen Beat“, wie Simon sagt.
Insgesamt acht Musikgenres lernen Kinder in dem Hörspiel durch acht Songs kennen. Und die stehen nicht nur musikalisch für die Musikstile, auch in den Texten werden die typischen Merkmale von Rock, Hip-Hop, Elektro oder Pop erklärt – und dabei auch ein wenig auf die Schippe genommen. Zum Beispiel, wenn es im Refrain des Popsongs heißt: „Ich bin ein Popsong und ich geh’ hier nicht weg. Ich hab ’ne schöne Melodie als Ohrwurm im Gepäck.“
Das alles macht Spaß, ist leicht verständlich und vor allem: Es gefällt auch den Eltern. „Wir hören oft, dass Familien die Eule im Auto auf langen Urlaubsfahrten hören und es die Eltern auch gerne mithören“, erzählt Christina Anders. Charlotte Simon hat dafür eine Erklärung: „Wir gehen einfach nicht so auf diese hohe, nervige Stimme.“
Insgesamt zwei Jahre arbeiten die drei Frauen an dem ersten Eule-Album. Sie schreiben Skripte, erfinden Charaktere, illustrieren und führen Regie. „Jeder hatte zwar sein Steckenpferd, aber eigentlich war das gar nicht klar getrennt“, schildert Simon.
Außerdem holen sich die drei Unterstützung von befreundeten Musikern, Songschreibern und Sprechern. Die machen unentgeltlich mit. Dafür geben die drei Eule-Macherinnen den Songschreibern die Rechte an den Songs und versprechen ihnen: „Wenn irgendwann mal was daraus wird, dann bekommt ihr was vom Kuchen ab“, so Addin.
So schaffen sie es, das erste Album ganz alleine zu produzieren. „Im Grunde genommen haben wir ein Start-up gegründet, ohne Investoren“, erklärt Nina Addin. Während sie an dem Hörspiel arbeiten, halten sie sich mit Kellnern und anderen Jobs über Wasser. „Diese Jahre waren echt hart. Wir haben wirklich fast gar nichts verdient“, erinnert sich Charlotte Simon. Und Christina Anders ergänzt: „Wenn man sowas macht, muss man letztlich einfach richtig krass dran glauben und wahnsinnig viel Zeit investieren.“
2014 halten die drei Frauen endlich das Album „Eule findet den Beat“ in den Händen. Doch dann wartet die nächste Hürde: Wie bringt man das Hörspiel auf den Markt?
Addin, Anders und Simon schicken das fertige Werk an Verlage und Musiklabels. „Wir wurden am Anfang oft abgelehnt“, erinnert sich Charlotte Simon. Meist hören sie diese Begründung: Das Hörspiel sei zu neuartig und zu kompliziert. So richtig traut sich keine Plattenfirma, kein Buchverlag an diese andere Art von Kindermusik ran, müssen die drei erfahren. Bis es zu einer unerwarteten Wendung kommt.
Im Fahrstuhl der Plattenfirma Universal Music trifft Nina Addin zufällig auf Kinderliedermacher Rolf Zuckowski (77). Der ist eine Legende der deutschsprachigen Kindermusik. Seine Hits „In der Weihnachtsbäckerei“ oder das Geburtstagslied „Wie schön, dass du geboren bist“ prägten Generationen. Mittlerweile ist Zuckowski auch als Produzent mit eigenem Musiklabel tätig. Addin nutzt ihre Chance und gibt ihm ein Exemplar von „Eule findet den Beat“ mit – ohne zu erwarten, dass Zuckowski sich je zurückmeldet.
Doch es kommt anders: Schon ein paar Tage später meldet sich Zuckowski per Telefon. Er ist begeistert. Nina Addin erinnert sich an seine Worte: „Das klingt ja gar nicht wie Kindermusik.“ Musikalischer Anspruch, aber mit kindgerechten Texten – genau das findet der Musikproduzent spannend und erkennt den Wert. „Er hat das irgendwie gespürt“, sagt Addin.
Kurz darauf treffen sich Nina, Christina und Charlotte mit Zuckowski persönlich. „Er erzählt heute immer noch, wie schnell wir unseren O-Saft getrunken haben, vor Aufregung“, erinnert sich Anders lachend. Zuckowski fackelt nicht lange: Er fährt die drei im eigenen Auto nach Berlin und nimmt das Eule-Hörspiel bei Universal für sein Label „noch mal!!!“ unter Vertrag. „Was Nina, Charlotte und Christina mit der Eule-Serie auf den Weg gebracht haben, sucht in der Welt der Kindermusik-Kultur seinesgleichen“, so lobt der Liedermacher heute das Werk.
Rolf Zuckowski gibt der Eule den Startschuss und die flattert los in die Kinderzimmer. In vielen von denen steht mittlerweile statt eines CD-Spielers eine Toniebox: Bei diesem kindgerechten digitalen Abspielgerät sind kleine Figuren die Tonträger. Zum Abspielen werden sie auf eine Lautsprecherbox gesetzt. 2016 stecken sowohl die Toniebox als auch die Eule noch in den Kinderschuhen. Und wie es der Zufall will, ist die Tochter des einen Tonie-Mitbegründers großer Fan des Hörspiels. So bekommt die Eule schon früh eine eigene Tonie-Figur. „Das war einfach perfektes Timing“, erinnert sich Simon. „Die Tonies haben uns einen riesigen Push gegeben“, sagt auch Addin.
Bald entdecken auch Lehrer und Musikpädagogen die Eule, zum Musikhörspiel gibt es bald auch Unterrichtsmaterial. Der kleine Vogel ist nicht mehr zu stoppen: Addin, Simon und Anders bringen drei Fortsetzungsalben raus, in denen die Eule Musik aus Europa erkundet, Instrumente kennenlernt und erfährt, was Musik mit Gefühlen zu tun hat. Christina Anders entwickelt eine Eule-Musiktheater-Show, die heute immer noch durch Deutschland tourt.
2023 der nächste Meilenstein: Aus dem Hörspiel soll ein Film werden – es scheint, als sei die Eule nun flügge geworden. Doch Addin, Simon und Anders wollen ihren kleinen Vogel noch nicht ganz aus den Händen geben. Deshalb arbeiten sie auch am Drehbuch für den Film mit. „Die Eule soll immer noch sie selbst bleiben. Und wir kennen die Eule einfach wie kein anderer“, sagt Anders.
Platin- und Goldstatus, Konzerte, Schulmusik, Eule-T-Shirts – macht sich dieser Erfolg denn bezahlt für die drei Erfinderinnen? Sind Nina Addin, Christina Anders und Charlotte Simon nun reich? Merchandise, Konzerte und Albenverkäufe – das alles wirft zwar etwas ab, leben können sie von dem Erlös aus dem Eule-Hörspiel jedoch nicht, wie Simon offen zugibt: „Wir arbeiten immer noch in anderen Jobs.“
Aber für die drei ist ohnehin etwas anderes viel wichtiger: die Rückmeldungen, die sie von den Eule-Fans bekommen. Regelmäßig bekommen sie selbstgemalte Bilder zugeschickt, Zuschriften von Familien oder Videos von Schulen, die ein Eule-Musical aufgeführt haben.
„Es ist krass zu hören, wie doll die Eule in deren Leben integriert wurde. Das bewegt einen sehr“, findet Simon. „Neulich meldete sich ein Jugendlicher, der als Kind einmal als Reggae-Papagei in der Schule auftrat und das Lied sang“, erzählt Anders. „Er wollte sich bedanken und hat gesagt, dass das immer noch eines der tollsten Erlebnisse seiner Kindheit war.“