Exoten in der Nordsee Diese Gefahren bringen eingeschleppte Arten mit
Mittlerweile leben mehr als hundert fremde Arten in der Nordsee, begünstigt durch Globalisierung und Klimawandel. Wie gefährlich sind sie für das Ökosystem?
Krummhörn / Wilhelmshaven - Große pazifische Austern, kleine Muscheln von den Philippinen oder auch Gänse aus dem Nilgebiet: In und um die Nordsee tümmeln sich mittlerweile so einige Exoten.
Solche gebietsfremden Arten reisen zum Beispiel haftend an Schiffsrümpfen in die Nordsee ein und fühlen sich schnell im Watt heimisch. Doch welche Auswirkungen hat das auf das hiesige Ökosystem? Wir haben mit einem Wattökologen darüber gesprochen, worin die Gefahren dieser eingeschleppten Arten in der Nordsee liegen.
Enge Zusammenarbeit mit den Nachbarn
Dr. Gregor Scheiffarth von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven beschäftigt sich im Rahmen seiner Forschung intensiv mit der Biodiversität in der Nordsee. Und auch er beobachtet schon seit längerem, dass es dort mittlerweile viele Arten gibt, die eigentlich gar nicht ins Wattenmeer gehören.
Aus diesem Grund gehört es zur Aufgabe vieler Forscher und Biologen wie ihn, diese Entwicklungen zu begleiten. Dabei arbeite man eng mit den ebenfalls an die Nordsee angrenzenden Nachbarländern zusammen, als Teil des deutsch-niederländisch-dänischen Wattenmeermonitorings, sagt Scheiffarth.
Zwei neue Tiere und Pflanzen kommen jedes Jahr dazu
Von diesen eingeschleppten Arten, im Fachjargon Neobiota genannt, wurden laut einer aktuellen Auswertung eines solchen Monitorings bis 2022 in der Nordsee 126 neu aufgetretene Arten im Meeresbereich gezählt. „Aktuell haben wir eine Einwanderungsrate von zwei neuen Tier- oder Pflanzenarten pro Jahr im Wattenmeer“, so Scheiffarth. Das sei eindeutig zu viel.
Zwar habe bisher keine dieser eingewanderten Arten zum Aussterben einer in der Nordsee heimischen Art geführt, da sich die Mehrzahl dieser neuen Arten zu unauffälligen Bewohnern des Ökosystems Nordsee entwickle. Aber dennoch habe das Vorhandensein der exotischen neuen Arten einen Einfluss auf die gewohnte Pflanzen- und Tierwelt im Wattenmeer. Bereits einige wenige neue Arten können „zu Verschiebungen im Artengefüge führen oder Habitatstrukturen nachhaltig verändern“, so Scheiffarth. „Sie gelten dann als invasiv.“
Austern aus Japan und Gänse vom Nil
Als Beispiel für eine solche invasive Art nennt Scheiffahrth die pazifische Auster. Wie der Name schon sagt, hat man diesen Meeresbewohner ursprünglich im Westpazifik gefunden, rund um Japan. Die pazifische Auster wurde aber erstmals in den späten 1990er Jahren auch im Wattenmeer festgestellt. Seitdem hat sie sich ordentlich ausgebreitet in der heimischen See und ist nun im gesamten Wattenmeer zu finden. Durch die recht milden Winter und das Fehlen von Fressfeinden in diesem Ausbreitungsgebiet wird deswegen befürchtet, dass diese Austernart die dort heimische Miesmuschel auf lange Sicht verdrängen könnte.
Einige der gebietsfremden Arten, darunter auch die neuen Vogelarten oder jene Arten, die oberhalb der Hochwasserlinie siedeln, sind in den Auswertungen noch gar nicht erfasst, so Scheiffarth. „Für diese Bereiche gibt es derzeit noch keinen umfassenden Überblick.“ Aber es ist bekannt, dass sich unter anderem die ursprünglich aus Afrika stammende Nilgans mittlerweile an der Küste und auf den Inseln verbreitet hat.
Wärmere Temperaturen begünstigen Ansiedlung
Aber warum fällt es solchen gebietsfremden Arten gerade im Wattenmeer so leicht, sich anzusiedeln? Das habe vor allem was mit dem Alter des Meeres zu tun, sagt Scheiffarth. „Das Wattenmeer ist mit einem Alter von 7000 bis 8000 Jahren ein noch recht junges Ökosystem.“ Es gebe in diesem vergleichsweise jungen Ökosystem ausreichende Ressourcen, auch für neue Arten, so Scheiffarth. So finde jede Art eine geeignete Nische. Die grundsätzliche Struktur des Systems und seine Funktionen werden dementsprechend nicht von den neu eingewanderten Arten verändert.
Begünstigt werden solche Ansiedlungen auch durch den Klimawandel und den damit verbundenen Anstieg der Wassertemperaturen, auch hier in der Nordsee. „Daher ist Klimaschutz, eine Reduktion von Treibhausgasen und damit die Dämpfung der prognostizierten Temperaturerhöhung ein wichtiger Beitrag zum Schutz der regionalen Flora und Fauna“, so Scheiffarths Appell.
Verdrängung der einheimischen Arten
Und obwohl bisher noch keine besonders gravierenden Folgen der Einnistung der eingewanderten Arten im Wattenmeer beobachtet worden sind, stellen die Neobiota trotzdem eine potenzielle Gefahr für das hiesige Ökosystem dar. Das hätten weltweite Beispiele gezeigt, sagt Scheiffarth.
So können eingeschleppte Arten unter anderem zur Verdrängung der heimischen Arten durch Konkurrenz um Ressourcen beitragen, wie bei der pazifischen Auster befürchtet wird. Dann würde sich eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt schnell in ein monotones Ökosystem verwandeln. Zudem könnte die Präsenz von eingeschleppten Arten die allgemeinen Beziehungen zwischen den Arten verändern.
Lange Reisen auf Seeschiffen
Dass solche fremden Arten überhaupt den weiten Weg zu uns in die Nordsee gefunden haben, hängt vorrangig mit der Globalisierung der Welt zusammen. Intensive Beziehungen zu anderen Ländern, besonders in der Wirtschaft, begünstigen zum Beispiel den regen Handel auf dem Wasserweg, über die Ozeane. Hier sind es vor allem die Schiffsrümpfe selbst und das aufgenommene Ballastwasser, welche den Transport von Neobiota in das Wattenmeer ermöglichen. Diese wachsen beispielsweise an der Außenhaut des Schiffes fest und legen so weite Strecken zurück.
Das Ballastwasser wird von großen Seeschiffen aufgenommen, um bei einer Fahrt ohne Ladung trotzdem das nötige Gewicht zu haben, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Dieses Wasser wird am Starthafen aufgenommen und am Zielhafen in das fremde Ökosystem gepumpt, was schwerwiegende Folgen für die dortige Tier- und Pflanzenwelt haben kann. Denn in diesem Wasser können sich fremde Organismen befinden.
Einwanderungsrate muss reduziert werden
Diese Gefahr des Ballastwassers habe man international erkannt, so Scheiffarth. Über das sogenannte Ballastwasser-Management-Übereinkommen habe man Regelungen etabliert, „die den weltweiten Transport von Organismen eindämmen.“ Auch für die Schiffsrümpfe gibt es international vereinbarte Empfehlungen. Aber diese seien aktuell noch nicht verpflichtend, sagt Scheiffarth.
Neben der Seeschifffahrt ist es vor allem die Aquakultur, die neue Arten in die Nordsee trägt. „Deren großräumiger Transport bedingt als Nebeneffekt den Transport von Begleitarten“, sagt Scheiffarth. Auch so kommen beispielsweise Muschelarten wie die pazifische Auster oder die Manila-Teppichmuschel, die erstmals im Jahr 2023 im Wattenmeer gefunden wurde, in die Nordsee.
Um den potenziellen Gefahren durch eingeschleppte Arten entgegenzuwirken, gibt es im deutschen Meeresschutz vor allem ein klares Ziel: „Die Einwanderungsrate im Meeresbereich auf ein bis zwei Arten pro sechs Jahren zu reduzieren“, so Scheiffarth. Denn im Meer können eingeschleppte Arten nicht mehr zurückgedrängt werden, wie es an Land der Fall ist. Deswegen müsse verhindert werden, dass solche Arten überhaupt erst in das Wattenmeer kommen.