App im Praxistest Das gibt es gratis oder günstiger mit dem Klima-Taler in Leer
Einfach Fahrradfahren und dafür in den Geschäften Geld sparen – das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Wir haben getestet, wie gut die Klima-Taler-App wirklich funktioniert und wo man sparen kann.
Leer - Ich hätte nie gedacht, dass ich Schnaps mal mit Fahrradfahren bezahlen kann. Na gut, Likör um genau zu sein: Kaffee-Pflaume-Zimt. „Schmeckt auch gut auf Eis“, sagt die Verkäuferin beim Weinhandel Wolff und reicht mir das 0,04-Liter-Fläschchen. Das Geschäft in der Leeraner Altstadt nimmt an der Klima-Taler-Aktion der Stadt Leer teil.
Das Prinzip klingt denkbar einfach: Wer zu Fuß geht, Fahrrad oder mit Bus und Bahn fährt, sammelt Punkte. Klima-Taler. Diese können in vielen Geschäften in Leer eingelöst werden und sollen Rabatte oder sogar gratis Artikel bringen, wirbt die Leeraner Stadtverwaltung. Kaffee-Pflaume-Zimt-Likör zum Beispiel. So sollen die Bürgerinnen und Bürger zu klimafreundlicherem Handeln motiviert werden. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein, finden wir, und haben den Praxis-Test gemacht.
Die Klima-Taler-App
Die App ist für Android- und iOS- Betriebssysteme verfügbar. „Je 5 kg CO2-Einsparung erhältst du automatisch einen Klima-Taler“, wird anfangs erklärt. Je mehr Kohlendioxid die Nutzer vermeiden, desto mehr Prämien sichern sie sich. Namen, Telefonnummer oder Mail-Adresse müssen nicht angeben werden – Datenschutz stehe an erster Stelle, informiert die App.
Etwas werde aber zwingend benötigt: Mein Standort. Auf diesen müsse die App immer Zugriff haben, um im Hintergrund die zurückgelegten Strecken zu messen und die Mobilitätsarten zu bestimmen. Ich wähle noch mein Team aus, die Stadt Leer. Man könnte mich jetzt für einen Erfolgsfan halten: Leer hat im Juli 27.808 Kilo CO2 eingespart und ist damit unter den teilnehmenden Städte-Teams auf dem ersten Platz.
Dann komme ich zur eigentlichen App. Ganz oben kann ich zwischen Menüpunkten wechseln. Unter „Impact“, auf Deutsch Wirkung, sind die gesammelten Klima-Taler zu sehen. Es gibt viele weitere Funktionen, aber ich konzentriere mich auf das Sammeln durch Laufen, Radeln und öffentliche Verkehrsmittel. In der Klimaschatzkarte zeigen Markierungen, welche Läden bereits beim Klima-Taler mitmachen. Je näher man ranzoomt, desto mehr Geschäfte ploppen auf. Ein Klick auf die Markierungen zeigt das jeweilige Angebot.
Der Praxis-Text
15 Klimataler habe ich innerhalb der vergangenen Wochen sammeln können. Besonders zugute kommt mir eine Bahnreise nach Hamburg und zurück. Von meinen gut 61 Kilo CO2-Einsparungen sind 50 Prozent auf Bus und Bahn zurückzuführen. 43 Prozent habe ich durchs Laufen eingespart – viele Grüße an meinen Hund. Nur sieben Prozent macht bei mir das Radfahren aus. Mit meiner digitalen Währung fahre ich in die Innenstadt. Mit dem Auto, muss ich zu meiner Schande gestehen. Dafür werde ich später an diesem Tag mit dem Fahrrad zum Supermarkt fahren.
Ein Blick auf die Klimaschatzkarte zeigt: Es sind in Leer schon recht viele Geschäfte und Einrichtungen mit dabei. Ich könnte für drei Taler einen Euro Rabatt auf eine Hafenrundfahrt kriegen, also elf statt zwölf Euro. Das Wetter ist zwar schön, aber ich bin zu spät. Um 16 Uhr findet kein Ausflug mehr statt. Gegessen habe ich auch schon, aber für ebenfalls drei Taler würde ich 15 Prozent bei ostfriesischen Ofenkartoffel-Kreationen bei den Kumpir Brothers sparen oder bei Fielmann fünf Euro auf die nächste Brille. 30 Taler würden mir übrigens einen Fünf-Euro-Gutschein bei Multi bringen, doch so viele habe ich leider nicht. Dann kommt mir die Idee. Ich wollte doch noch für eine Freundin Weißwein kaufen. Also klicke ich auf das Angebot von Wein Wolff: ein gratis Friesenglimmer, 0,04 Liter, Kaffee-Pflaume-Zimt. Das Probierfläschchen kostet mich nur einen Taler. Das Angebot kann einmal im Monat genutzt werden, lese ich in der App nach. Davon, dass ich unbedingt auch etwas anderes kaufen muss, steht dort nichts.
Ich mache es trotzdem. Im Laden scanne ich mithilfe der Klima-Taler-App einen QR-Code auf einem Plakat. Und schon kann ich das Angebot einlösen, tatsächlich sehr einfach. Ich zeige der Verkäuferin meinen Gutschein auf dem Handy-Display. Aber Achtung, ein Countdown läuft ab. Nach dem Scan ist der Gutschein fünf Minuten gültig. Also erst scannen, wenn ich auch wirklich nichts mehr vergessen habe, merke ich mir. Die Verkäuferin wickelt meinen Weißwein ein und holt mir das kleine Fläschchen. Den Tipp mit dem Eis probiere ich vielleicht am Wochenende aus.
Das Fazit
Wer erwartet, dass mit der Klima-Taler-App in großen Ketten gespart werden kann, muss an dieser Stelle enttäuscht werden. Es sind bis auf wenige Ausnahmen eher lokale Läden, die teilnehmen. Die Auswahl ist trotzdem groß, mit dabei sind in Leer inzwischen 44 Geschäfte. Unter anderem die Ostfriesische Teestube am Hafen, die Kumpir Brothers, Fielmann, der Biomarkt Kück, der Weltladen, Spaß mit Sport, Fun Sport, Blattwerk Floristik, das Plytje, die Stadtbibliothek, das Repair-Café, die Evenburg, Wein Wolff, der Biolandhof Freese, der Dutch Living Room und Multi.
In der App gibt es eine ganze Reihe an Funktionen, die anfangs etwas unübersichtlich wirken. Den Klimataler und den QR-Code-Scanner findet man aber sofort. Die Geschäfte entscheiden selbst, welche Rabatte sie geben. Sicher ist: Die App macht es einem leicht, das ein oder andere Schnäppchen zu machen. Wenn es einen nicht stört, die Bewegungsdaten zu teilen.
Der Ausblick
Die Stadt sei weiter bemüht, ein größeres Angebot zu schaffen. „Wir haben zuletzt eine große Anzahl an weiteren potentiellen Partnern angeschrieben und warten zum Teil noch auf Rückmeldungen. Es ist also damit zu rechnen, dass die Anzahl der Klimapartner noch weiter steigen wird“, schreibt Stadtsprecher Edgar Behrendt.
Das Feedback sei generell sehr positiv. „Wir hatten nicht nur Rückmeldungen von Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch von Schulen und Firmen. Da gab es echte Begeisterung. ,Cooles Angebot‘ hieß es. Oder ,Toll, dass es so etwas jetzt gibt‘“, so Behrendt. Inzwischen gebe es in Leer bereits fast 1400 App-Nutzer. „Aus unserer Sicht ist das ein richtig gutes Zwischenergebnis“, schreibt Behrendt. Andere Kommunen in der Region hätten ebenfalls bereits Interesse gezeigt, verrät er. Nicht unwahrscheinlich also, dass die App auch in der Umgebung künftig nutzbar ist.