Osnabrück  Olympia 2024 im Schatten des Nahost-Kriegs: Sind israelische Sportler sicher?

Ronny Blaschke
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Von Ronny Blaschke
| 24.07.2024 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein französischer Polizist steht neben einem auf dem Boden liegenden Plakat mit der Aufschrift „Ban „Israel No Olympics For Genocide“, das während eines Laufs mit dem Olympischen Feuer durch Huningue konfisziert wurde. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth
Ein französischer Polizist steht neben einem auf dem Boden liegenden Plakat mit der Aufschrift „Ban „Israel No Olympics For Genocide“, das während eines Laufs mit dem Olympischen Feuer durch Huningue konfisziert wurde. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth
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Besondere Sicherheitsvorkehrungen, Solidaritätsproteste für Palästina und Morddrohungen gegen israelische Athleten: Der Krieg im Nahen Osten ist auch kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Paris spürbar. So angespannt ist die Lage.

Ein Demonstrant kettete sich an den Torpfosten, auf seinem schwarzen T-Shirt war eine Botschaft platziert: „Rote Karte für Israel“. Das Qualifikationsspiel im Mai zwischen den Fußballerinnen aus Schottland und Israel für die Europameisterschaft 2025 musste 45 Minuten später beginnen als geplant. Aus Sicherheitsgründen durfte im Hampden Park von Glasgow kein Publikum dabei sein. Während des Spiels hörte man Hunderte Demonstranten, die vor dem Stadion gegen Israel protestierten. In sozialen Medien kursierten Fotos der israelischen Spielerinnen aus der Zeit ihres Militärdienstes.

Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober und die Militäroffensive des israelischen Militärs in Gaza, die nun fast zehn Monate andauert, hat massive Folgen für den internationalen Sport. Im Umfeld mehrerer Wettbewerbe, an denen Athleten aus dem jüdischen Staat teilnahmen, demonstrierten pro-palästinensische Gruppen: bei einem Radrennen in Australien, bei einem Jugendfußballspiel in Norwegen, bei einem Softball-Turnier in Kanada. Gerade hat der belgische Fußballverband die Austragung eines Heimspiels gegen Israel in der Nations-League ins ungarische Debrecen verlegt.

Doch die größte sicherheitspolitische Herausforderung steht nun bei den Olympischen Spielen an, die offiziell an diesem Freitag beginnen. 88 Sportler aus Israel nehmen in Paris teil. Bereits zwei Tage vor der Eröffnung, am heutigen Mittwoch, steigen die israelischen Fußballer ins olympische Turnier ein, ihr Gegner im Pariser Prinzenpark ist Mali. Im weiteren Verlauf das Team auf Paraguay und Japan. Die Spiele werden von hunderten Polizisten begleitet.

Die Sicherheit ist ein zentrales Thema in den israelischen Medien. Zuletzt wurde vermehrt über Morddrohungen gegen die israelischen Fahnenträger berichtet, gegen den Schwimmer Meiron Cheruti und den Judoka Peter Paltchik. Die israelische Regierung ließ mitteilen, dass sich die Sicherheitskosten für das Team gegenüber den Sommerspielen 2021 in Tokio verdoppelt haben, nannte aber keine Summe.

Seit Monaten haben sich die israelischen Sportler mit den Sicherheitsmaßnahmen vertraut machen müssen. „Die Athleten können eigenständig nichts unternehmen“, sagt Michael Halika, der Präsident des israelischen Schwimmverbandes und frühere Olympiateilnehmer, in einem Videointerview. „Selbst wenn sie in der Sportstätte auf Toilette wollen, müssen sie sich mit Sicherheitskräften abstimmen.“

Auch in Paris kann es passieren, dass die israelischen Sportler ihre Unterkünfte und Fahrtrouten wechseln müssen. Etliche von ihnen haben ihre Trainingslager bewusst in der Ferne abgehalten, in den USA, Singapur oder Australien. „Die Athleten durften in sozialen Medien nicht den Standort ihres Trainingslagers veröffentlichen“, sagt Michael Halika. „Das war erst wieder zwei Tage nach ihrer Abreise erlaubt.“ Der israelische Fußballer Liel Abada betonte in einem Interview, dass er sich mehr Sorgen um Familienmitglieder und Freunde machen würde, die auf den Tribünen Platz nehmen.

Die Gastgeber wollen um jeden Preis eine Katastrophe wie 1972 bei den Olympischen Spielen in München verhindern, als palästinensische Terroristen elf israelische Olympia-Teilnehmer ermordeten, darunter fünf Sportler. Doch darüber hinaus steht auch das Internationale Olympische Komitee vor einer großen Herausforderung. Das IOC muss in Paris zwischen antisemitischen Anfeindungen und dem legitimen Protest gegen Israels Regierung unterscheiden.

Seit Monaten sprechen sich mehr als 300 palästinensische Sportorganisationen für den Ausschluss Israels aus den internationalen Wettbewerbsstrukturen aus. Auch Abgeordnete aus dem französischen und irischen Parlament sowie aus dem EU-Parlament fordern Sanktionen gegen israelische Sportverbände. Sie verweisen auf die mehr als 37.000 Menschen, die in Gaza getötet worden sein sollen.

Unter den Opfern sollen sich mindestens 400 palästinensische Sportler, Funktionäre und Schiedsrichter befinden. Im November 2023 wurden bei einem Angriff auf das Flüchtlingslager Jabalia die Volleyball-Nationalspieler Ibrahim Qusaya und Hassan Zuaiter getötet. Auch der Leichtathletiktrainer Bilal Abu Samaan und der olympische Fußballtrainer Hani al-Masdar kamen bei Luftangriffen ums Leben. Und der frühere Läufer Majed Abu Maraheel, der 1996 der erste palästinensische Sportler bei Olympischen Spielen war, erlag in einem Flüchtlingscamp einem Nierenleiden.

„Wir werden Jahrzehnte brauchen, um uns von dieser Katastrophe zu erholen“, sagt Susan Shalabi, Vizepräsidentin des Palästinensischen Fußballverbandes, in einem Telefoninterview. „Die wichtigsten Stadien, Sporthallen und Schwimmbäder in Gaza sind zerstört. Und auch im Westjordanland ist an Sport nicht zu denken. Unsere Mitglieder werden Stunden lang an Checkpoints festgehalten und können sich kaum bewegen.“

Der Palästinensische Fußballverband forderte bei der Fifa den Ausschluss des israelischen Verbandes. Auch mit dem Argument, dass etliche Mannschaften aus den jüdischen Siedlungen im Westjordanland, die von den UN als völkerrechtswidrig eingestuft werden, an offiziellen israelischen Wettbewerben teilnehmen. Die Fifa vertagte ihre Entscheidung in dieser Angelegenheit auf Ende August, so dass die israelischen Fußballer am olympischen Turnier teilnehmen können.

Die Palästinenser, die keinen eigenen Staat haben, wurden 1995 ins IOC und 1998 in die Fifa aufgenommen. Nun nehmen sie zum achten Mal an Olympischen Spielen teil. Von den acht palästinensischen Sportlern in Paris hat sich nur der Taekwondo-Kämpfer Omar Ismail qualifiziert, alle anderen haben Sondereinladungen des IOC erhalten. Deswegen sagt Shalabi:

Bislang haben palästinensische Athleten in ihrer olympischen Geschichte keine Medaille gewonnen, und dabei dürfte es auch in Paris bleiben. Doch in den vergangenen Monaten waren zahlreiche Sportler aus dem Westjordanland und aus der palästinensischen Diaspora für Benefizaktionen unterwegs: die Fußballer zum Beispiel in Südafrika, Irland und Katar. Gerade stellte Nicolas Kassianides, der französische Generalkonsul in Jerusalem, bei einer Veranstaltung in Ramallah eine Spende von einer Million Euro für den palästinensischen Sport in Aussicht.

Der Krieg im Nahen Osten könnte ein zentrales Thema bei Olympia werden. Zuletzt verbreiteten auch prominente Fußballer in sozialen Medien die Videocollage „All Eyes on Rafah“, darunter die französischen Nationalspieler Ousmane Dembélé, Marcus Thuram und William Saliba. In Paris und etlichen französischen Städten kam es an Hochschulen zu Protesten und Besetzungen von Hörsälen, mitunter zu Gewalt.

Ob diese Stimmung auf Olympia übergeht? Seit Monaten greifen Gruppen wie die BDS-Bewegung, die Israel politisch, wirtschaftlich und kulturell isolieren will und vom Bundestag als antisemitisch eingestuft wird, den Sport auf. Im Internet ruft BDS, was für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ steht, zu Protesten, Sitzstreiks und „friedlichen Störungen“ bei Wettkämpfen auf. Wie das auch aussehen kann, erlebten im Mai die israelischen Fußballerinnen in Glasgow. Sie wurden von Demonstranten bis zum Hotel verfolgt. Und nach dem Spiel verweigerten ihnen einige schottische Spielerinnen den Handschlag.

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