Osnabrück Er war Hans Castorp: Der Schauspieler Christoph Eichhorn im Porträt
Neu am Set, umringt von lauter Stars: Christoph Eichhorn erinnert sich an die Dreharbeiten für die Verfilmung von Thomas Manns „Der Zauberberg“. Einer der Stars hatte es ihm besonders angetan.
„Die Verfilmung von Thomas Manns Roman kam für mich insofern richtig, als ich damals genau das Alter der Romanfigur Hans Castorp hatte“, erinnert sich Christoph Eichhorn an einen Film, der ihn vor vier Jahrzehnten mit einem Schlag berühmt machte: Hans W. Geißendörfers Verfilmung von Thomas Manns Jahrhundertroman „Der Zauberberg“.
Die schlanke Silhouette, der federnde Schritt: Als Christoph Eichhorn auf das Berliner Straßencafé zusteuert, scheint er wieder der Hans Castorp zu sein, der Hauptdarsteller aus einem Klassiker der Literaturverfilmungen. Eichhorn spielt die Hauptfigur aus Thomas Manns Roman, den jungen Hamburger aus bestem Hause, der seinen Vetter in einem Lungensanatorium für drei Wochen besuchen will. Er bleibt sieben Jahre.
Eichhorn ist damals der Newcomer am Filmset. Umringt von lauter Stars wie Rod Steiger oder Charles Aznavour muss sich der damals 24 Jahre alte Eichhorn behaupten. Eine aufregende und zugleich anstrengende Situation für den jungen Mann, der kein gelernter Schauspieler ist. „Die Rolle des jungen Schnösel passte zu mir“, sagt Eichhorn und lächelt ironisch dazu.
Ob er Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ selbst ganz gelesen hat? Eichhorn lächelt ironisch dazu. Beeindruckend findet er das Buch gleichwohl. In dem vor 100 Jahren publizierten Buch macht Thomas Mann der Gesellschaft Europas am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Rechnung auf, bilanziert die Weltanschauungen dieser Zeit von Fortschrittsoptimismus bis Psychoanalyse, kritisiert die Orientierungslosigkeit einer Wohlstandsgesellschaft.
„Thomas Manns Zauberberg schildert am Ende Menschen, die nur noch fressen und immer tiefer in eine aufgeheizte Stimmung hineingeraten. In manchen Zügen ist das vergleichbar mit der aktuellen Situation“, erkennt Eichhorn beunruhigende Parallelen.
Der distanziert musternde Blick, das helle Lachen mit einem Anflug von Spott im Ton – Eichhorn ist immer noch ein Stück weit Hans Castorp. Er kommt aus einer Theaterfamilie. Sein Vater Werner Eichhorn spielte an großen Theatern und im Fernsehen, unter anderem mehrfach im „Tatort“. Die Mutter arbeitete als Souffleuse. Eichhorn ist dem Metier treu geblieben, erst als Schauspieler, dann als Regisseur.
Damals habe Wolfgang Petersen zeitgleich Lothar-Günther Buchheims Roman „Das Boot“ verfilmt. „Wir waren damals die beiden großen Filmcrews“, erinnert sich Christoph Eichhorn, lehnt sich zurück und zieht an seiner Zigarette. Im klaustrophobisch engen U-Boot versammeln sich damals junge Talente von Herbert Grönemeyer bis Uwe Ochsenknecht und Jan Fedder. Für den „Zauberberg“ treten Stars an.
Eine großartige Zeit sei das gewesen, so Eichhorn im Rückblick. „Am Set habe ich mich vor allem mit Hans Christian Blech gut verstanden. Wir hatten viel Spaß miteinander“, erinnert sich Eichhorn an den Schauspieler, der die Rolle des Hofrat Behrens übernommen hatte. Charles Aznavour und Flavio Bucci, sie spielten Naphta und Settembrini, seien sehr kollegial gewesen.
„Vor allem Rod Steiger hat mich unglaublich beeindruckt. Er war der totale Star des Films“, blickt Eichhorn vor allem auf jenen Schauspier zurück, der mit seinen Auftritten in Filmen wie „In der Hitze der Nacht“ und „Letzte Ausfahrt Hollywood“ berühmt wurde, und im „Zauberberg“-Film den charismatischen Mynheer Peeperkorn verkörpert.
„Ich habe mich ausprobieren können“, sagt Eichhorn nachdenklich, als bemerke er erst jetzt, welches Geschenk ihm diese Romanverfilmung ganz persönlich gemacht hat. Und welcher Moment war so richtig unangenehm? Eichhorn muss nicht lange nachdenken. Für die Aufnahmen des „Schnee“-Kapitels wird er per Helikopter über einem Schneefeld abgesetzt, mitten hinein in die bitterkalte Einsamkeit. „Ich habe so unglaublich gefroren“, sagt er und schüttelt sich unwillkürlich.
Als junger Mann der Star im „Zauberberg“. Und dann? „Nach der Fertigstellung des Zauberberg-Films bin ich erst einmal in ein Loch gefallen und war ein Jahr arbeitslos. Die Rollen in Derrick haben mich gerettet“, sagt Eichhorn. Auf das Filmgeschäft blickt Eichhorn so abgeklärt wie Castorp auf jene Weltverbesserer, die ihn auf dem Zauberberg für ihre Sache gewinnen wollen.
Schauspieler ist er nicht mehr, nun arbeitet als Regisseur von Krimi-Serien im Fernsehen. „Das ist besser planbar“, sagt Eichhorn und schaut wieder kurz so nonchalant, als sei er immer noch der Castorp auf dem Zauberberg.