Osnabrück „Am Ende hängt Karl May Bärentöter und Henry-Stutzen an den Nagel“
Winnetou und Old Shatterhand - Figuren der Gewalt im Wilden Westen? Kulturwissenschaftler Andreas Brenne erhebt Einspruch. Er plädiert für neue Sicht auf Winnetou-Erfinder Karl May - als Botschafter des Friedens.
Andreas Brenne wirbt für Karl May als Autor des Friedens. Der Kulturwissenschaftler verlangt, den Autor der Romane um Winnetou und Old Shatterhand neu zu sehen. „Karl May ist ein radikaler Humanist“, sagte Brenne im Gespräch mit unserer Redaktion.
„Karl May wendet sich in einem Spätwerk dezidiert gegen Krieg und Aufrüstung. Er will Waffen des Friedens etablieren. Die sind für ihn Verständigung und Nächstenliebe. Er schreibt in seinem Spätwerk Ardistan und Dshinnistan: `Wie man den Krieg führt, dass weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Menschen‘“.
Schon die Gestalt des Old Shatterhand sei im mittleren Werk des Autors als Person der Verständigung angelegt. Der Westernheld suche immer mehr nach friedlicher Konfliktlösung. Karl May verändere parallel auch seinen Blick auf andere Völker und deren Kultur.
„In den Winnetou-Romanen zeichnet Karl May die indianische Zivilisation als eine zwar wertvolle, aber grundsätzlich unterlegene Kultur. Winnetou beschließt sein Leben als Christ. Doch im Laufe seiner literarischen Entwicklung propagiert Karl May die Gleichberechtigung der Kulturen, und eine Begegnung auf Augenhöhe begegnen“, sagte Brenne, der an der Universität Potsdam eine Professur für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik bekleidet.
Nach Andreas Brenne kritisiert Karl May ausdrücklich den Kolonialismus. „Figuren der Erzählung „Der Boer van het Roer“ verurteilen Siedler dafür, dass sie sich etwas aneignen, das ihnen nicht gehört. Er entwickelt eine Vision der wechselseitigen Akzeptanz und Wertschätzung, sodass jeder Mensch seinen Platz findet. Mit Kolonialismus verträgt sich das nicht“, verweist Brenne auf lange übersehene Aspekte in Mays Werk.
„Wer andere Kulturen kennen und schätzen lernt, der gelangt auch zum Frieden“, beschrieb Brenne den Weg, den der späte Karl May vorgezeichnet haben soll. Der 1912 verstorbene Karl May habe sich für den Weltfrieden ausgesprochen und den Kontakt zu Friedensaktivistin Bertha von Suttner gesucht. „Der späte Karl May hängt Bärentöter und Henry-Stutzen buchstäblich an den Nagel“, sagte Brenne, der zuletzt ein Symposium zu Fragen der kulturellen Aneignung bei Karl May in Potsdam ausgerichtet hatte.