Bremen  Schweigefuchs-Verbot: Bremen löst ein Problem, das es nicht gibt

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 20.07.2024 06:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Schweigefuchs oder Wolfsgruß? Ohne Nationalflagge ist der Unterschied zwischen den Handzeichen kaum auszumachen. Foto: Peter Kneffel/dpa
Schweigefuchs oder Wolfsgruß? Ohne Nationalflagge ist der Unterschied zwischen den Handzeichen kaum auszumachen. Foto: Peter Kneffel/dpa
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Bremen unterbindet den Schweigefuchs an Schulen und Kitas. Das Handzeichen, so die Sorge, könne mit dem rechtsextremen Wolfsgruß verwechselt werden. Warum das mehr ist als eine Albernheit aus der Welt der politisch Korrekten.

Bremens Elternschaft kann aufatmen. Die Stadt hat den Schweigefuchs an Kitas und Schulen untersagt. Begründung: Das Handzeichen, das Kinder zur Stille ermahnt, sieht wie der Wolfsgruß aus, ein Erkennungszeichen der Grauen Wölfe. Das sind türkische Rechtsextremisten, auf deren Konto etliche politische Morde gehen. Auch der Mann, der einst auf Johannes Paul II. schoss, gehörte dazu.

Was also wollen Erzieherinnen, wenn sie diese so zweideutige Geste formen? Ruhe im Stuhlkreis? Oder den Papst erschießen? Wer diese Ungewissheit auf dem Weg zur Kita nicht mehr ertragen konnte, darf endlich wieder ruhig schlafen. Für alle anderen hat Bremen ein Problem gelöst, das es nicht gibt.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so symptomatisch wäre: Gesten, Symbole und Zwischentöne bestimmen das öffentliche Gespräch. Über den Genderstern der „Supermarktkassierer*in“ wird lauter gestritten als über ihr Gehalt. In historischen Romanen gebrauchen Lynchmörder das „N*Wort“ nicht mehr – weil die Autoren Angst vor dem Rassismus-Verdacht haben. Und wenn der Fußballer Antonio Rüdiger den Ramadan mit dem „Fingerzeig“ Gottes beginnt, wird ihm Sympathie für den IS-Terror unterstellt.

Was in dieser ständigen Aufregung verloren geht, ist die Fähigkeit zur Debatte. Wer nur noch über die Form streitet, verliert die Inhalte aus den Augen. Wer jeder missverständlichen Geste böse Absichten unterstellt, treibt eine Spaltung voran, die den wirklich bösartigen Leuten nutzt.

Es stimmt: Die politische Lage ist angespannt. Umso mehr braucht es das offene, vertrauensvolle Gespräch. In Bremen ist das offenbar nicht mehr möglich. Da trauen die Behörden sich nicht mal mehr zu, ihre Erzieherinnen von Mordschwestern zu unterscheiden.

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