Osnabrück Claudia Roths Schnapsidee: Weniger Wagner bei den Richard-Wagner-Festspielen
Steht drauf, ist aber immer weniger drin: Sollen so künftig die Richard-Wagner-Festspiele funktionieren? Kulturstaatsministerin Claudia Roth will weniger Wagner in Bayreuth. Was für eine seltsame Vorstellung.
Bitte alle in Deckung: Claudia Roth (Grüne) schwebt etwas vor. Was genau? Das verriet die Kulturstaatsministerin der Mediengruppe Bayern: Die Bayreuther Festspiele sollen sich endlich öffnen und auch Werke anderer Komponisten aufführen. Engelbert Humperdinck zum Beispiel. Wie recht sie doch hat. Den Namen hat man in der Tat lange nicht mehr gehört.
Kultur für junges Publikum öffnen, neue Zielgruppen gezielt ansprechen: Claudia Roth dreht den rhetorischen Kupferpfennig des kulturpolitischen Allerweltsvokabulars noch einmal in der Tasche herum. Wird er dadurch besser? Nein, nur abgegriffener. Warum? Weil der Weg den Hügel hinauf, zu Wagners Opern nun einmal steil ist. Wer ihn nicht hinaufsteigen will, soll es bleiben lassen.
Schön ist das Leben nur mit Richard Wagner, sagen seine eingeschworenen Fans. Ich gehöre nicht einmal zu diesem Hardcore-Clan, finde aber trotzdem: Die Bayreuther Festspiele gehören Richard Wagner und nur ihm. Alles andere wäre eine unverzeihliche Verwässerung.
Seltsam nicht nur, dass mit Claudia Roth gerade eine treue Besucherin der Bayreuther Festspiele auf diese abstruse Idee kommt. Noch eigenartiger, dass sie den Festspielen zum Vorwurf macht, was doch gerade den Zugang ermöglicht: Man kommt offenbar leichter an Karten als in den Jahren zuvor. Ist das plötzlich ein Nachteil?
Nein, ich spiele jetzt nicht die billigste Karte aus und wiege Wagners Opern als Flaggschiffe der Hochkultur gegen das vermeintlich kleine Beiboot „Ton Steine Scherben“ auf, also jene Band, deren Managerin Claudia Roth einst war. Aber ich erwarte, das gerade Roth etwas vom Eigensinn kultureller Formate versteht.
Wer Engelbert Humperdinck in Bayreuth spielen lässt, versetzt dem Festival den Todesstoß. Warum übrigens nicht auch Albert Lortzing? Dessen Opern finden sich derzeit kaum auf den Spielplänen der Opernhäuser. Nein, das Bayreuther Festspielhaus gehört Richard Wagner und sonst niemandem. Das steht übrigens so in den Statuten der Festspiele.
Teilhabe ist für mich dabei kein Argument. Die Ausschließlichkeit fasziniert ja gerade. Bayreuth, das ist der Ort, wo (fast) jede Oper ein irre anstrengendes Fünf-Stunden-Spektakel ist. Wo im „Ring des Nibelungen“ eine Welt erschaffen und wieder abgefackelt wird. Wo eine Frau und ein Mann am Liebestrank nippen und ihnen dann die ganze Gesellschaft mit ihren Benimmregeln so etwas von egal ist.
Müssten gerade junge Leute nicht am Zaun von Bayreuth rütteln und rufen: Genau da will ich rein? Wie einst Gerhard Schröder vor dem Kanzleramt? Je exklusiver, desto verlockender: So funktioniert doch eigentlich der Magnetismus der Anziehungskraft.
Bayreuth und seine Festspiele muss man nicht mögen. Richard Wagner kann der Gegenstand heftiger Antipathie sein. Gerade das macht er einem ja leicht. Trotzdem kommt man von diesem Überkünstler und seinen Verstiegenheiten irgendwie nicht los. Seine Bayreuther Burg ist wirklich ein schräger Gral. Aber genau das macht es ja so unverwechselbar. Wer hier andere Musik spielen lässt, macht aus Bayreuth ein Festival ohne Profil, das keiner braucht.
Ich bin sicher, dass das auch nicht kommen wird, auch wenn der Bund in Bayreuth anständig mitfinanziert. Wetten übrigens, dass Claudia Roth bald wieder über den roten Teppich ins Festspielhaus schreitet und alle Welt anstrahlt?