Elektro-Autos  Wie lange haben die Kollegen bei VW Emden noch genug zu tun?

Martin Teschke
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Von Martin Teschke
| 16.07.2024 15:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Montage in Emden: Seit Mai 2022 läuft hier der vollelektrische SUV ID.4 vom Band. Foto: Ortgies/Archiv
Montage in Emden: Seit Mai 2022 läuft hier der vollelektrische SUV ID.4 vom Band. Foto: Ortgies/Archiv
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Es gilt als offenes Geheimnis, dass das VW-Werk in Emden nicht voll ausgelastet ist. Nun gibt es dazu erstmals Zahlen. Besonders der ID.4 sorgt für Kummer.

Emden - Es ist ein Thema, auf das weder der Betriebsrat noch die Werksführung besonders gut zu sprechen sind: die Auslastung des VW-Werks in Emden – also letztendlich die Frage, wie viele der gut 8000 Beschäftigten perspektivisch noch benötigt werden. Bis 2029 gilt die Beschäftigungssicherung. Aber was kommt dann?

Für erneute Unruhe dürfte jetzt eine gemeinsame Erhebung der Fachzeitung „Automobilwoche“ und des Datenanalysten Marklines sorgen. Danach ist VW Emden im vergangenen Jahr lediglich zu 78,26 Prozent ausgelastet gewesen. Nach Angaben der Analytiker sind in Emden 2023 rund 180.000 Fahrzeuge montiert worden; bei Vollauslastung hätten es hingegen 230.000 sein können – eine Lücke von 50.000 Autos.

Dieses Jahr noch weniger Autos aus Emden

Auf Nachfrage unserer Redaktion mochte das VW-Werk Emden die Zahlen nur zum Teil bestätigen. „Das Produktionsvolumen für 2023 in Emden betrug ca. 184.000 Fahrzeuge bei einer anteiligen Fahrweise von 1,5 Schichten MQB und 1 Schicht MEB sowie unter Berücksichtigung des Anlaufes des ID.7“, teilte ein Sprecher in Emden mit. „Die von Ihnen erwähnte maximale Kapazität von 230.000 Fahrzeugen kann ich nicht nachvollziehen“, so der Sprecher weiter. Zur Erläuterung: MQB steht für Modularer Querbaukasten, eine Technologie-Plattform für Verbrenner-Autos; und MEB wiederum für Modularer E-Antriebs-Baukasten.

Ganz offensichtlich wird die Jahresproduktion unterm Strich weiter reduziert. „Für 2024 ist ein Produktionsvolumen von ca. 150.000 Fahrzeugen geplant“, teilte VW Emden mit. Dabei seien der Auslauf der Passat-Modelle und der endgültige Umstieg der MEB-Fertigung auf eine 2-Schicht-Fertigung berücksichtigt. Damit sei die Transformation der Werkes Emden zum MEB-Standort abgeschlossen. Und weiter: „Für das zweite Halbjahr und für 2025 ist eine stabile 2-Schicht-Fertigung für die MEB-Modelle geplant.“

„Der ID.4 läuft nur mäßig“

Der Betriebsrat des Emder VW-Werkes hat zu den Zahlen des Datenanalysten Marklines in der „Automobilwoche“ ebenfalls eine Meinung. „Im Prinzip stimmen die Zahlen“, sagte Betriebsratschef Manfred Wulff im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir schaffen in zwei Schichten 180.000 Autos im Jahr.“ Bei drei Schichten und mit Mehrarbeit seien sogar 280.000 bis 290.000 zu schaffen. Aber das sei nur ein theoretischer Wert – Zahlenspielereien also.

In Emden werden derzeit die vollelektrischen Modelle ID.4, ID.7 und ID.7 Tourer montiert, außerdem in geringer Stückzahl noch das Verbrenner-Auto Arteon Shooting Brake. Sorgen bereitet offenbar erneut der ID.4. „Man erhofft sich vom ID.4 natürlich mehr“, sagte Wulff. „Der ID.4 läuft nur mäßig.“ Zurzeit wird der ID.4 auch in Zwickau gebaut, mittelfristig soll er laut Wulff ausschließlich in Emden gefertigt werden. Ursprünglich hatte es geheißen, die Montage des ID.4 solle schon nach den VW-Sommerferien, also ab Ende Juli, komplett nach Emden wandern. Diese Pläne wurden nun offensichtlich wieder verschoben.

ID.7 Tourer erweist sich als Lichtblick

Die Aussagen von Betriebsratschef Wulff decken sich mit den Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Insgesamt brachen die elektrischen Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2024 um 16,4 Prozent auf rund 184.100 Fahrzeuge ein. Dabei hat sich der ID.4 als eines der wenigen Elektromodelle des VW-Konzerns in Deutschland sehr schwach entwickelt. Alleine im Juni lag demnach das Minus bei 65 Prozent; 1828 Fahrzeuge wurden laut „Handelsblatt“ beim KBA neu registriert. Im ersten Halbjahr soll sich das Minus auf 40 Prozent summiert haben.

Lichtblick bei VW Emden ist offenbar der ID.7 Tourer, also der elektrische Nachfolger des Emder Erfolgsmodells Passat Kombi. „Der ID.7 Tourer liegt über den Prognosen“, sagte Betriebsrat Wulff unserer Zeitung.

Emden kann sich im Vergleich gut behaupten

Im Vergleich mit anderen VW-Standorten schneidet Emden übrigens ziemlich gut ab. Nach den Zahlen von Datenspezialist Marklines hat Emden zwar lediglich eine Auslastung von gut 78 Prozent. In Osnabrück sind es allerdings nur 18 Prozent, in Dresden 30, in Wolfsburg 56, in Zwickau knapp 69 und in Hannover 77 Prozent. Besser schneiden Audi in Ingolstadt (fast 90 Prozent), BMW in München (88), Mercedes in Bremen (79) und Ford in Saarlouis (118 Prozent) ab.

Als Ursachen für die Absatzschwäche insbesondere der E-Autos gelten der Wegfall der Kaufprämie und die Diskussion über die Verschiebung des Verbrenner-Aus in Europa. In beiden Fällen trägt die Politik wohl ein gehöriges Maß an Mitverantwortung.

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