Hamburg Warum sich die gefühlte Wagenreihung bei der Bahn verbessert hat
Die „umgekehrte Wagenreihung“ wird es geben, so lange es die Bahn gibt – nur merken es die Fahrgäste heute seltener. Was sich mit den digitalen Wagenstandsanzeigern ändert und wo man noch früher informiert wird.
„Dieser Zug verkehrt heute in umgekehrter Wagenreihung.“ Nichts brachte über Jahrzehnte an deutschen Bahnsteigen so zuverlässig Leben in die Bude wie diese – meist kurzfristige – Durchsage, während der Zug schon einfuhr. Wer zuvor gewissenhaft den Wagenstandsanzeiger studiert und vorausschauend mit seinem Gepäck am jeweiligen Gleisabschnitt Position bezogen hatte, rannte nun los – bei langen Zügen gern mal mehrere hundert Meter in wenigen Sekunden.
Damit aber soll nun Schluss sein, denn die trügerischen Plakatwände, auf denen der erwartete Zug in Idealreihung dargestellt war, gehören der Vergangenheit an. Nicht etwa, weil es keine umgekehrte Wagenreihung mehr gibt – diese aber bleibt nun von den meisten Fahrgästen unbemerkt, der digitalen Wagenstandsanzeige sei Dank.
Dass überhaupt ein Zug derart durcheinander gerät, dass die Wagenreihung umgekehrt ist, liegt an mehreren Faktoren. „Zu einer geänderten Wagenreihung kommt es immer dann, wenn unvorhergesehene Ereignisse dazu führen, dass ein Zug seine Fahrtrichtung ändert“, erklärt eine Bahnsprecherin auf Anfrage unserer Redaktion. Das könne verschiedene Ursachen haben: „Dazu zählen beispielsweise Streckensperrungen, Umleitungen oder das zusätzliche Anfahren bzw. Auslassen eines Kopfbahnhofs.“ Wenn das passiere, so die Bahnsprecherin weiter, gebe es nur zwei Möglichkeiten, um die Ordnung wieder herzustellen: „Entweder der Zug lässt den Halt an einem Kopfbahnhof entfallen, das ginge dann zulasten der dort ein- und aussteigenden Fahrgäste. Die Alternative ist das sogenannte ‚Kopfmachen‘, das Wenden des Zuges in einem Durchgangsbahnhof.“ Weil das aber ziemlich zeitaufwendig ist und zu deutlichen Verspätungen führt, entscheide sich die Bahn „meist gegen ein solches Wendemanöver und für die Pünktlichkeit“.
Mit den neuen digitalen Wagenstandsanzeigen ist aber das grundsätzliche Problem nicht aus der Welt. „Es gibt sogar bei den neuen Zugzielanzeigen ein Symbol für die umgekehrte Wagenreihung“, erklärt Detlef Neuß, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Grundsätzlich funktioniere die Lenkung der Fahrgäste mit dem neuen System besser als mit dem alten. Ein Problem bei den neuen Anzeigen aber sei, dass die Schrift dort sehr klein dargestellt ist. Sehbehinderten Menschen oder auch einfach allen, die ihre Brille vergessen haben, nütze so eine Anzeige allein dann wenig.
Die Information, dass der Zug mit umgekehrter Wagenreihung unterwegs ist, komme zudem immer noch recht kurzfristig bei den digitalen Anzeigen an. „Der neue Zug wird ja erst angezeigt, wenn der vorherige den Bahnhof verlassen hat“, sagt Neuß. Dann beginnt erneut das altbekannte Gewusel am Bahnsteig. Wichtig sei in jedem Fall weiterhin auch die mündliche Durchsage: „Ich klebe ja nicht mit meinen Augen fasziniert ständig an diesen Zugzielanzeigen“, sagt Neuß und lacht. Und empfiehlt einen Blick in die Bahn-App: „Dort ist die umgekehrte Wagenreihung häufig viel früher angezeigt als auf dem Display am Bahnsteig.“