Gleiche Farben, ungleiche Chancen? Warum der Pelikan-Farbkasten an Schulen bevorzugt wird
Eltern in Deutschland geben für die Einschulung fast 1000 Euro aus. Meistens wünschen sich Schulen auch noch einen bestimmten Farbkasten. Woran das liegt und welche Bedeutung Materialien haben können.
Ostfriesland - Die Liste mit Anschaffungen, die zur Einschulung fällig werden, ist lang: Bücher, Mappen, Hefte, Stifte, Federmäppchen, Zeichenblock sowie Sportkleidung, Trinkflasche, Brotdose, Schulranzen und Schultüte, vielleicht noch Kleidung, ein eigener Schreibtisch, ein größeres Fahrrad und eine Familienfeier zum wichtigen Ereignis. Laut den 2023 veröffentlichten Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) geben Eltern in Deutschland für die Einschulung fast 1000 Euro aus.
Lange Einkaufsliste für die Erstklässler-Ausstattung
Um den Überblick zu behalten und wohl auch, damit alle Kinder möglichst gleich gut ausgestattet in die Schule starten, erhalten die Eltern künftiger Erstklässler vor den Sommerferien meist eine Liste mit Materialien, die zur Einschulung vorhanden sein sollen. Preislich macht es einen Unterschied, ob die Utensilien aus regulären Sortiment im Schreibwarenladen oder vom Angebotstisch im Supermarkt stammen.
Wer auf der Suche nach Schulmaterial ist, muss also gut organisieren und manchmal auch kreativ sein, wenn alles möglichst günstig beschafft werden soll – vor allem wenn man wenig Geld zur Verfügung hat. Welche Marken gekauft werden, steht Eltern und Erziehungsberechtigten in der Regel frei.
Schulen empfehlen einen bestimmten Farbkasten
In einem sind sich Schulen aber offenbar einig: Der Farbkasten sollte von der Marke „Pelikan“ sein. In einigen Schulbedarf-Listen, die der Redaktion vorliegen, steht die gewünschte Marke gleich mit drin, anderen wurde sie als Zusatz mündlich hinzugefügt.
Der Markenkasten kostet, wenn er nicht im Angebot ist, mit knapp zehn Euro ungefähr doppelt so viel wie andere Farbkästen ohne bekannten Namen. Die knapp fünf Euro könnte man doch gut anderweitig einsetzen. Wieso also ausgerechnet „Pelikan“? Das Gelb sei leuchtender, erläuterte eine Grundschullehrerin den Wunsch bei einem Elternabend. Malten die Kinder zum Beispiel Sonnenblumen, sehe das schöner aus.
Die Firma Pelikan aus Hannover brachte 1931 den ersten Farbkasten mit sogenannten deckenden Farben auf den Markt. Seit 1935 ist er in deutschen Schulen zu finden. Laut eigenen Angaben des Unternehmens zeichnen sich die Farben durch starke Deckkraft und gute Haftung aus. Die Pigmente seien lichtecht und sorgten für farbenfrohe Kunstwerke.
Die Redaktion testete verschiedene Farbkästen
Da die Redaktion es genau wissen wollte, haben wir einen Test gemacht und die Eigenschaften von zwei Farbkästen in der Praxis miteinander verglichen. Auf zwei Blättern Papier malten wir jeweils eine Sonnenblume mit den Farben Gelb, Braun, Hell- und Dunkelgrün.
Die Farbe des teureren Kastens deckte tatsächlich etwas besser. Bei dem günstigeren Produkt fielen zudem einzelne Farbschälchen beim Öffnen heraus, die Handhabung war weniger einfach.
Qualitätsvolle Materialien vermitteln Wertigkeit
Auch wenn in der Schule der Farbton an sich nicht bewertet wird – für Kinder mache es einen Unterschied, bestätigt eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Ostfriesland, die ihren Namen in der Zeitung nicht lesen möchte. „Kinder vergleichen ständig“, sagt sie. Das finde auf allen Ebenen statt.
Neben dem optischen Faktor vermittle zudem „die Stofflichkeit“ einer Farbe beim Malen Wertigkeit. „Ich würde sagen, dass es da ähnlich ist wie mit Kleidung. Wenn ich einen Stoff trage, der aus feinen, natürlichen Materialien hergestellt wurde, fühle ich mich darin wohler als in einem kratzigen Polyester-Pulli“, sagt sie. Eine Farbe werde beim Malen über das Auge, das Papier und die Haut wahrgenommen. „Es verhindert Chancengleichheit, Kinder mit unterschiedlichen Materialien auszustatten“, ist sie der Meinung.
Bundesweit soll Geld für mehr Chancengleichheit fließen
Um die Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen, wurde jetzt von Bund und Ländern ein Programm zur gezielten Unterstützung von Kindern aus sozial benachteiligten Strukturen beschlossen, das in Niedersachsen zum neuen Schuljahr startet. Insgesamt sollen in den Bundesländern 20 Milliarden Euro für eine bessere Ausstattung und zusätzliches Personal ausgegeben werden – zu 60 Prozent an Grundschulen und 40 Prozent an weiterführenden Schulen, die besonderen Bedarf haben. In Niedersachsen betrifft dies rund 390 Schulen mit etwa 98000 Schülerinnen und Schülern.
Keine Lehrmittelfreiheit mehr in Niedersachsen
Die Lehrmittelfreiheit, also die Übernahme der Kosten von Schulbüchern, wurde in Niedersachsen 2004 abgeschafft. Lehrmittel müssen seitdem selbst bezahlt oder gegen Gebühr an den Schulen ausgeliehen werden, sofern diese verfügbar sind.
Menschen mit wenig oder keinem eigenen Einkommen können im Rahmen der Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) eine Unterstützung für Schulkinder beantragen. „Im August 2024 können die anspruchsberechtigten Kinder eine Pauschale für den Schulbedarf in Höhe von 130 Euro erhalten“, sagt dazu die Pressestelle des Landkreises Leer. Der empfohlene Standard-Tuschkasten muss mit den übrigen Materialen von den 130 Euro mit bezahlt werden. Im Verhältnis dazu sind fünf Euro mehr schon recht viel.