Kampf gegen Fachkräftemangel  Eine Sechs-Tage-Woche wie in Griechenland?

Pia Pentzlin
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Von Pia Pentzlin
| 13.07.2024 13:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Handwerker schneidet einen Granitstein: Es wird über die wöchentliche Arbeitszeit debattiert. Foto: Pixabay
Ein Handwerker schneidet einen Granitstein: Es wird über die wöchentliche Arbeitszeit debattiert. Foto: Pixabay
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Viele Unternehmen in Ostfriesland kämpfen mit dem Fachkräftemangel. Könnte Griechenlands Öffnung gegenüber der Sechs-Tage-Woche als gutes Beispiel dienen? Regionale Verbände zeigen sich kritisch.

Ostfriesland - Seit dem 1. Juli besteht in Griechenland für Arbeitnehmer die Möglichkeit einer Sechs-Tage-Woche. Die Gewerkschaften dort üben Kritik und sprechen von moderner Sklaverei. Auch in Ostfriesland zeigt sich auf Nachfrage der Redaktion: Wirklich überzeugend ist das Konzept nicht.

Anders als vielleicht angenommen, handelt es sich in Griechenland – einem Land, das im direkten EU-Vergleich ohnehin schon am meisten leistet – nicht um eine verpflichtende Ausweitung der Arbeitszeit. Arbeitnehmer haben lediglich die Möglichkeit, gegen zusätzliche Bezahlung mehr zu arbeiten. Es bedarf sowohl vom Arbeitnehmer als auch vom Arbeitgeber einer Zustimmung. Und es gibt eine weitere Einschränkung: Möglich ist die Mehrarbeit nur in 24-Stunden-Schichtbetrieben und Firmen mit erhöhter Arbeitsbelastung, wie etwa Fabriken.

Für Griechen gibt es bei Mehrarbeit deutliche Gehaltszuschläge

Mit dieser Gesetzesänderung will Griechenland nicht nur dem Fachkräftemangel entgegenwirken, sondern auch dem Problem der Schwarzarbeit. Schmackhaft machen wollen die Arbeitgeber das Konzept ihren Beschäftigten mit finanziellen Anreizen: Wer einen Tag in der Woche mehr arbeitet, erhält für diesen Tag 40 Prozent mehr Gehalt. Wird sogar an einem Sonn- oder Feiertag gearbeitet, gibt es für diesen einen Zuschlag von 115 Prozent.

Auch in Deutschland ist eine erhöhte Wochenarbeitszeit längst möglich. Darauf verweist auf Anfrage auch Hildegard Kuhlen, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Ostfriesland. Wenn das vertraglich vereinbart werde, könne die wöchentliche Arbeitszeit auf 48 Stunden erhöht werden. „Von dieser Möglichkeit wird aber wenig Gebrauch gemacht“, sagt Kuhlen. Gerade Beschäftigte im Bereich Gastronomie und Hotellerie würden wenigstens zwei Tage in der Woche frei haben wollen.

Sechs-Tage-Woche ist für viele ein K.-o.-Kriterium

Die Arbeitszeiten in der Branche – die stark um Arbeitskräfte ringt – sind laut Kuhlen sowieso ein Grund, warum sich viele mit Jobs in der Gastronomie schwertun. Angestellte würden häufig dann arbeiten, wenn andere frei haben. Würde grundsätzlich eine 48-Stunde-Woche eingeführt werden, würde das wohl eher dazu führen, dass noch weniger Menschen in der Branche arbeiten, lautet die Einschätzung von Kuhlen – ein „K.-o.-Kriterium“ nennt sie das. Stattdessen fordert die Dehoga-Geschäftsführerin eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Es gehe dabei um die Anpassung des „Arbeitszeitgesetzes an die Lebenswirklichkeit“.

Flexiblere Arbeitszeiten befürwortet auch Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands für Ostfriesland und Papenburg. Er ist Fan des Mottos „Arbeit muss sich lohnen“ – und wer Lust habe, mehr zu arbeiten, weil er beispielsweise ein Haus abzubezahlen habe, der solle das auch machen. Von einer festgelegten Sechs-Tage-Woche will Doden aber nicht sprechen.

Im Handwerk fehlen in Ostfriesland besonders viele Arbeits- und Fachkräfte. Symbolbild: Pixabay
Im Handwerk fehlen in Ostfriesland besonders viele Arbeits- und Fachkräfte. Symbolbild: Pixabay

„Wir müssen den Schalter im Kopf umlegen“

In Ostfriesland fehlen viele Arbeitskräfte, es gehen viele Menschen der „Babyboomer“-Generation in Rente, wenig junges Personal kommt nach. „Wir müssen den Schalter im Kopf umlegen“, sagt der Verbandschef. Doden sieht die Politik in der Verantwortung: Diese müsse für Anreize sorgen, damit Arbeitnehmer potenziell bereit wären, mehr zu arbeiten – entweder finanziell oder mit einem Freizeitausgleich.

Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse, sieht bei der Flexibilität, „die dem Arbeitsmarkt sicher guttun würde“, noch einen anderen Vorteil: So könne jeder Arbeitnehmer das Thema Arbeitszeit individuell für sich betrachten. „Für einige Menschen ist mehr Arbeit ein Segen, für andere ein Fluch“, sagt Lüerßen. Gerade mit Blick auf die psychische Gesundheit und den Einfluss der Arbeit dabei sei es auch die Aufgabe von Unternehmen, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht mit Arbeit überfordert werden.

Datenerhebung der DAK-Gesundheit zwischen den Jahren 1997-2019. Zu sehen ist ein Anstieg von Fehltagen und Krankheitsfällen aufgrund psychischer Erkrankungen. Bild: Screenshot DAK-Gesundheit
Datenerhebung der DAK-Gesundheit zwischen den Jahren 1997-2019. Zu sehen ist ein Anstieg von Fehltagen und Krankheitsfällen aufgrund psychischer Erkrankungen. Bild: Screenshot DAK-Gesundheit

Verdi-Chefin: Junge Beschäftigte wollen eher Arbeitszeit reduzieren

Kornelia Haustermann, Verdi-Geschäftsführerin im Bezirk Weser-Ems, geht noch weiter. Sie hält das Konzept in Griechenland für falsch und räumt ein: Wenn Menschen körperlich schwer arbeiten, dann müsse über eine Arbeitszeitreduzierung gesprochen werden – und nicht über eine Steigerung. Ohnehin wandle sich die Arbeitswelt gerade massiv. Die nachkommende Generation auf dem Arbeitsmarkt schaue eher, wie sie Arbeitsstunden reduzieren kann. Die Diskussion um eine Sechs-Tage-Woche entspreche nicht der Realität. „Auch wenn das der FDP gut gefällt“, sagt Haustermann.

Bisher gilt aber noch: Wer in Griechenland – und auch in Deutschland – mehr arbeiten soll, muss zustimmen. Ob das allerdings im Kampf gegen den Fachkräftemangel helfen kann, bleibt fraglich. Für Gewerkschafterin Haustermann steht außer Frage, dass dafür andere Maßnahmen her müssen. Das seien unter anderem attraktivere Ausbildungsmöglichkeiten und eine angepasste Migrationspolitik. Es gebe viele Menschen, die arbeiten wollten, aber nicht dürften, weil ihr Abschluss nicht anerkannt werde. „Wir haben viel Potenzial, nutzen das aber nicht“, gibt Haustermann zu bedenken.

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