Frankfurt Nagelsmann wird einer der besten Bundestrainer, auch ohne Titel
Die deutsche Nationalmannschaft scheiterte im Viertelfinale denkbar knapp an Spanien. Julian Nagelsmann hat bei der Heim-Europameisterschaft dennoch oft die richtigen Entscheidungen getroffen – und bei der Pressekonferenz nach der bitteren Niederlage über den Fußball hinaus auch die richtigen Worte, wie unser Kolumnist Udo Muras findet.
Die EM läuft noch, aber ein Ziel haben wir auch ohne Pokal erreicht: Wir sind ein anderes Land, wieder heiter und beliebt wie 2006. Mal sehen, für wie lange, aber egal. Außerdem haben wir einen neuen Bundeskanzler. Okay, offiziell ist Julian Nagelsmann weiterhin nur Bundestrainer (manche schreiben das jetzt übrigens mit ä statt ai), aber der gefühlsbetonte Appell an die Nation unter dem Eindruck des Scheiterns gegen Spanien hat die Herzen erwärmt.
Unaufgefordert glitt seine Abschlusskonferenz von Themen wie Handelfmetern und unglücklichen Gegentoren über ins Politische und seitdem fragen sich Millionen von Deutschen morgens nach dem Aufstehen, wessen Hecke sie denn heute noch schneiden könnten. Hat ja auch nicht jeder eine, aber dann kann man der alten Dame von nebenan doch wenigstens die Einkaufstaschen tragen. Julian Nagelsmann gefällt das.
Ich will jetzt aufhören zu spotten, er hat das Richtige gewollt, mit seinem Appell an mehr Zusammenhalt und Miteinander in diesen Spaltungs-Zeiten und sein Team als Paradebeispiel für diesen Geist hingestellt. Die Frage ist natürlich, inwieweit das verfängt. Wollen Sportjournalisten und Millionen Fußballfans das im Moment der großen Enttäuschung hören? Ist ein Bundestrainer, zumal noch so ein junger Kerl, befugt eine solche Ruckrede zu halten? Das kannten wir weder von Sepp Herberger noch von Franz Beckenbauer, die sozial eher im Stillen wirkten mit ihren segensreichen Stiftungen.
Was aber hat die Welt der Fußballmillionäre mit den Nöten der einfachen Menschen zu tun, die keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden, gegen die diversen Folgen der Pandemie ankämpfen, gegen Kinderarmut und all das, was uns glauben lässt, in einem allmählich heruntergekommenen Land zu leben? Falsche Frage! Um Zuversicht zu versprühen und in Lösungen zu denken, ist niemand zu jung. Es kommt ein bisschen auf den Ton an, der nicht nur die Musik macht, sondern auch den Grad der Glaubwürdigkeit bestimmt. Ich habe Nagelsmann jedes Wort geglaubt und wenn seine Rede über den Tellerrand des Fußballs hinaus wirkt, dann wird er einer der besten Bundestrainer gewesen sein, den wir je hatten. Auch ohne Titel.
Wobei er sich nicht zuletzt durch sein Auftreten, aber natürlich auch durch das der Mannschaft, die Chance erhalten hat, noch ein paar zu gewinnen: Weltmeister 2026 will er werden. Das wollen wir alle, nach nun aber schon vier Turnieren ohne Halbfinalteilnahme indes etwas kühn. Mit welcher Mannschaft eigentlich, darf man ja mal fragen. Wir haben zwar den jüngsten Trainer aller Zeiten, aber er hört noch dieselbe Musik wie seine Spieler. Meine akribischen Ermittlungen ergaben: Gegen Spanien hatte unsere Startelf den höchsten Durchschnittswert an Länderspielen in der DFB-Geschichte – 66,81.
Entsprechend alt ist der Kader und weil nicht alle Ü-30-Spieler abtreten werden – bisher nur Toni Kroos – wird es zu notwendigen Grausamkeiten kommen müssen. Ich hätte da gleich einen Vorschlag und würde unserem Kapitän eine gute Reise wünschen. Ilkay Gündogan gehört zu den meistgesuchten deutschen Nationalspielern. Bei Länderspielen sieht man ihn meist bei der Seitenwahl und dann erst wieder bei der Auswechslung, in der Zeit dazwischen häufen sich die Vermisstenanzeigen. Von 82 Länderspielen hat er nach meiner Hochrechnung etwa 75 verschenkt, auch jetzt wieder gegen Spanien.
Ich weiß, dass alle großen Trainer der Welt ihn priesen und aufstellten, aber auch bei dieser EM hatte er wieder ein, zwei Abtauchspiele zu viel. Er ist vornehmlich ein Kapitän, der seinen jungen Mitspielern sagt, wo sie hinlaufen und wie sie sich drehen müssen, Spiele gewinnt er uns nicht. Damit qualifiziert er sich bestens für den Co-Trainerposten, beim Neuaufbau brauchen wir mehr Power auf der Zehn.
Diese Mannschaft mit einigen Spätberufenen, die ihr EM-Glück kaum fassen konnte, war eine Task-Force für ein Projekt, für das nach dem Trainerwechsel nur wenig Vorbereitungszeit blieb. Von daher hat sie es richtig gut gemacht. Eine Zukunft hat sie nicht in der Besetzung, ihr Geist schon. Für den war ein Trainer verantwortlich, wie wir noch keinen hatten. Er wird bleiben und weiter reifen. Darauf kann sich nicht nur unser Fußball freuen.