Kiel  Kieler Forscher stoppen Tumorwachstum bei Bauchspeicheldrüsenkrebs

Eckard Gehm
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Von Eckard Gehm
| 10.07.2024 21:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Protein RUVBL1 (grün), hier ringförmig verbunden mit RUVBL2. Foto: Biochemisches Institut der Christian-Albrechts-Universität
Das Protein RUVBL1 (grün), hier ringförmig verbunden mit RUVBL2. Foto: Biochemisches Institut der Christian-Albrechts-Universität
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Das Pankreaskarzinom weist die niedrigste Überlebensrate aller Krebserkrankungen auf. Nun aber haben Biochemiker der Kieler Universität einen Weg gefunden, das Tumorwachstum zu stoppen. Wann mit ersten klinischen Tests zu rechnen ist.

Wird er zu spät entdeckt, gilt er noch immer als Todesurteil: Nur elf Prozent der Patienten überleben nach Angaben des Zentrums für Krebsregisterdaten die ersten fünf Jahre nach einer Diagnose von Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Der Tumor macht anfangs lediglich unspezifische Beschwerden, weshalb er nur bei etwa jedem fünften Patienten so früh erkannt wird, dass eine Operation überhaupt möglich ist. Zudem bildet ein Pankreaskarzinom früh Metastasen und kommt selbst nach einer Therapie häufig zurück.

Weltweit suchen Forscher nach Wegen, diesen Krebs zu bekämpfen, am Biochemischen Institut der Kieler Christian-Albrechts-Universität ist Wissenschaftlern jetzt ein Durchbruch gelungen, an dessen Ende ein Medikament stehen könnte, mit dem das Tumorwachstum gestoppt werden kann.

„In Kombination mit einer Immuntherapie haben wir im Tierversuch sogar eine vollständige Heilung erreichen können“, sagt Prof. Dr. Elmar Wolf, Leiter des Instituts. In seinem Kieler Büro zeigt er das Foto eines Proteins, das sein Team als Schlüssel für eine mögliche Therapie ausgemacht hat. Eine verschlungene Struktur mit dem unaussprechlichen Namen RUVBL1.

Das Protein heftet sich in Körperzellen an ein Protein namens MYC. Dieses Protein reguliert Funktionen wie Zellwachstum und Zellteilung und wird von einem gleichnamigen Gen im menschlichen Erbgut hergestellt. Das MYC-Gen aber hat zwei Gesichter. „Es ist wirklich eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste Onkogen, also Krebsgen, beim Menschen“, erklärt Elmar Wolf.

Wird MYC zum Beispiel durch Mutation in seiner normalen Funktion gestört, gerät es außer Kontrolle, reproduziert sich hundertfach und wird mit seinen Proteinen zum Treiber vieler Krebsarten. Deshalb gilt es unter Forschern als wichtigstes Angriffsziel für Krebstherapien.

Doch alle Versuche, es direkt durch einen Wirkstoff zu neutralisieren, sind bislang fehlgeschlagen. „Man kann sich MYC wie einen Pudding vorstellen, an dem kein Wirkstoff-Molekül einrasten kann“, sagt Wolf.

Damit das vom MYC-Gen produzierte MYC-Protein seine vielfältigen Funktionen und im Falle von Krebs auch Fehlfunktion innerhalb einer Zelle ausüben kann, braucht es Bindungspartner. Und hier kommt das Team von Elmar Wolf ins Spiel: Markus Vogt, Doktorand in der Forschungsgruppe Tumorbiochemie, und seine Kollegin Dr. Nevanka Dudvarski Stankovic, haben die These aufgestellt, dass mit dem Ausschalten der Bindungspartner auch das Tumorwachstum gebremst werden könnte.

Wie Markus Vogt berichtet, hätten beide sechs Jahre geforscht. Zunächst sei mit dem Massenspektrometer ermittelt worden, welche Proteine überhaupt an MYC-Protein binden. In einem zweiten Schritt sei geschaut worden, welcher der 90 gefundenen Bindungspartner das ungebremste Wachstum des Tumors am intensivsten befördert, wer also der wichtigste Komplize ist.

In kultivierten Zellkulturen von Bauchspeicheldrüsenkrebs in der Petrischale waren es scheinbar etliche. Erst in einem behördlich genehmigten Versuch mit Mäusen kristallisierte sich RUVBL1 als bester Treffer heraus. Mit einem genetischen Trick sei bei den erkrankten Mäusen die Produktion des Proteins unterbunden worden, erklärt Elmar Wolf. „Das hatte einen therapeutischen Effekt, die Tumore bildeten sich zurück und das Immunsystem wurde aktiviert.“

Und auch das ist mit Blick auf Bauchspeicheldrüsenkrebs eine sensationelle Erkenntnis. Wolf: „Pankreaskarzinome enthalten bei Mäusen wie auch bei Menschen nur wenige Immunzellen, weshalb bei diesem Krebs entsprechende Immuntherapien keinen Effekt haben.“

Wanderten nun Immunzellen in das Tumorgewebe ein, verstärkte das die Heilungschancen. „Medikamente, die RUVBL1 angreifen, könnten Bauchspeicheldrüsentumoren für eine Immuntherapie empfänglich machen.“

Daten von menschlichen Tumoren bestätigten den Kieler Wissenschaftlern die Bedeutung des Proteins, es scheint sogar ein Indikator für die Aggressivität des Krebses zu sein, da die Sterblichkeit bei Tumoren mit viel RUVBL1 höher ist als bei Tumoren mit wenig.

Ihre Erkenntnisse haben Markus Vogt und Nevanka Dudvarski Stankovic in der Fachzeitschrift „Gut“ (englisch für Darm) der „British Society of Gastroenterology“ veröffentlicht. „Es gab bereits viele positive Reaktionen“, sagt Dudvarski Stankovic.

Damit steht nun die Frage im Raum, wann es ein Medikament geben könnte. „Der Weg dahin ist noch relativ weit“, sagt Elmar Wolf. „Beim Menschen lässt sich RUVBL1 nicht wie bei den speziell gezüchteten Mäusen genetisch ausschalten, es muss ein Hemmstoff gefunden werden.“

An der Wirkstoffentwicklung arbeite das Biochemische Institut aber bereits gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft. „Wir rechnen mit einem Abschluss der präklinischen Studien in etwa fünf Jahren“, so Wolf. „Weitere fünf bis sieben Jahre dürften dann die klinischen Tests in Anspruch nehmen.“