Osnabrück  Deutschlands EM-Aus: Warum Nagelsmanns WM-Ansage mutig, aber logisch ist

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 07.07.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Erst fassungslos, dann hoffnungsvoll: Bundestrainer Julian Nagelsmann nach dem EM-Aus mit der deutschen Nationalmannschaft. Foto: afp/TOBIAS SCHWARZ
Erst fassungslos, dann hoffnungsvoll: Bundestrainer Julian Nagelsmann nach dem EM-Aus mit der deutschen Nationalmannschaft. Foto: afp/TOBIAS SCHWARZ
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Deutschland ist nach einem bitteren 1:2 nach Verlängerung gegen Spanien aus der Fußball-Europameisterschaft ausgeschieden. Trainer Nagelsmann macht eine Ansage für die WM 2026. Mutig, aber logisch, wie unsere Analyse zeigt.

Es war das Ende - und fühlte sich für die Mannschaft und viele deutsche Fans genauso an. Mit Ausnahme des spanischen Anhangs herrschte in der Stuttgarter Arena nach dem Abpfiff der Verlängerung dieses EM-Viertelfinals totale Ernüchterung. Zu knapp war die DFB-Elf gescheitert. Gegen einen Gegner, der zuvor als stärkstes Team des Turniers galt, den sie nach dem 0:1-Rückstand in der 52. Minute kontrollierte, teils sogar dominierte, gegen den sie spät, aber verdient ausglich und in der Verlängerung hätte gewinnen können - bis Mikel Merino zum 1:2 traf.

In diesem Moment der Trauer spielte der Stuttgarter Stadionsprecher den Hit dieser EM: „Major Tom“ von Peter Schilling mit dem „völlig losgelösten“ Refrain. Deplatziert. Die Deutschen im Stadion hatten trotz Applauses für die Mannschaft eher keine Lust auf Party und die Spanier konnten nicht mitsingen.

Nachdem diese Szenerie sich etwas legte, trat Julian Nagelsmann auf das Podium im Pressekonferenzraum. Der Bundestrainer, der zuvor im TV-Interview mit den Tränen kämpfte, sagte hier einen Satz der nachhallen wird: „Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh.“ Ein Satz aus dem Trotz spricht nach einer unwahrscheinlich bitteren Niederlage, die den Traum vom Titel im eigenen Land beendete. Aber auch ein Satz, aus dem man Zuversicht und Mut lesen kann.

Der Trainer hält den WM-Titel in zwei Jahren für möglich. Dabei muss er in den nächsten zwei Jahren seine Mannschaft schon wieder ordentlich umbauen. Die deutsche Elf war mit 28,5 Jahren im Schnitt die älteste der gesamten EM. Toni Kroos (34) beendet seine Karriere diesmal endgültig, Thomas Müller (34) beim DFB wohl auch und Torwart Manuel Neuer (38) und Kapitän Ilkay Gündogan (33) denken darüber zumindest nach.

Sollten die vier Spieler allesamt ihre Karrieren beenden - verdient hätten sie es - würden dem DFB mit „Kabinenspieler“ Müller und Kroos, Neuer und Gündogan als tragende fußballerische Säulen nicht nur vier Profis wegbrechen. Es sind die vier Spieler, die dem eilig aufgestelltem und deshalb wackeligen Gerüst aus sehr viel (unausgeschöpftem) Talent, aber auch so manchem Mitläufer, Halt und Sicherheit geben. Neuer als Rückhalt im Tor, Kroos als Dirigent, Gündogan als Allrounder und Müller als Anheizer, Psychologe und Stimmungsmacher.

Kann Nagelsmann diese Lücken sinnvoll stopfen? Um diese Frage wird sich bis zur WM in den USA, Kanada und Mexiko in zwei Jahren im Grunde alles drehen. Die Voraussetzung, dass es schlüssige Antworten gibt, ist gut, wie diese Heim-EM zeigte.

Neuer, Gündogan und Müller sind angesichts der Qualität, die Nagelsmann in der Hinterhand hat, perspektivisch durchaus verzichtbar. Tolle Spieler, ohne Frage - aber schon bei diesem Turnier gab es bei Neuer und Gündogan Diskussionen, ob die jeweiligen Ersatzspieler nicht die besseren Alternativen wären. Müller war sowieso nur Ersatz. Der Knackpunkt für den Bundestrainer ist der Wegfall von Kroos.

Er war der Fixpunkt für seine Mitspieler. Wenn sie nicht wussten, wohin mit dem Ball, dann ging er stets zu ihm. Deutschland spielte, wie Kroos spielte. Durch das Karriereende des 34-Jährigen muss Nagelsmann die Mannschaft zwangsläufig neu erfinden.

Wie er das macht, muss der 36-Jährige demnächst entscheiden. Schiebt er einfach neues Personal nach und lässt es wachsen? Bayerns Sechser Aleksandar Pavlovic, der die EM krankheitsbedingt verpasste, wäre dafür ein Kandidat. Oder baut er mehr um und zieht den wohl zukünftigen Kapitän Joshua Kimmich nach einem starken Turnier von rechts hinten wieder ins Zentrum? Oder kommt Nagelsmann gar auf eine ganz andere Idee?

Zuzutrauen ist es ihm, schließlich hat er auch in diesem Sommer ungewöhnliche und zum Teil auch unpopuläre Entscheidungen getroffen. Kai Havertz als Stürmer aufzubieten und über weite Teile auf Niclas Füllkrug zu verzichten, schmeckte nicht jedem, ging aber fast komplett auf, weil beide ihre Rolle erfüllten - auch wenn Havertz öfter hätte treffen müssen.

Leroy Sané in den K.o.-Spielen von Beginn an zu bringen und dafür auf Supertalent Florian Wirtz zu verzichten, war eine schlüssige Idee angesichts der unterschiedlichen Spielerprofile, erwies sich im Nachhinein als falsch. Gegen Spanien korrigierte Nagelsmann diesen Fehler aber früh genug. Wirtz und Jamal Musiala, zwei Dribbelkünstler, um die die Welt Deutschland beneidet, dürften die Schlüsselspieler für die kommende Generation werden - und damit ein Duo, das die Kroos-Rolle in Bezug auf die Wichtigkeit fürs deutsche Spiel einnimmt.

Für den Bundestrainer ist die aktuelle Situation zwar schwierig, aber eigentlich fast luxuriös. Er ist nicht mal ein Jahr im Job, hat ein gutes Turnier hinter sich, bei dem er aber im Grunde nur zusammenfügen konnte, was aus den Trümmern der letzten Jahre noch vorhanden war. Nagelsmann hat dabei den Job verinnerlicht, beeindruckt kommunikativ, und kann nun seine große Stärke ausspielen: Das Formen einer taktischen geschlossenen Einheit.

Der Bundestrainer galt stets als taktisches Talent, mutete sich und seinen Mannschaften als Vereinstrainer manchmal aber zu viel zu. Das ist beim DFB anders - weil es anders auch nicht geht. Das scheint er verstanden zu haben, ohne dabei an Detailversessenheit und Raffinesse zu verlieren. Die Aufgabe, vier Altgediente zu ersetzen und aus den besten Spielern des Landes eine funktionierende Mannschaft aufzubauen, müsste ihm dementsprechend liegen. Genug Zeit hat er nun dafür - bis 2026. Für den DFB und ihn ist es gerade erst losgegangen.

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