Nordsee erlebt zunehmend Hitzewellen Kabeljau haben die Fischer schon lange nicht mehr im Netz
Es gab Zeiten, da zuckten die Fischer Ostfrieslands mit den Schultern, wenn der Begriff „Klimawandel“ fiel. Heute bemerken sie die Auswirkungen tagtäglich.
Ostfriesland/Helgoland - Den Kabeljau haben die Küstenfischer Ostfrieslands schon lange nicht mehr in ihren Netzen: „Der ist praktisch weg von der Küste. Die Kabeljau-Fischerei wie noch vor 15 Jahren ist vorbei“, sagt Dirk Sander. Er ist Fischer in Neßmersiel und Vizepräsident des Deutschen Fischereiverbands. Wollten Ostfrieslands Küstenfischer wie einst Kabeljau fangen, müssten sie weit in den Norden fahren. „Das können wir mit unseren kleinen Kuttern von 15 bis 20 Metern Länge gar nicht“, sagt er.
Es gab Zeiten, da zuckten die Fischer Ostfrieslands mit den Schultern, wenn der Begriff „Klimawandel“ fiel. Heute bemerken sie tagtäglich die Auswirkungen: „Seit Jahren sehen wir draußen auf See, dass sich die Nordsee verändert“, sagt Dirk Sander: „Sie wird wärmer – deshalb ist der Kabeljau weg in kältere Bereiche.“
Seit den 1990er Jahren wird das Wasser immer wärmer
Dass die Nordsee zunehmend wärmer wird, belegen die Messreihen der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Seit 1962 werden vor Helgoland nahezu täglich die Temperatur, der Salz- und Nährstoffgehalt sowie die Zusammensetzung des Planktons in der Deutschen Bucht bestimmt. „Die Deutsche Bucht hat insbesondere nach den 1990er Jahren einen erheblichen Temperaturanstieg erlebt“, sagt Prof. Karen Wiltshire, Direktorin der BAH. So zeigen die Daten neue Temperaturmuster: Im Sommer gibt es demnach deutlich mehr wärmere Tage und im Winter deutlich weniger extrem kalte Tage. Und höhere Temperaturen als erwartet treten nun auch früher im Jahr auf. „Die Nordsee erwärmt sich so schnell, weil sie ein Flachmeer ist, das von Landmassen umgeben ist wie eine große Pfütze“, so Wiltshire.
2023 war ein Rekordjahr
Tatsächlich war die Nordsee im vergangenen Jahr so warm wie nie. Und auch die ersten sechs Monate des Jahres 2024 gehörten im Mittel durchweg zu den „Top 10“ der jeweils wärmsten Monate seit 1962. Mehr noch: Der März 2024 war mit einer mittleren Wassertemperatur von 6,9 Grad sogar der wärmste März seit 1962. Dr. Inga Kirstein, Wissenschaftlerin der Biologischen Anstalt Helgoland, nennt 2023 ein Rekordjahr: Im Schnitt war das Wasser der Nordsee knapp 11,9 Grad Celsius warm. Bereits der Januar war mit Wassertemperaturen von rund 7,2 Grad der zweitwärmste gemessene Januar seit 1962. Die höchste Wassertemperatur 2023 wurde am 12. September gemessen: 19,5 Grad.
Marine Hitzewellen nennt die Meeres- und Klimaforschung die Erwärmung eines Meeresgebiets über die im Jahresverlauf üblichen Temperaturen hinaus. 2023 war nicht das erste Jahr, in dem die Nordsee marine Hitzewellen erlebt hat, sagt Dr. Inga Kirstein. Die AWI-Forscherinnen auf Helgoland haben die Daten der Oberflächenwassertemperatur der Helgoland Reede zwischen 1962 und 2018 ausgewertet und festgestellt: Die Häufigkeit von marinen Hitzewellen hat nach den 1990er Jahren zugenommen. Und: Sie treten auch im Winter auf, wenn die Wassertemperaturen deutlich oberhalb der üblichen Werte liegen.
Wärme verändert das Artenvorkommen
Die stetige Erwärmung des Wassers und die zusätzlichen Hitzewellen wirken sich natürlich auf das Ökosystem der Nordsee aus. „In der Nordsee sind bereits dekadische Veränderungen eingetreten, etwa bei der Häufigkeit von Arten oder der Zusammensetzung von Gemeinschaften. Die Temperatur ist dabei eine der wichtigsten Triebkräfte für die Artenvielfalt und -verteilung“, schreiben die Wissenschaftlerinnen der Biologischen Anstalt Helgoland. Dr. Inga Kirstein und ihre Kolleginnen erforschen, wie sich die wärmeren Temperaturen auf Plankton auswirken – die Lebensgrundlage vieler Meereslebewesen.
Auch Bakterien mögen es gern warm
Mit steigenden Wassertemperaturen erhöht sich die Gefahr, dass verschiedenste schädliche Mikroorganismen aus tropischen Regionen zunehmend auch in Nord- und Ostsee massenhaft auftreten. Frühere Forschungen am Alfred-Wegener-Institut zeigten, dass Bakterien der Gattung Vibrio in gemäßigten Sommern nur vereinzelt im Meerwasser nachweisbar sind. Sie können sich aber bei Hitzewellen explosionsartig vermehren, wenn die Wassertemperatur 22 Grad Celsius übersteigt – und die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht sich mit dem Klimawandel. Diese Vibrionen können Durchfallerkrankungen oder schwere Entzündungen hervorrufen. „Wir sind aktuell nicht in der Lage, die Gefahren, die von pathogenen Vibrionen und anderen schädlichen Mikroorganismen für die Gesundheit von Mensch und Ökosystemen ausgehen sowie deren negative wirtschaftliche Folgen für Europa beurteilen und vorhersagen zu können“, sagt Dr. Katja Metfies, Molekularökologin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) Bremerhaven. Deshalb wurde ein internationales Forschungskonsortium gebildet, das Politik und Gesellschaft mit dem technologischen und wissenschaftlichen Hintergrund für angepasste marine Überwachungs- und Bewertungsstrategien versorgen soll.
Noch ist der Wolfsbarsch ein besonderer Fang
„Mein Eindruck ist, dass Grünzeug im Wattenmeer in den vergangenen Jahren deutlich mehr geworden ist“, sagt Dirk Sander. Wärmeres Wasser und höhere Nährstoffeinträge könnten der Grund sein. „Und natürlich gibt es mehr Quallen als früher“, sagt der Fischer. Darauf, dass sich neue Fischarten stabil in der südlichen Nordsee breitmachen, warten die Küstenfischer allerdings bisher vergeblich: „Es gab ein Jahr, da hatten wir Meeräschen in den Netzen. Aber im Jahr darauf war der Fisch wieder weg aus dem Wattenmeer.“ Und wenn sich in den Netzen mal ein, zwei Wolfsbarsche finden, dann sei das noch etwas Besonderes „und die hauen wir direkt an Bord noch in die Pfanne“, erzählt Sander.
Auch der Nordseekrabbe gefällt das wärmere Wasser sehr gut. „Bei diesen Temperaturen wächst sie ein Zehntel Millimeter am Tag“, weiß Dirk Sander. Heißt: Die kleinen Garnelen werden in Zukunft deutlich größer sein als bisher. Noch muss sich aber der Bestand in der Nordsee erst einmal erholen.