Hamburg  Nur Großstädte? Nur Ausländer? Das sind die größten Mythen bei der Clan-Kriminalität

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 04.07.2024 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kriminelle Clans sind zunehmend im Fokus von Behörden. Doch was steckt eigentlich hinter „Clan-Kriminalität“? Foto: dpa/Paul Zinken
Kriminelle Clans sind zunehmend im Fokus von Behörden. Doch was steckt eigentlich hinter „Clan-Kriminalität“? Foto: dpa/Paul Zinken
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Clan-Kriminalität ist politisch aufgeladen und anfällig für Legendenbildung. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Phänomen? Sechs Mythen unter der Lupe.

Der Kampf gegen Clan-Kriminalität gilt als Politikum: Symbolpolitik bei einem Straftaten-Anteil unterhalb der Ein-Prozent-Marke, meinen die einen. Nötige Härte des Rechtsstaates für das öffentliche Sicherheitsgefühl, sagen die anderen. Doch Clan-Kriminalität sorgt vor allem für Missverständnisse und Pauschalisierungen. Die Redaktion hat sechs Mythen mal genauer untersucht.

„Arabische Großfamilien“ ist ein gern genommenes Synonym für Clans. Nur: So einfach ist es nicht. Im Kern ist ein Clan laut bundeseinheitlicher Definition eine „informelle soziale Organisation, die durch ein gemeinsames Abstammungsverständnis ihrer Angehörigen bestimmt ist“. Das könnte im Kern auf jede Familie, unabhängig der Herkunft, zutreffen. Richtig ist, dass zumindest in Berlin und Nordrhein-Westfalen die Behörden vor allem bestimmte Gruppen ins Visier nehmen. Etwa die Mhallamiye, eine kurdische Volksgruppe aus dem Libanon und türkisch-arabische Großfamilien.

Niedersachsen wiederum hat sich mittlerweile zumindest offiziell davon abgewendet, sich nur auf einige Bevölkerungsgruppen zu konzentrieren. Entsprechend differenzierter ist das Bild: Die nichtdeutschen Tatverdächtigen von 2022 stammen aus 59 verschiedenen Ländern. Die Entscheidung, eine Roma-Familie als Clan einzustufen, hatte vergangenes Jahr bereits für Empörung gesorgt.

Bei mehr als der Hälfte aller Clan-Verdächtigen in Niedersachsen handelt es sich jedoch um deutsche Staatsbürger, von denen wiederum sind auch drei Viertel in Deutschland geboren. Experten wie die ehemalige LKA-Bremen-Analytikerin Daniela Hunold sprechen sich daher laut „Mediendienst Integration“ für den Begriff der „familienbasierten Kriminalität“ aus. Das würde nach Meinung der heutigen Kriminologie-Professorin auch die Arbeit der Polizei effektiver machen.

Mafia, Rockerbanden, Clans? Wer an solche Gruppierungen denkt, ist schnell bei kriminellen Banden, die auf Kosten des Staates durch zwielichtige Geschäfte ihr Geld machen. Jedoch: „Das Phänomen der Clan-Kriminalität ist weder grundsätzlich dem Bereich der Organisierten Kriminalität (OK) zuzuordnen, noch stellt es eine Unterkategorie dar“, zitiert der „Mediendienst Integration“ das niedersächsische Innenministerium.

Die Zahlen geben dieser Einschätzung recht. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Berlin – jenen drei Bundesländern, in denen Lagebilder zu Clan-Kriminalität öffentlich einsehbar sind – wurden in den letzten Jahren nur eine Handvoll Straftaten der Organisierten Kriminalität zu geordnet. Der Großteil der Delikte zählt zur Allgemeinkriminalität (darunter Bedrohung und Körperverletzung) oder Ordnungswidrigkeiten.

Der Pate als Spitze einer Mafia-Organisation ist spätestens seit der gleichnamigen Filmreihe fest in den gesellschaftlichen Vorstellungen verankert. Doch haben auch Clans ein unangefochtenes Oberhaupt? Clan-Forscher Mahmoud Jaraba widerspricht. „Clans werden immer als gut durchstrukturiert und straff organisiert beschrieben. Aber es gibt kaum feste Strukturen“, sagt er. Der Forscher habe bei seinen Recherchen selbst Familienoberhäupter getroffen, „aber niemand sagt, dass er die ganze Kontrolle hat.“

Das hängt auch mit einem grundsätzlichen Denkfehler zusammen, den der Begriff „Clan“ nahelegt. Denn der umfasse pauschal alle Familienmitglieder, unabhängig davon, ob sie etwas mit dem kriminellen Zweig der Verwandtschaft zu tun haben oder nicht. Die Familienmitglieder kennen teilweise nicht mal einander. Es seien eher kriminelle „Sub-Clans“, auf die die behördlichen Definitionen angewendet werden können.

Zur Hauptstadt Berlin, manchmal als „Failed State“ runtergeputzt, passt es ausgezeichnet, dass hier auch Clan-Kriminelle ihren Geschäften nachgehen. Auch zu Bremen und Nordrhein-Westfalen, speziell zum sehr urbanen Ruhrgebiet, mag die Vorstellung passen.

Doch Clan-Kriminalität ist kein Großstadtphänomen. In Niedersachsen etwa geht das Innenministerium davon aus, dass der hohe Kontrolldruck in Ballungsräumen Clans gewissermaßen in den ländlichen Raum treibt. Jüngstes Beispiel: In der 19.000-Einwohner-Stadt Wildeshausen (Landkreis Oldenburg) gelang den Behörden gerade nach eigenen Angaben ein weiterer Schlag gegen einen Clan-Kriminellen, unter anderem wurden mehr als 200.000 Euro beschlagnahmt.

Kriminelle Clan-Strukturen werden häufig als sehr patriarchal beschrieben, Frauen hätten darin untergeordnete Rolle, Gewalt gegen Frauen gilt als alltägliches Problem. Doch auch weibliche Clan-Mitglieder begehen Straftaten. In Niedersachsen wird mehr als jede sechste „Clan-Tat“ von Frauen begangen.

Erst seit 2022 gibt es eine einheitliche Definition, nach der Behörden Clan-Kriminalität überhaupt gesondert zuordnen können. Doch Clan-Strukturen gibt es schon länger. Mitglieder der Mhallamiye etwa flohen während des libanesischen Bürgerkriegs (1975 bis 1990) nach Deutschland, erhielten als Staatenlose einen Duldungsstatus, hatten es schwer, in den Arbeitsmarkt zu gelangen.

In vielen Familien sei es damals eher im Bereich der Kleinkriminalität losgegangen, meint der Forscher Jaraba. Eine Generation später seien die kriminellen Strukturen bereits professionalisierter gewesen. „Jede Generation entwickelt und fügt neue Aspekte zu diesem Phänomen hinzu“, so Jaraba.

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