Journalist berichtet von Protesten  Ostfriese mittendrin beim Sturm aufs Parlament in Kenia

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 04.07.2024 08:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Proteste in Kenia richten sich gegen die Politik der Regierung. Foto: Boniface Muthoni/dpa
Die Proteste in Kenia richten sich gegen die Politik der Regierung. Foto: Boniface Muthoni/dpa
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Thilko Gläßgen ist Journalist und berichtete unter anderem für die Tagesschau aus Nairobi. Er erklärt die Gründe für die Proteste in Kenia.

Nairobi - Trotz Rücknahme eines umstrittenen Steuergesetzes gehen in Kenia die Proteste gegen die Regierung von Präsident William Ruto weiter. Auch in dieser Woche demonstrierten in Mombasa, der zweitgrößten Stadt des Landes, Hunderte mit Vuvuzelas, kenianischen Fahnen und „Ruto must go“ Schildern in der Innenstadt. Auch im westkenianischen Kisumu forderten Demonstranten trotz starker Polizeipräsenz in Sprechchören den Rücktritt des Präsidenten, den sie für die steigenden Lebenshaltungskosten in dem ostafrikanischen Land verantwortlich machten.

Bei den Protesten und in sozialen Medien wurde auch an die mittlerweile 39 Menschen erinnert, die nach Angaben der Kenianischen Menschenrechtskommission ums Leben kamen, als Polizisten unter anderem mit scharfer Munition auf Demonstranten schossen. Unter den Toten ist auch ein zwölfjähriger Junge. Mehr als 360 Menschen wurden verletzt.

Tränengas und Schüsse

Mittendrin in den Protesten war Journalist Thilko Gläßgen. Er hat für den WDR, unter anderem in der Tagesschau, von den Demonstrationen berichtet. Aufgewachsen ist er in Ihrhove, Abitur machte er in Leer. Als Demonstranten vor gut einer Woche das Parlamentsgebäude in Nairobi stürmten, war der Ostfriese mit dabei. „Das war schon eine krasse Situation“, sagt er. Er hatte auch beobachtet, wie die Polizei mit scharfer Munition auf die Demonstranten schossen. „Tränengaseinsatz ist bei der kenianischen Polizei quasi normal“, so Gläßgen.

In der Hauptstadt Nairobi schloss ein massives Polizeiaufgebot die Zufahrtsstraßen zum Parlament und zum Amtssitz des Präsidenten. In der Innenstadt waren viele Geschäfte geschlossen. Die Proteste dauern seit zwei Wochen an. Vor einer Woche war die Situation eskaliert, als hunderte Demonstranten das Parlament stürmten und einen Teil des Gebäudes in Brand setzten.

Protest gegen Präsident Ruto

Zunächst forderten die Demonstranten die Rücknahme des geplanten Steuergesetzes. Viele Kenianer fürchten erhebliche Belastungen durch neue und höhere Abgaben. Inzwischen richtet sich der Protest auch gegen Ruto, der in der vergangenen Woche zwar das Gesetz zurückzog, das harte Vorgehen der Polizei aber nicht kritisierte.

„Es geht vor allem die sehr junge Generation auf die Straße. Sie kritisieren, dass die Regierung die Versprechen, die sie gegeben hat, nicht eingehalten hat. Vor allem geht es dabei um die gestiegenen Preise, aber auch um Jobs“, sagt Gläßgen.

Doch gerade die jungen Menschen seien mittlerweile zurückhaltender geworden, bei den Demonstrationen. So gebe es Hinweise darauf, dass die eigentlich friedlichen Proteste von Regierungsseite unterwandert würden und Gewalt und Plünderungen förderten, so Gläßgen. Darauf reagiere die Polizei wiederum mit scharfer Munition. Die Demonstranten fürchten daher um ihr Leben. „Die Zivilpolizei soll auch schon Protestierende verschwinden lassen haben. So sind zum Beispiel bekannte Influencer aus Kenia derzeit nicht auffindbar“, so Gläßgen. Die Situation sei unübersichtlich.

Urlaub in Kenia weiter möglich

Präsident Ruto ist auch Zentrum der Proteste, weil er sich aus Sicht der Demonstranten zu lange um die Außenwirkung des Landes gekümmert habe und die Innenpolitik vernachlässigt habe, so Gläßgen. So wurde er im Mai von US-Präsident Joe Biden in Washington empfangen und bekam auch hohen Besuch von Politikern aus Deutschland. Seine Landleute forderten nun, die Probleme innerhalb des Landes anzugehen, so der Journalist.

Trotz der Proteste ist sich der Korrespondent allerdings sicher, dass eine Urlaubsreise nach Kenia weiterhin möglich ist. „Die Demonstrationen finden in bestimmten Vierteln statt, die ohnehin selten von Touristen besucht werden“, sagt er. Der Flughafen von Nairobi sowie die Nationalpark, die jedes Jahr Tausende ins Land ziehen, seien von den Protesten nicht betroffen. „Ich habe sogar in meinem Büro in Nairobi nichts von den Demonstrationen bemerkt, weil es in einem anderen Viertel der Stadt liegt“, sagt Gläßgen.

Mit Material von den Agenturen

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