Energiewende vor Ort  Emden als Drehscheibe für erneuerbare Energie – ein Überblick

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 03.07.2024 10:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Drei Konverterstationen vom Stromnetzbetreiber Tennet befinden sich im Borssumer Hammrich. Das Foto ist im Oktober 2022 entstanden. Foto: Tennet/Archiv
Drei Konverterstationen vom Stromnetzbetreiber Tennet befinden sich im Borssumer Hammrich. Das Foto ist im Oktober 2022 entstanden. Foto: Tennet/Archiv
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Wie viele Wasserstoff-Elektrolyseure kommen denn nun nach Emden? Wird es noch ein Konverter mehr? Leicht verliert man den Überblick. Wir stellen die Projekte vor.

Emden - Emden wird immer wieder als Drehscheibe der erneuerbaren Energie in Deutschland bezeichnet. Eine der ersten Lithium-Raffinerien Europas, größte Photovoltaik-Anlage Niedersachsens im einst größten Windpark Europas, eine der größten Wasserstoff-Produktionen weltweit: Mit Superlativen wird bei den geplanten Projekten nicht gespart.

Aber wie ist der Stand der Projekte aktuell? Welche Anlagen stehen bereits? Wer sind die Akteure? Wir zeigen eine Übersicht.

Die Pläne im Hammrich ... von Tennet

Wo früher Kartoffelacker und Spülfelder waren, entsteht mittlerweile ein Industriegebiet: Im Borssumer Hammrich hat der Stromnetzbetreiber Tennet am Wykhoffweg drei Konverterstationen errichtet, die weithin mit ihren grünen Hallen zu sehen sind. Hier wird die von den Offshore-Plattformen BorWin3, DolWin5 und 6 bei Borkum produzierte Energie von Gleichstrom in Drehstrom umgewandelt und ins Stromnetz eingespeist.

„BorWin3 und DolWin6 sind bereits in Betrieb, DolWin5 ist landseitig ebenfalls weitestgehend fertiggestellt“, erklärt Tennet-Referentin Cornelia Junge auf Nachfrage aktuell. Für die Inbetriebnahme werde zurzeit der Transport der Offshore-Konverterstation von Haugesund (Norwegen) in die Nordsee vorbereitet. Nach der Installation auf See müssen noch die Kabel eingezogen werden, dann können die Vorbereitungen für eine Inbetriebnahme anlaufen, so Cornelia Junge. Nach der Inbetriebnahme der gesamten Netzanbindung DolWin5 können am Standort 2700 Megawatt (MW) grünen Stroms von See ins deutsche Höchstspannungsnetz eingespeist werden.

Die Übersichtskarte zeigt das Umspannwerk Emden-Ost von Tennet, daneben die Fläche B von EWE. Fläche A gehört ebenfalls der EWE. Hier entsteht der Elektrolyseur. Daneben auf dem grauen Feld ist Amprion. Grafik: EWE
Die Übersichtskarte zeigt das Umspannwerk Emden-Ost von Tennet, daneben die Fläche B von EWE. Fläche A gehört ebenfalls der EWE. Hier entsteht der Elektrolyseur. Daneben auf dem grauen Feld ist Amprion. Grafik: EWE

Zudem sei auch die Drehstromanbindung für den Offshore-Windpark Riffgat mittlerweile in Emden/Ost ansässig, das heißt weitere 113 MW. „Aus Gründen der Netzstabilität und -sicherheit ist es nach UCTE-Richtlinie nicht zulässig, mehr als 3000 MW Leistung über einen Netzknotenpunkt zu transportieren, somit ist der Standort Emden/Ost mit den drei Netzanbindungssystemen sowie der Netzanbindung für Riffgat, die dort einspeisen, ausgelastet“, erklärt die Referentin.

... von Amprion

Der Grundstein für eine erste Konverterstation vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion im direkt an den Borssumer Hammrich anschließenden Petkumer Hammrich wurde am 12. Juni 2024 gelegt. Zwei Gigawatt Windstrom sollen bei dem Projekt „A-Nord“ ab 2027 über die Station in Erdkabeltrassen gespeist und nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg transportiert werden. Der Konverter soll nicht nur Wechselstrom in Gleichstrom umwandeln, sondern auch dabei helfen, Netzspannung zu regulieren und zu stabilisieren, heißt es von Amprion. Bisher übernehmen diese Funktion noch konventionelle Großkraftwerke.

Viel Sand für die Konverterstation von Amprion wurde schon angehäuft. Foto: Hanssen
Viel Sand für die Konverterstation von Amprion wurde schon angehäuft. Foto: Hanssen

„500.000 Tonnen Sand, 5.350 Pfähle für die Fundamente und etwa 13 Hektar Fläche sind für den Bau notwendig. Ab August kann der Hochbau starten. Im Dezember 2027 soll der Konverter in Betrieb gehen und damit den Ausgangspunkt der Erdkabelverbindung A-Nord bilden“, wird Projektleiter Janick Reinecke in einer Pressemitteilung von Amprion zitiert. Aktuell ist von dem Projekt nur die große Sandanhäufung zu sehen.

... von EWE

Direkt neben dem Amprion-Projekt will das Energieunternehmen EWE eine der größten Wasserstoff-Produktionen weltweit errichten. Der Genehmigungsantrag werde aktuell intensiv erarbeitet, hieß es Mitte Juni bei einem Bürgerdialog zu dem Elektrolyseur-Projekt. Bestenfalls im September soll der Antrag eingereicht werden. Dann könne die Sandauffüllung im Herbst beginnen. Etwa 200.000 Kubikmeter Sand sei für die Entwässerung und damit Festigung des Bodens nötig.

In einer ersten Phase werde etwa acht Wochen lang der Sand mit rund 180 Fahrten pro Tag aufgehäuft. Dann folge zwölf Wochen lang das restliche Auffüllen mit rund 225 Fahrten pro Tag, hieß es. Der Sand müsse sich dann etwa vier bis acht Monate setzen. Bestenfalls könne dann im vierten Quartal 2025 mit dem Spezialtiefbau begonnen werden. Das Elektrolysegebäude der Linie 1 wäre dann im vierten Quartal 2026 montagebereit. Anfang 2027 würde die Netzanbindung erfolgen und im dritten Quartal des Jahres die Elektrolyse starten, so der Plan. Weitere Produktions-Linien sollen langfristig folgen.

Die Pläne für den Wybelsumer Polder ... von Livista

Im Wybelsumer Polder, der westlich an den Larrelter Polder, in dem sich das VW-Werk befindet, anschließt, war 2002 der damals europaweit größte Windpark eröffnet worden. Ansonsten gibt es dort bislang nur landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie Spülfelder. Das soll sich ändern. Im Osten des Areals soll auf rund 30 Hektar eine Lithium-Raffinerie entstehen. Lithium wird unter anderem für die Produktion von E-Auto-Batterien verwendet. Im Oktober 2023 war der Vertrag zwischen Livista Energy Europe und Hafenbetreiber Niedersachsen-Ports (N-Ports) unterschrieben worden. Frühestens ab 2026 soll die Produktion des Batteriegrundstoffs aufgenommen werden, hieß es in einer Mitteilung damals. Wir haben aktuell nach dem Zeitplan gefragt und warten auf Rückmeldung.

Auf den Industrieflächen des Wybelsumer Polders und Rysumer Nackens gibt es Pläne für Ansiedlungen. Grafik: Archiv
Auf den Industrieflächen des Wybelsumer Polders und Rysumer Nackens gibt es Pläne für Ansiedlungen. Grafik: Archiv

... von H2Nord

Auf westlicher Seite des Wybelsumer Polders soll einer der niedersachsenweit größten zusammenhängenden Photovoltaik-Parks entstehen. Die Energie von dort soll in die Wasserstoff-Produktion fließen. 2020 war dafür die Energiepark Emden GmbH von den Unternehmen GP Joule aus Schleswig-Holstein, Terravent aus Leer und der Brons Gruppe aus Emden gegründet worden. Das Konglomerat schuf gemeinsam die Gesellschaft H2Nord, zu der unter anderem auch die Emder Tankstellen und Mineralölhandels GmbH Score gehört.

Im Februar 2023 stimmte die Emder Politik der Schaffung des PV-Parks auf der Fläche zu. Danach sollte es ins Bebauungsplan-Verfahren gehen. Etwa eineinhalb Jahren bis zur Baugenehmigung und auch der Erstellung aller nötigen Gutachten wurde damals gerechnet. Wenn die Module dann zeitnah geliefert und installiert werden können, könnte 2025 der PV-Park in Betrieb genommen werden, hieß es damals. Aktuell erklärt H2Nord auf Nachfrage, dass das Bauleitplanverfahren nach wie vor laufe und derzeit vor der zweiten öffentlichen Auslegung stehe. „Wir gehen davon aus, dass sich der Bau des PV-Parks ins Jahr 2026 verschiebt“, heißt es.

Im Gespräch war zunächst, dass der Wasserstoff-Elektrolyseur der Gesellschaft am Emder Gaskraftwerk von Statkraft, das sich am Nordkai befindet, entstehen könnte. Das Land fördert das Vorhaben mit acht Millionen Euro. Mittlerweile kristallisiert sich aber heraus, dass Statkraft ein eigenes Elektrolyseur-Projekt ohne H2Nord umsetzt. Zumindest signalisierte Statkraft im Oktober 2023 bei einem Pressetermin, dass sie nicht am PV-Park beteiligt seien, aber für Vertrieb und Verbrauch von Wasserstoff mit H2Nord gesprächsbereit seien. Auf dem Statkraft-Areal soll zunächst eine Zehn-Megawatt (MW)-Elektrolyse-Anlage entstehen. Langfristig ist eine Produktionsleistung von 200 MW angedacht. Die Anträge wurde Anfang März 2023 gestellt, hieß es im Oktober. Vorrangig sollen Tankstellen in der Region damit beliefert werden. Aber was ist dann mit H2Nord?

„Unverändert plant H2NORD die Inbetriebnahme einer Wasserstoffproduktion mit zehn Megawatt Elektrolyseleistung in der ersten Ausbaustufe. Weitere 40 Megawatt Elektrolyse sollen folgen“, heißt es aktuell. Die Anlage soll nun in der Otto-Brenner-Straße im Industriepark Frisia entstehen. Die Förderung des Landes gelte für das Projekt weiterhin und soll genutzt werden. Noch warte man aber auf eine Genehmigung für den Elektrolyseur. Der Antrag auf Genehmigung befindet sich aktuell in der Vorbereitung. „Der Kaufvertrag für die Fläche wird derzeit finalisiert“, so H2Nord. Ende 2025 sollen sowohl die erste Wasserstofftankstelle als auch der Elektrolyseur in Betrieb gehen.

Die Pläne für den Rysumer Nacken

Emdens Industrieflächen in Hafennähe, also insbesondere der Wybelsumer Polder und der Rysumer Nacken, sind beliebt. Vier bis fünf Anfragen pro Jahr bekommt die Stadt von Investoren und Unternehmen, sagte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) zuletzt im Juli 2023 im Emder Rat. Am Rysumer Nacken ist bislang nur das Gasunternehmen Gassco angesiedelt.

Am Rysumer Nacken befindet sich bislang nur der Gaskonzern Gassco. Foto: Hanssen
Am Rysumer Nacken befindet sich bislang nur der Gaskonzern Gassco. Foto: Hanssen

Von den etwa 234 Hektar vom Rysumer Nacken, die N-Ports gehören, sind derzeit etwa drei Hektar vertraglich vergeben. Schon seit Jahrzehnten ist im Gespräch, den Rysumer Nacken industriell stärker zu nutzen. Ein wichtiger Faktor dabei: die verkehrliche Anbindung. Eine Machbarkeitsstudie soll aufzeigen, wie die Verkehrssituation verbessert werden kann. Die Hoffnung ist, dass sich eine Batteriezellen-Fabrik dort ansiedelt, denn das Lithium wäre ja in der Nähe direkt verfügbar.

Schwer zu erkennen, aber: Wer von der Emder Knock beziehungsweise dem Rysumer Nacken rüber zum niederländischen Delfzijl schaut, sieht vor allem Industrie-Ansiedlungen. Das wäre auch für die Emder Stadtverwaltung ein Wunsch für die hiesige Küstenfläche. Foto: Hanssen
Schwer zu erkennen, aber: Wer von der Emder Knock beziehungsweise dem Rysumer Nacken rüber zum niederländischen Delfzijl schaut, sieht vor allem Industrie-Ansiedlungen. Das wäre auch für die Emder Stadtverwaltung ein Wunsch für die hiesige Küstenfläche. Foto: Hanssen

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