Hamburg Stefanie Stahl erklärt: Warum es beim Ehestreit ums Hobby nie ums Hobby geht
Paare, die ein gemeinsames Hobby teilen, haben es einfacher. Davon ist Deutschlands bekannteste Psychologin Stefanie Stahl überzeugt. Die 60-Jährige erzählt, welches Hobby sie mit ihrem Mann teilt und wie Paare gemeinsame Aktivitäten finden.
Gemeinsam wandern, tanzen oder im Garten werken: Paare, die ihre freie Zeit demselben Hobby widmen, stärken ihre Bindung, sagt Psychologin Stefanie Stahl. Das heißt aber nicht, dass man auf Biegen und Brechen ein gemeinsames Hobby finden muss. „In meiner dreißigjährigen Praxis als Psychotherapeutin habe ich noch nie erlebt, dass eine Beziehung allein an unterschiedlichen Interessen gescheitert ist“, sagt Stahl. Wenn um Interessen und Hobbys gestritten wird, gehe es oft um tieferliegende Probleme.
Frage: Frau Stahl, sind Paare mit gemeinsamen Hobbys glücklicher?
Antwort: Paare mit gemeinsamen Hobbys haben es einfacher – denn je mehr Gemeinsamkeiten Paare haben, desto weniger Raum gibt es für Konflikte. Das bezieht sich nicht nur auf Hobbys, sondern auch auf Werte und Einstellungen. Wenn Partner ähnliche Interessen teilen, müssen sie weniger Kompromisse eingehen, da sie Freude an denselben Aktivitäten haben und gerne ihre Zeit damit verbringen. Es bereichert die Beziehung, gemeinsame Erlebnisse zu teilen. Ich persönlich gehe zum Beispiel sehr gerne mit meinem Mann wandern. Diese Erfahrungen gemeinsam zu machen, ist schöner als allein.
Frage: Ist es schlimm, wenn Paare keine gemeinsamen Hobbys zu haben?
Antwort: Es ist keineswegs dramatisch, wenn Paare unterschiedliche Hobbys haben. Viel wichtiger ist, den gegenseitigen Respekt und Anstand in der Beziehung zu bewahren. Dazu gehört es zum Beispiel, nach dem Ausgang des Fußballspiels zu fragen, wofür man sich eigentlich nicht interessiert. Und wenn Paare keine gemeinsamen Hobbys haben, müssen sie sich gegenseitig Freiraum gewähren, um ihren Interessen nachzugehen. In meiner dreißigjährigen Praxis als Psychotherapeutin habe ich noch nie erlebt, dass eine Beziehung allein an unterschiedlichen Interessen gescheitert ist. Konflikte um Hobbys sind ein Nebenschauplatz.
Frage: Worum geht es eigentlich?
Antwort: Es geht weniger um die Hobbys selbst, sondern darum, wie die Paare psychisch aufgestellt sind. Oft sind es tiefere, unreflektierte Themen, die Konflikte verursachen. Wenn beispielsweise ein Partner ein geringes Selbstwertgefühl hat, fühlt er sich schnell benachteiligt und nimmt fälschlicherweise an, der andere würde dominieren. Typische Vorwürfe sind dann: ‚Du machst, was Du willst, und ich komme zu kurz.‘ Dabei geht es im Kern aber nicht um die Hobbys oder Freizeitgestaltung, sondern um unreflektierte Themen, die viele mit sich rumschleppen. Und natürlich kann es sein, dass ein Partner ein sehr umfangreiches Hobby betreibt. Menschen mit Bindungsängsten neigen dazu, sich in die Arbeit oder eben ins Hobby zu stürzen. Das eigentliche Motiv ist es, aus der Beziehung zu flüchten. Da entstehen Konflikte, die zwar mit dem Hobby zu tun haben, aber tiefer gehen.
Frage: Es gibt ja Hobbys, die sehr zeitintensiv sind. Da kann man als Partner ja schon fast eifersüchtig werden. Wie sollte man damit umgehen?
Antwort: Bei der Eifersucht auf ein Hobby gibt es zwei mögliche Szenarien. Zum einen kann die Eifersucht ein Hinweis darauf sein, dass der eifersüchtige Partner mit Verlustängsten zu kämpfen hat und Schwierigkeiten zeigt, dem anderen ausreichend Freiraum zu gewähren. Zum anderen kann ein zeitintensives Hobby auch ein Zeichen für eine gewisse Bindungsunwilligkeit sein. Oftmals ist bereits beim Kennenlernen erkennbar, wie wichtig jemandem sein Hobby ist. Wenn man kein Interesse am Hobby des Partners hat und keine gemeinsame Basis findet, sollte man dann schon überlegen, ob die Beziehung den eigenen Vorstellungen entspricht.
Frage: Gibt es Warnzeichen dafür, dass ein Hobby überhandnimmt und die Beziehung dadurch beeinträchtigt?
Antwort: Ein klares Warnzeichen ist, wenn man das Gefühl hat, dass die Nähe in der Beziehung zu kurz kommt. Das geht oft über die Zeit, die mit Hobbys verbracht wird, hinaus und zeigt sich emotional. Beziehungsgespräche verlaufen nicht zufriedenstellend. Das deutet darauf hin, dass die Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten ist. In solchen Fällen sollte man sich fragen, ob die eigenen Erwartungen und Ansprüche gerechtfertigt sind. Es ist wichtig, für sich selbst klar zu definieren, was man von einer Beziehung erwartet und was einem wichtig ist. Nur so kann man klare Ansagen machen oder eine Entscheidung über eine mögliche Trennung treffen, falls man zu dem Schluss kommt, dass die Beziehung nicht die erhoffte Erfüllung bringt.
Frage: Wie finden Paare gemeinsame Hobbys?
Antwort: Um gemeinsame Hobbys zu finden, sollten Paare überlegen, woran beide Spaß haben könnten. Viele entscheiden sich beispielsweise für das Tanzen, weil es eben ein schönes Hobby für Paare ist. Gemeinsame Aktivitäten, bei denen man etwas zusammen erschafft oder seine Fähigkeiten verbessert, wie etwa die Gartenarbeit oder ein Hausprojekt, stärken die Bindung besonders.