Osnabrück  Die „besten Teams des Turniers“? Deutschland und Spanien im Vergleich

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 01.07.2024 12:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Treffen im EM-Viertelfinale aufeinander: Die deutsche und die spanische Fußball-Nationalmannschaft. Foto: imago
Treffen im EM-Viertelfinale aufeinander: Die deutsche und die spanische Fußball-Nationalmannschaft. Foto: imago
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Deutschland trifft im Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft auf Spanien – und viele sehen die Partie als „vorweggenommenes Finale“. Nicht ganz zu Unrecht, wie der Vergleich der beiden Mannschaften zeigt.

Am Ende ist es dann doch so gekommen, wie man es erwarten konnte. Wer nach der Auslosung der Fußball-Europameisterschaft vor einigen Monaten auf die Gruppen und die beiden Turnierbäume schaute, konnte recht schnell feststellen, dass es im Viertelfinale für die deutsche Mannschaft zu einem Topspiel kommen könnte. Der Gegner heißt Spanien, das steht seit Sonntagabend fest.

Ein Duell der „beiden besten Teams des Turniers“, wie Taktik-Experte und NOZ-Kolumnist Tobias Escher twitterte. Wie liefen die Achtelfinals der beiden Mannschaften – und worauf muss Deutschland bei den Spaniern achten?

„Die ersten 20 Minuten waren die besten von uns im ganzen Turnier“, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann nach dem 2:0-Sieg gegen Dänemark. In diese Anfangsphase fiel das vom Schiedsrichter aberkannte Tor von Nico Schlotterbeck – ein zweifelhafter Pfiff – und viele weitere Möglichkeiten nach Standards.

Deutschland drückte die Dänen von Beginn an tief in die eigene Hälfte und hätte eigentlich in Führung gehen müssen. Danach kam Dänemark besser in die Partie und war spätestens ab der Gewitterunterbrechung ein durchaus gefährlicher Gegner.

Die 1:0-Führung der Skandinavier kassierte der VAR wegen einer der knappstmöglichen Abseitsstellungen ein, kurz darauf gab es Handelfmeter für Deutschland – ähnlich zweifelhaft wie das aberkannte Tor. Kai Havertz traf souverän, und ab da ließ die DFB-Elf keine Zweifel mehr am Sieg aufkommen. Jamal Musiala entschied das Spiel nach 68 Minuten, es hätte am Ende aber sogar noch deutlicher ausfallen können, wenn nicht sogar müssen.

Die Spanier kamen ähnlich druckvoll in ihre Partie gegen Georgien – hatten aber dann einen Schock zu verdauen. Die dominante Anfangsphase endete mit dem ersten georgischen Konter und dem Eigentor von Innenverteidiger Robin Le Normand (18.). Danach brauchte es eine Weile, bis die „Furia Roja“ trotz spielerischer Dominanz wieder richtig gefährlich wurde. Sechser Rodri traf nach 39 Minuten aber zum Ausgleich.

Es war fast über 90 Minuten ein Spiel auf ein Tor: Spanien sammelte 35 Torschüsse, spielte bei 75 Prozent Ballbesitz unglaubliche 792 Pässe mit einer irren Quote von 94 Prozent (Deutschland gegen Dänemark: 15 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, 536 Pässe, 89 Prozent Passquote). Quasi zwangsläufig fielen drei weitere Treffer gegen schließlich überforderte Georgier durch Fabian (51.), Nico Williams (75.) und Dani Olmo (83.). Es dauerte eine Weile, war auch zeitweise zäh, aber Spaniens Dominanz setzte sich auch in der Höhe verdient durch.

In der deutschen Mannschaft ist es ganz klar die Vielseitigkeit in der Offensive: Dass eine Elf um Supertalente wie Jamal Musiala, Florian Wirtz, Toni Kroos und Ilkay Gündogan mit Ballbesitz etwas anfangen kann, überrascht nicht. Was neu und richtig gut ist: Sie finden auch ins Tempospiel durch Havertz als Sturmspitze, der immer wieder hinter die gegnerische Abwehr zieht, durch Gündogans Nachrücken in den Strafraum und offensive Außenverteidiger. Dazu hat der DFB mit Niclas Füllkrug eine Kopfballwaffe und mit Leroy Sané, der offenbar besser in Form kommt, einen Topsprinter.

Defensiv wirkt die Mannschaft zwar gelegentlich etwas unstrukturiert, beeindruckt aber mit Geschlossenheit und Einsatz. Was in Sachen Abstimmung fehlt, macht Deutschland aktuell mit viel Willen und Leidenschaft wett. Symbolhaft steht dafür Antonio Rüdiger, mit Joshua Kimmich und Manuel Neuer der einzige Spieler, der bislang alle Spielminuten bestritt.

Bei den Spaniern liegen die Stärken in der Kombination: Die Mannschaft vom zuvor relativ unbekannten Trainer Luis de la Fuente, der im Verband als Jugendcoach Karriere machte, hat sich den Tiki-Taka-Ballbesitzfußball beibehalten, ergänzt ihn aber inzwischen mit sehr viel mehr Geradlinigkeit und einem aggressiven Pressing, der Gegnern wie zuletzt Georgien kaum Luft zum Atmen lässt. Nicht umsonst war das 0:1 der Georgier der erste Gegentreffer im Turnier.

Blickt man auf die Einzelspieler stechen im spanischen Spiel die beiden Außenstürmer Nico Williams (Athletic Bilbao) und Lamine Yamal (FC Barcelona) heraus. Der erste ist 21, der zweite sagenhafte 16 Jahre alt. Es sind Supertalente, die das vereinen, was Spanien ausmacht: Technische Klasse, großes Tempo und Drang zum Tor. Williams sammelte bislang drei Scorerpunkte, Yamal vier. Sie werden abgesichert und eingesetzt von einem hervorragenden Mittelfeld aus Spielmacher Pedri (FC Barcelona), Box-to-Box-Spieler Fabian (Paris Saint-Germain) und Taktgeber Rodri (Manchester City).

Bei der deutschen Mannschaft fällt einem hier zu aller erst die defensive Abstimmung ein. Hier und da ein Stellungsfehler und ein gelegentliches Zuteilungsproblem sind keine absolute Seltenheit - auch wenn das bei zwei Gegentoren in vier Spielen schon durchaus Meckern auf hohem Niveau ist.

Mit Blick auf das Achtelfinale kann man auch die Chancenverwertung hinzunehmen. Vier bis fünf Tore wären mit besseren Abschlüssen oder clevereren Verhalten beim Abseitstor von Wirtz und Füllkrug kurz vor Schluss im Bereich des Möglichen gewesen.

Ähnliches gilt auch für die Spanier, die, wenn das Pressing ausnahmsweise mal ins Leere läuft, anfällig für Konter sein können. Was den Iberern außerdem fehlt: ein Stürmer in Topform. Alvaro Morata (Atletico Madrid) ist zwar Kapitän der Mannschaft, aber keine Tormaschine. In acht Länderspielen in diesem Jahr traf er zwei Mal, auch gegen Georgien zuletzt blieb er recht blass.

Die Tendenz geht leicht zu Spanien. Die Auftritte der „Furia Roja“ wirkten noch dominanter, noch makelloser als die des deutschen Teams. Allerdings wurden sie auch noch von keinem Gegner wirklich auf Augenhöhe gefordert: Dafür waren Kroatien (3:0) und Italien (1:0) in der Gruppe zu harmlos und zu bieder.

Deutschland muss sich vor allem defensiv noch weiter stabilisieren, fußballerisch dürfte Spanien auf extrem hohem Niveau minimal die Nasenspitze vorn haben, was nicht bedeutet, dass die DFB-Elf keine Mittel hat, dem Gegner wehzutun.

Das sieht auch Julian Nagelsmann so, der nach dem Sieg gegen Dänemark, angesprochen auf ein mögliches Viertelfinale gegen Spanien, sagte: „Wenn wir so spielen wie in den ersten 20 Minuten, wird es sehr schwer, uns zu schlagen.“

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