Hilfen in ganz Ostfriesland  „Manche Kinder kommen mit einer Plastiktüte in die Schule“

Rilana Kubassa
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Von Rilana Kubassa
| 01.07.2024 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Esther Janßen zwischen Jacken für Erwachsene und Schulranzen für Kinder in der Zentrale des Alltagshelden Ostfriesland in Wiesmoor. Foto: Kubassa
Esther Janßen zwischen Jacken für Erwachsene und Schulranzen für Kinder in der Zentrale des Alltagshelden Ostfriesland in Wiesmoor. Foto: Kubassa
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Der Schulstart ist ein besonderes Ereignis. Für viele Familien ist aber allein die Beschaffung des Schulranzens ein finanzieller Kraftakt. Die Alltagshelden helfen mit gezielten Sachspenden.

Wiesmoor - Dicht an dicht stehen hohe Regale in der Zentrale des Vereins Alltagshelden Ostfriesland in der Hauptstraße 216. Darin stapeln sich nach Größen sortiert Kleidungsstücke für Kinder und Erwachsene, Spielzeug, Haushaltsgeräte, Bettwäsche und Geschirr. Esther Janßen, die operative Leiterin der Alltagshelden, sitzt in ihrem kleinen Büro, vor ihr Rechner und Telefon, um sie herum Ordner und Papiere. Mehr Mobiliar als Schreibtisch und Stuhl passt kaum hinein in die „Keksdose“, wie sie den Raum scherzhaft nennt. Beinahe jeden Tag ist die studierte Sozialmanagerin hier vor Ort, koordiniert das 35-köpfige Team und die Spendenverteilung.

Die Alltagshelden, ehemals bekannt unter dem Namen „Heart of Mercy“, helfen in ganz Ostfriesland Menschen mit geringem Einkommen mit Sachspenden. „Wir geben allgemein die nötigen Dinge des Lebens: Kleidung, Bettwäsche, Kinderbücher oder mal einen Toaster, wenn der alte kaputt gegangen ist“, erzählt Esther Janßen. Auch in individuellen Notlagen hilft der Verein, zum Beispiel mit der Neuausstattung für Mieter des im Mai ausgebrannten Fehn-Hotels in Wiesmoor. „Vor allem unterstützen wir Familien“, sagt Esther Janßen.

Die Zeit vor den Sommerferien ist eine heiße Phase

Neben den Kleiderstangen voller Jacken stehen zwei Lastenregale, bepackt mit Schulranzen, auch eine offenbar unbenutzte Schultüte mit Dino-Motiv liegt darin. Die Zeit vor den Sommerferien gehört wie die Weihnachtszeit zu den Spitzenzeiten, in denen viele Menschen um Hilfe bitten, sagt Esther Janßen. Viele Familien brauchen nun Sommerkleidung für die Kinder – und Equipment für die Einschulung. Erst letzte Woche wurde ein Ranzen zu einer Familie mit drei Kindern gebracht.

Dieser Schulranzen, gehalten vom Vereinsvorstand Weert Prikker, hat über die Alltagshelden Ostfriesland eine neue Besitzerin gefunden. Foto: M. Parczyk
Dieser Schulranzen, gehalten vom Vereinsvorstand Weert Prikker, hat über die Alltagshelden Ostfriesland eine neue Besitzerin gefunden. Foto: M. Parczyk

Mittlerweile sei die erste heiße Phase aber schon vorbei. „Die meisten Spendenempfänger sind sehr vorausschauend“, sagt sie. Viele seien Hausfrauen, die sich um den Schulranzen oft schon ein Jahr vor der Einschulung kümmern. Die zweite Phase mit Anfragen komme gleich nach den Ferien, wenn die Schulen sich beim Verein melden, weil einige Kinder keinen Schulranzen haben. „Manche kommen mit einer Plastiktüte in die erste Klasse“, so Janßen.

Menschen mit wenig Einkommen sind oft nicht mobil

Der Verein schickt die Ranzen direkt an die Schulen und legt einen Flyer mit rein, „dann liegt es bei den Familien, sich bei uns zu melden, falls sie weitere Unterstützung benötigen“, sagt Esther Janßen. Wenn Menschen die Hilfe der Alltagshelden in Anspruch nehmen wollen, nimmt Esther Janßen zuerst ihre Daten auf und macht eine Liste der Dinge, die gebraucht werden. Diese werden verpackt und mit dem Vereins-Sprinter zu den Menschen nach Hause gebracht. Nur selten holen die Menschen die Sachen vor Ort ab. „Viele der Spendenempfänger sind nicht mobil. Sie haben kein Auto, sind vielleicht körperlich eingeschränkt oder können sich die Fahrt mit den Öffentlichen nicht leisten“, erklärt Esther Janßen. Fast 1000 aktuelle Adressen liegen in der Alltagshelden-Kartei, zu Hochzeiten werden Janßens Angaben zufolge bis zu 300 Personen unterstützt. Ein Großteil davon: Kinder.

Laut dem Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von März 2024 hat die Kinderarmut in Deutschland mit 21,8 Prozent einen Rekordwert erreicht. Besonders Alleinerziehende mit einer Armutsquote von 43,2 Prozent, kinderreiche Familien und Menschen mit schlechten Bildungsabschlüssen oder ohne deutsche Staatsangehörigkeit seien von Armut betroffen, heißt es darin.

Armut bedeutet weniger Teilhabe

Ein neuer, günstiger Schulranzen kostet in der Regel ab 150 Euro aufwärts, im Sonderangebot auch mal weniger. Für Familien mit geringem Einkommen ist das ein finanzieller Kraftakt. Hinzu kommen Bücher, Hefte und andere Materialien sowie Kosten für eine Schultüte nebst Füllung, vielleicht auch ein größeres Fahrrad und ein Helm. Wer etwa Bürger- oder Wohngeld bezieht, erhält im Rahmen der Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) für Schulkinder Unterstützung vom Staat. Zum neuen Schuljahr pro Kind 174 Euro 116, zum zweiten Halbjahr 58 Euro. Durchschnittlich geben Familien in Deutschland knapp 1000 Euro für die Einschulung aus, wie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) 2023 berechnete.

Mehr als 50 Schulranzen warten in der Wiesmoorer Zentrale der Alltagshelden Ostfriesland auf eine zweite Runde. Foto: Kubassa
Mehr als 50 Schulranzen warten in der Wiesmoorer Zentrale der Alltagshelden Ostfriesland auf eine zweite Runde. Foto: Kubassa

„Viele Menschen, die ein ausreichendes Gehalt haben, wissen nicht, wie es ist, von Armut betroffen oder bedroht zu sein“, sagt Esther Janßen. Wenig Geld zu haben, bedeute vor allem für Kinder, dass die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben stark eingeschränkt sei. Sie nennt ein einfaches Beispiel: „In der Grundschule wird ein Verkehrstraining mit Fahrrad angeboten. Dafür braucht man ein verkehrssicheres Fahrrad und einen Helm. Mit einer Spende ermöglichen wir, dass ein Kind daran teilnehmen kann“, sagt sie. „Deshalb suchen wir gerade händeringend Fahrräder und Helme“, sagt Esther Janßen.

Die Armutsquote in Ostfriesland ist hoch

Nachweise für die Bedürftigkeit, etwa einen Bescheid vom Amt, fordert der Verein nicht. „Eine Familie mit drei Kindern, von denen eines vielleicht noch behindert ist, oder in der es nur einen Elternteil gibt, brauchen Sie nicht zu fragen, ob sie bedürftig ist“, konstatiert Esther Janßen. „Der Großteil unserer Spendenempfänger ist hart am Wirtschaften, um über die Runden zu kommen“, sagt sie. Ihre Beobachtung deckt sich mit den Zahlen des Armutsberichts, der herausstellt, dass fast zwei Drittel der erwachsenen Armen in Deutschland berufstätig oder in Rente sind. In Ostfriesland sei die Armutsquote mit 21 Prozent überdurchschnittlich hoch. Der Bundesdurchschnitt liegt laut Bericht bei 16,8 Prozent.

„Ich habe zweimal in meiner Zeit hier geweint: Als ein Mann einen Anzug für die Beerdigung seines Sohnes brauchte und als ich kurz vor Weihnachten einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern sagen konnte, dass wir eine Waschmaschine für sie haben“, erzählt Esther Janßen. Waschmaschinen, sagt sie, seien wie ein Sechser im Lotto.

Dicht an dicht sind die Sachspenden im Lager der Alltagshelden Ostfriesland untergebracht. Für Extras gibt es keinen Platz. Foto: Kubassa
Dicht an dicht sind die Sachspenden im Lager der Alltagshelden Ostfriesland untergebracht. Für Extras gibt es keinen Platz. Foto: Kubassa

Finanzielle Spenden sind wichtig für den Verein

Erst zum Jahreswechsel zog der 2013 gegründete Verein von Großefehn nach Wiesmoor. Dabei mussten sie sich von mehr als 1000 auf 400 Quadratmeter Lagerfläche verkleinern. „Wir haben sehr viel aussortiert und konzentrieren uns jetzt nur noch auf existenziell wichtige Dinge“, so Janßen. Der Umzug brachte noch weitere Herausforderungen mit sich: „Die Miete ist höher und wir haben Probleme, die regelmäßigen Kosten zu bestreiten“, so Janßen. Die Spendenbereitschaft sei groß – allerdings vor allem auf der Ebene der Sachspenden. „Was wir dringend brauchen, sind Geldspenden, um planen zu können. Auch die Gehälter der beiden fest angestellten Mitarbeiter, zu denen auch Esther Janßen gehört, sind rein spendenfinanziert.

„Trotz Unsicherheit ist es ein Traumjob“, betont sie. Doch im Moment weiß sie nicht, wie lange sie ihre Arbeit noch machen kann. Bei aller Sinnhaftigkeit findet sie außerdem: „Organisationen wie unsere sollte es in einem Sozialstaat wie Deutschland eigentlich nicht geben müssen.“

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