Sorge der Zulieferer „Ohne Meyer wird es uns auch nicht mehr geben“
Die Krise der Meyer-Werft kriegen auch die Zulieferer- und Partnerfirmen zu spüren. Viele Unternehmen drohen mit dem Schiffbauer aus Papenburg unterzugehen und äußern ihre Sorgen.
Papenburg/Ostfriesland - Die Zukunft der Papenburger Meyer-Werft steht wegen einer großen finanziellen Schieflage auf der Kippe, genauso wie das Schicksal der rund 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch die Folgen wären viel weitreichender. Nicht nur für die Region, sondern auch für Niedersachsen und ganz Deutschland ist der Standort des Schiffbauunternehmens ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, waren sich Politiker und Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) im Landtag in Hannover zuletzt einig.
Zulieferer, die mit der Meyer-Werft in Papenburg zusammenarbeiten, sind ebenfalls in Sorge. Hatten sie doch vorher jahrelang zahlreiche Aufträge entgegengenommen und bearbeitet. „Die Stimmung im Betrieb ist geknickt. Die Sorgen sind groß“, sagt Alexander Sokolov. Er arbeitet für RE Interior aus Aurich und sitzt zudem im Betriebsrat der Firma. „Wir sind 2011 aus der Meyer-Werft entstanden“, erklärt Sokolov. Das Unternehmen erstellt die Planung für verschiedenste Entertainmentbereiche – dazu zählen Restaurants und Theater – auf Kreuzfahrtschiffen und setzt diese teils auch selbst um. Zum etwa 50-Mann-starken Team zählen Bauzeichner, wie auch Monteure und Bodenleger.
„Wir hängen an der Meyer-Werft“
RE Interior arbeitet ausschließlich für Meyer. An fast jedem Schiff der Werft, das in Papenburg vom Stapel läuft, habe auch die Auricher Firma mitgewirkt. Wie blickt man da in die Zukunft? „Wir hängen an der Meyer-Werft. Ohne den Standort in Papenburg wird es auch uns nicht mehr geben“, so Sokolov.
Er verfolgt das Thema ebenfalls in den sozialen Medien, schaut dort gelegentlich in die Kommentare. Er kann die Menschen nicht verstehen, die meinen, dass die Bundesregierung besser kein Geld in die Meyer-Werft stecken sollte. Schließlich betreffe das alle. Er zählt Betriebe auf mit Sitz in Hamburg oder Berlin, die das Schiffbauunternehmen beliefern und deren Aufträge in Zukunft wegfallen könnten.
Hälfte der Mitarbeiter vor dem Aus?
Ohne die Meyer-Werft würde auch dem Raumausstatter Janssen aus Papenburg ein wichtiger Partner abhanden kommen. „Schon mein Vater hat mit der Meyer-Werft zusammenarbeitet“, erinnert sich Frank Janssen. 50, vielleicht auch 60 Jahre ist das her. Seitdem kommen unter anderem viele Polster und Gardinen, aber auch Möbel und Rollos vom Papenburger Familienunternehmen. Janssen führt den Betrieb zusammen mit seinem Bruder Ralf in vierter Generation. „Eine Zukunft ohne Meyer? Darüber möchte ich gar nicht nachdenken“, sagt Frank Janssen.
Der Raumausstatter habe viele Privatkunden und Hotels, die seine Dienste in Anspruch nehmen. „Etwa die Hälfte der Aufträge kommt aber von Meyer“, sagt Janssen und schlussfolgert, dass er ohne diese vielleicht auch die Hälfte seiner 18 Mitarbeiter vor die Tür setzen müsse. Doch Janssen zeigt sich leicht optimistisch. „Die Auftragsbücher von Meyer sind ja voll.“ Nun müsse sich die „finanzielle Geschichte“ zum Positiven wenden.
Vorsichtiger Optimismus
Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse, hat bereits einige Gespräche mit Zulieferern und Partnern der Meyer-Werft geführt. Etwa ein halbes Dutzend Firmen seien auf ihn zugekommen und hätten ihre Sorgen geäußert. Es hätten aber auch Firmen angeboten, die Mitarbeiter aufzunehmen, die bei der Werft wegfallen sollen. Der Abbau von 440 Arbeitsplätzen, wie Meyer es im Mai geäußert hat, ließe sich laut Lüerßen regional noch auffangen.
Anders sieht es schon aus, wenn man alle Arbeitsplätze von Meyer und denen der Zulieferer und Partner zusammenzählt. Laut den Schätzungen der Ems-Achse hängen am Papenburger Schiffsbauer direkt wie indirekt etwa 10.000 Schicksale in den Regionen rund um Papenburg wie auch Ostfriesland. „Wir merken, dass da gerade viel Bewegung in der Sache ist“, sagt Lüerßen. Das Land Niedersachsen und auch der Bund arbeiten an einer Lösung. „Keiner kann sich vorstellen, dass wir das nicht irgendwie hinbekommen sollten. Daher kann man vorsichtig optimistisch sein“, so der Geschäftsführer.
Symbolisches Rettungsschiff aus Emden für Meyer
Diese Zeitung hat während der Recherche viele Zulieferer wegen einer Stellungnahme angefragt. In einigen Fällen hieß es, dass keine Auskunft gegeben wird mit Hinweis auf die Pressestelle der Meyer-Werft. Steckt eine Absprache dahinter? Laut eines Sprechers bei Meyer nicht. Einige Partner hätten gefragt, wie sie auf Presseanfragen reagieren sollten. Meyer hätte angeboten, auf die Pressestelle zu verweisen. Den Zulieferer-Betrieben stehe es frei, sich selbst zu äußern.
Die IG Metall Emden kündigte derweil für Freitag, 28. Juni 2024, eine „Botschaft aus Emden“ an. Leiter Thomas Preuß sagt, dass ein Rettungsschiff der ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) um 9 Uhr am Nordseewerke-Gelände aufgeladen und anschließend Richtung Papenburg gefahren wird. Dort soll es vor der Meyer-Werft abgelegt werden. „Es hat einen symbolischen Charakter“, sagt Preuß. Als der Emder Standort der TKMS in der Vergangenheit einmal geschlossen werden sollte, stand das Rettungsschiff für die Wende. Der Standort blieb erhalten, nun soll es die Papenburger Meyer-Werft retten.