Wohnen in Emden Blumen statt Müll – die Vorzeige-Wohnblöcke von Barenburg
Es gibt viel mehr als nur Problem-Wohnungen im Emder Stadtteil Barenburg. Mittendrin glänzen sogar zwei Vorzeige-Blocks, für die drei Männer verantwortlich sind.
Emden - Wenn Wohnblöcke im Emder Stadtteil Barenburg in den Fokus geraten, geht es meist um Mängel in den Wohnungen oder um das Thema Müll. Darum, dass externe Wohnungsgesellschaften Mieter zu Müllgemeinschaften zwingen oder Bewohner der Mehrparteienhäuser selbst drauf pfeifen, wo ihr Unrat landet. Ist Barenburg also eine einzige Müllhalde?
Dem werden insbesondere drei Herren aus der Hermann-Allmers-Straße 49 bis 59 widersprechen. Und das sehr resolut! Denn die drei haben vor über 20 Jahren begonnen, ihre beiden Wohnblöcke zu dem herauszuputzen, was sie jetzt sind: allesamt sauber und ordentlich. Dazu blüht und gedeiht es draußen an jeder Ecke, auf der Rasenfläche können Kinder spielen, ohne in irgendwelche Haufen zu treten. Hier gibt es keinen Schnipsel Müll, nur Blumen und gepflegte Anlagen.
Geranien statt Wäsche am Balkon
So ein Idyll gelingt aber nicht von heute auf morgen, sagt Karl Acker. „Als wir vor 21 Jahren hergezogen waren, hing überall Wäsche von den Balkonen und hier wurde mit Mofas durchgeheizt, das reinste Chaos.“ Heute hängen allenfalls Geranien von den Balkonen. Der Wäscheständer darf die Brüstungshöhe nicht überschreiten. Und Mülleimer müssen flugs nach der Leerung wieder in den Kellerräumen verschwinden, sonst setzt es Abmahnungen.
Neben dem 82-jährigen Karl Acker gehören Karlheinz Schütte (70) und Fadil Ademi (62) mit ihren Familien zu dem Trio, das die gepflegte Wohnanlage in Schuss hält. Ademi ist zudem Hausmeister, kümmert sich um Kleinstreparaturen und gelegentlich um den Rasen, wenn Gärtner René Messerschmidt, auch Barenburger, Urlaub hat. Der Rasen ist im Übrigen Stadion-tauglich.
Querschläger im Griff
Zwei Wohnblöcke zu je drei Eingängen, drei Etagen, zusammen 36 Wohnungen à 68 Quadratmeter plus Balkon. Wie viele Menschen insgesamt darin wohnen, wissen die drei ad hoc nicht. Es gibt immer wieder Fluktuation, weil nicht alle Eigentümer wie die drei in ihren Wohnungen leben. Viele Eigentümer der Wohnanlage haben ihre Wohnungen vermietet.
Und so kommt es auch immer wieder zu „Querschlägern“, wie es Schütte beschreibt. Zu solchen Mitbewohnern, denen die Regelungen egal sind, die ihr Umfeld zumüllen oder bei ihrer Lebensweise keine Rücksicht auf andere Bewohner nehmen - indem sie beispielsweise den lieben langen Tag (und auch die Nacht durch) auf dem Balkon lautstark telefonieren. „Bis jetzt haben wir so etwas aber immer in den Griff bekommen“, sagt Schütte.
Neue Mieter machen mit
Schließlich gebe es aber auch immer wieder neue Mieter, die mit Feuereifer dabei sind, weil sie auch Freude an der Gartenarbeit und dem Zusammenleben hätten. Erst vor kurzem sei eine neue Familie in Schüttes Block eingezogen, habe den Wildwuchs unter ihrem Balkon herausgerupft und neue Pflanzen gesetzt. „Das ist schön, wenn alle mitmachen.“
Leider sei der Funke noch nicht in die weitere Nachbarschaft übergesprungen. Zwar gebe es auch in anderen Bereichen Barenburgs durchaus ansehnliche Anlagen wie am U-Block, doch ausgerechnet vis-a-vis ihres Kreisels präsentiere sich in der Wilhelm-Hauff-Straße - dort wo die Ackers vorher lebten - das absolute Negativ-Beispiel. „Das sieht da schon lange so traurig aus“, sagt Acker.
Wo Container stehen
Müllcontainer stehen in allen Sortier-Farben an der Grundstücksgrenze, volle Windelsäcke und Sperrmüll liegen daneben. An diesem Morgen erbarmt sich ein Mitarbeiter des Bau und Entsorgungsbetriebs Emden (BEE), der den Rasen an der städtischen Grabenanlage am Grünen Weg mäht, einen Streifen des Rasens am Wohnblock mitzumähen. Er überwuchert längst den Gehweg.
Kurz darauf hält ein Pritschenwagen eines Dienstleisters am Müllsammelplatz des Blocks an. Der Mitarbeiter lädt ein sperriges Puppenhaus auf den Wagen, das achtlos an die Container geworfen wurde. Die Ladefläche ist schon voller Müll. Scheint nicht seine einzige Aufräumstelle gewesen zu sein.
Kein Interesse an Aufklärung
Ob die Firma auch weiter oberhalb des Stadtteils in der Hermann-Allmers-Straße zu tun hat? Kurz vor dem Kinder- und Jugendhaus Barenburg zerpflücken Krähen und Möwen den Müll und verteilen ihn auf den Gehweg. Soll auch ein Dauerzustand sein, heißt es.
Dabei wäre es doch ein Leichtes, sich an den beiden Vorzeige-Blocks ein Beispiel zu nehmen, oder nicht? „Keine Chance“, sagt Acker. Er hat einige Erfahrung mit dem Versuch, andere nur schon über die richtige Mülltrennung aufzuklären, dem vielleicht kleinsten Nenner. Gemeinsam mit Mitarbeitern des BEE hat beispielsweise an Info-Ständen im Viertel gestanden und und versucht, mit den Bewohnern jener Blocks ins Gespräch zu kommen, in denen Müll nicht nur ein optisches Problem ist. „Das will keiner hören, dafür interessiert sich keiner“, sagt Acker. Er sei sogar beschimpft worden.
Engagement in Stadtteil-Gremien
Schütte, seinerzeit noch in einem Postzustelldienst unterwegs, hatte Aufklärungsflyer über den Umgang mit Müll in diversen Sprachen in die Briefkästen gesteckt. In Barenburg leben die meisten Menschen unterschiedlicher Herkunft in Emden. „Am nächsten Tag lagen auch die Zettel auf der Straße“, sagt Schütte.
Beide, sowohl Schütte und Acker, haben sich jahrelang im Stadtteilbeirat Barenburg engagiert. Das war ein Gremium innerhalb des Förderprojekts soziale Stadt. Für ihre Wohnanlage haben sie seinerzeit auch Fördermittel bekommen, um die Durchgangssituation zu beenden. Mofas rauschen dort dank des damit errichteten Zauns nicht mehr durch die Rabatten. Und der Kinderspielplatz konnte von der Straße nach hinten verlegt werden.
Nachbarschaftsfeste vermisst
Acker ist außerdem immer im Bürgerverein Barenburg aktiv gewesen. Der hatte sich allerdings vor drei Jahren mangels Kandidaten für den Vorstand aufgelöst. Damit gebe es kein Maibaum- oder Weihnachtsbaumaufstellen mehr. Überhaupt sei seit Corona einiges eingeschlafen, auch Veranstaltungen im Kulturbunker Barenburg, die die Einwohner des Stadtteils zusammenbringen, fänden kaum mehr statt. Juliane Acker vermisst das Nachbarschaftsfest, das es bis zur Pandemie jährlich gab. „Das war immer top.“
Aufgeben will Karl Acker trotz der betrüblichen Entwicklung in seinem Stadtteil aber nicht. Jeden Donnerstag von 17 bis 19 Uhr sitzt er mit anderen eingefleischten Barenburgerinnen und Barenburgern im Statteilbüro und berät Mieterinnen und Mieter. „Da geht es aber meist um Abrechnungen und Schimmel“, sagt Acker. Von Rosenstauden und Bauern-Hortensien vorm Haus könnten die, die in der Beratungsstelle Hilfe suchen, meist nur träumen. „Die haben andere Probleme in Wohnungen, deren Eigentümergesellschaften nicht mal auf Beschwerde-Briefe antworten.“
Überhaupt seien die ignoranten Wohnungsgesellschaften das Hauptübel im Stadtteil. Dort, wo niemand greifbar sei, sehe es schließlich auch am schlimmsten aus, sind die drei überzeugt. „Aber man muss auch was dafür tun, wenn man es schön haben will“, sagt Acker. Und das machen die drei weiter aus voller Überzeugung.