Überlebensstrategien bei Seenot  Über Bord gegangen – diese Tipps erhöhen die Überlebenschance

Melanie Hanz
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Von Melanie Hanz
| 24.06.2024 20:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schutzkleidung und ohnmachtssichere Rettungsweste sind die besten Voraussetzungen für eine Rettung aus der See. Symbolfoto: Die Seenotretter – DGzRS/Thomas Steuer
Schutzkleidung und ohnmachtssichere Rettungsweste sind die besten Voraussetzungen für eine Rettung aus der See. Symbolfoto: Die Seenotretter – DGzRS/Thomas Steuer
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Wenn man über Bord geht, sind die ersten Minuten entscheidend. Experten der DGzRS geben Tipps für den Notfall.

Greetsiel/Bremen - Viele Male laufen die Seenotretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) jedes Jahr in Nord- und Ostsee aus, um Menschen zu suchen, die über Bord gegangen sind – sei es in der Berufsschifffahrt oder im Wassersport. Die DGzRS mit Sitz in Bremen stellt zudem den maritimen Such- und Rettungsdienst in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee.

So koordinierte die deutsche Rettungsleitstelle See, das Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC), auch die Suche nach dem Decksmann, der am 16. Juni gegen 7.30 Uhr vor Memmert aus unbekannter Ursache von Bord eines Greetsieler Kutters gestürzt war. Die Seenotretter hatten die Suche nach 14 Stunden eingestellt. Der Leichnam des 26-Jährigen wurde schließlich am 22. Juni von der Besatzung eines Borkum-Katamarans vor der Insel entdeckt.

Die Merkregel

Wie lange die Seenotretter nach einer vermissten Person suchen, „dafür gibt es langjährige Erfahrungswerte“, betont Patrick Testa-Kreitz, Sprecher der DGzRS. „Bei einer Suche wie der nach dem vermissten Decksmann von Greetsiel gehen wir von den bestmöglichen Voraussetzungen aus. Wir suchen meist über einen längeren Zeitraum als theoretisch die Möglichkeit besteht, jemanden lebend zu finden.“

Dabei zeigt die Erfahrung der Retter: Die Chance, lebend gerettet zu werden, steigt durch Rettungsweste und Schutzkleidung. „Wir empfehlen deshalb dringend jedem, mindestens eine Rettungsweste zu tragen. Und zwar immer dann, wenn man sich an Bord bewegt und die Gefahr besteht, über Bord zu gehen“, sagt Testa-Kreitz.

Geht man über Bord – fällt also von einem Boot oder Schiff ins kalte Wasser – setzen folgende Phasen ein: In der ersten Minute hat man damit zu tun, den Schock zu überwinden, die Panik zu unterdrücken und die Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Dann folgen ungefähr zehn Minuten, in denen man sich noch retten kann: Noch sind Finger, Arme und Beine zu bewegen, man kann schwimmen, sich irgendwo hochziehen oder auf sich aufmerksam machen. All diese Fähigkeiten verliert man nach etwa zehn Minuten, wenn die Kältestarre eintritt. Bis zu einer Stunde lang kann ein Mensch selbst in sehr kaltem Wasser bei Bewusstsein bleiben, bis er so unterkühlt ist, dass er bewusstlos wird und untergeht. Die Merkregel 1-10-1 wurde vor einigen Jahren von Gordon G. Giesbrecht aufgestellt, der als Mediziner an der Universität von Manitoba in Kanada die Wirkung von Extremen auf den menschlichen Körper erforscht hat.

Auch Retter gehen auf Nummer sicher

„Diese drei Phasen beschreiben, was passiert, wenn jemand ohne Schutzkleidung ins Wasser fällt“, erklärt Testa-Kreitz. Je besser geschützt der Körper durch Kleidung vor Wärmeverlust ist, desto länger bleibt man bewegungsfähig und bei Bewusstsein. Und natürlich erhöht eine Rettungsweste die Überlebenschance weiter. Denn sie verhindert, dass der Köper untergeht und ist bestenfalls ohnmachtssicher: „Sie ist so konzipiert, dass sie ihren Träger auf den Rücken dreht und seinen Kopf über Wasser hält. Auch ohnmächtig kann dann jemand nicht ertrinken“, erläutert der Sprecher der DGzRS.

3532 Menschen auf See haben die Seenotretter im vergangenen Jahr Hilfe geleistet, 402 davon haben sie aus Seenot gerettet oder aus drohender Gefahr befreit. Symbolfoto: Die Seenotretter – DGzRS/Thomas Steuer
3532 Menschen auf See haben die Seenotretter im vergangenen Jahr Hilfe geleistet, 402 davon haben sie aus Seenot gerettet oder aus drohender Gefahr befreit. Symbolfoto: Die Seenotretter – DGzRS/Thomas Steuer

Auch die Retter selbst gehen auf Nummer sicher: Ihre Westen sind mit Notfallsendern ausgestattet. Das sogenannte AIS S.A.R.T. sendet die GPS-Positionsdaten einer über Bord gegangenen Person an alle Schiffe mit AIS-Empfänger in der Umgebung. Und natürlich kann jeder Wassersportler oder Berufsseemann durch einen Seenotsender ebenfalls dafür sorgen, dass er gefunden wird, wenn er in der See treibt.

Sicherheitsempfehlungen der Bundesbehörde

Wie es dazu kommt, dass Menschen über Bord gehen und die Seenotretter ausrücken – „darüber führen wir keine Statistik“, sagt Testa-Kreitz: „Für uns gilt: Wir retten ohne Ansehen von Person und Ursache.“ Auch die Analyse und Auswertung des Unfalls auf See sei nicht Sache der DGzRS. Darum kümmert sich die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung. Die Behörde untersucht jeden Seeunfall in deutschen Gewässern, veröffentlicht ausführliche Berichte darüber und leitet aus den Analysen Sicherheitsempfehlungen ab. Dazu gehört das Tragen einer Rettungsweste.

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger hat aus ihrer fast 160-jährigen Erfahrung mit Seenotfällen auf See Empfehlungen für Wassersportler vom Motorbootfahren bis zum Paddeln und Wattwandern zusammengestellt. Zu finden sind sie online unter: www.seenotretter.de/die-seenotretter/sicher-auf-see

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