Frankfurt  Die deutsche Nationalmannschaft, ihr „besonderer Geist“ und der „Explosionsmoment“

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 24.06.2024 08:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein perfekter Kopfball: Niclas Füllkrug steigt auch und trifft für Deutschland zum 1:1-Ausgleich gegen die Schweiz. Foto: dpa
Ein perfekter Kopfball: Niclas Füllkrug steigt auch und trifft für Deutschland zum 1:1-Ausgleich gegen die Schweiz. Foto: dpa
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Das Frankfurter Stadion explodierte, als Niclas Füllkrug für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen die Schweiz zum 1:1-Ausgleich traf. Ein Moment, der deutsche Fans an die WM 2006 erinnert. Warum aber brauchte es einen solchen überhaupt?

Es war recht still geworden im Frankfurter Waldstadion - zumindest in zwei Dritteln der eigentlich so stimmungsvollen Arena. Die rote Ecke, gefüllt mit Schweizern, feierte und jubelte einem überraschenden, aber nicht unverdienten Erfolg entgegen, der seit der 28. Minute und dem Tor von Dan Ndoye immer deutlichere Formen annahm. Ihre „Nati“ hatte den großen deutschen Nachbarn lange und beharrlich geärgert. Der deutsche Anhang dagegen fiel in der Schlussphase dieses dritten EM-Gruppenspiels in Lethargie.

Bis zu dieser einen Situation. Der eingewechselte Linksverteidiger David Raum (RB Leipzig) flankte perfekt, fand den Kopf vom ebenfalls eingewechselten Niclas Füllkrug (Borussia Dortmund), der tat, was richtig gute Mittelstürmer - und die Positionsbezeichnung ist in diesem Fall wichtig - eben so tun: Den Ball ins Tor köpfen. Was folgte, war eine „Emotionsexplosion“, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann, dem auch nicht verborgen blieb, dass die Stimmung zuvor merklich abebbte, treffend beschrieb. Das Stadion brach im Jubel aus wie ein Vulkan, genauso wie die Mannschaft und alle die dazugehören, auf dem Rasen.

Es war ein Moment, wie ihn Fußball-Deutschland kollektiv im Gedächtnis hat. Natürlich erinnert er an die WM 2006, als Odonkor flankte und Neuville gegen Polen im zweiten Gruppenspiel zum 1:0-Sieg traf - ebenfalls beide als Einwechselspieler. So richtig wollte der Torschütze nach der Partie diesen Vergleich ziehen und beließ es bei einem eher nüchternen Statement: Er freue sich, dass er und Flankengeber Raum, dessen Hereingaben er explizit lobte, „heute auch so einen Impact hatten.“

Der Bundestrainer zog einen Vergleich zum Film: Ein Drehbuch, das ein 4:0 vorgesehen hätte, sei zwar schön und gut. Aber „emotionalisierender ist so etwas“, meinte Nagelsmann und lobte die Mannschaft für „ihren besonderen Geist“, der sich im gemeinsamen Jubel auf dem Platz und in der Kabine äußere und den es zu bewahren gelte.

Warum aber tat sich seine Mannschaft spätestens nach dem zurecht wegen eines Fouls von Jamal Musiala zurückgenommenen Distanztor von Robert Andrich (18.) so lange so schwer? „Wir haben es in der ersten Halbzeit taktisch sehr gut gemacht, haben aber zu selten hinter die Kette der Schweiz gespielt“, erklärte Nagelsmann. Der Raum wäre also da gewesen, sagt der Trainer. Aber seine Mannschaft hat ihn nicht gefunden.

Das lag zum einen daran, dass Taktgeber Toni Kroos einen für seine Verhältnisse schwachen Tag erwischte und seine Kollegen mit ungewohnten Fehlpässen und schlechten Entscheidungen des Öfteren aus dem Rhythmus brachte. Zum anderen verteidigten die Schweizer vor allem die Dribbelkünstler Jamal Musiala und Florian Wirtz extrem eng und bisweilen hart. Was blieb, waren lange Bälle auf Angreifer Kai Havertz, der aber gegen die starken Manuel Akanji und Fabian Schär wenig Land sah.

Havertz verströmte trotzdem noch die meiste Torgefahr - und zwar in Luftduellen nach Ecken oder Flanken. Dass er trotz vier Kopfbällen in ordentlicher bis guter Position, nicht traf, erklärt den Unterschied zu Füllkrug. Man muss kein Hellseher sein, um zu vermuten: Der 31-Jährige hätte von jenen Chancen mindestens eine gemacht.

Denn Füllkrug und Havertz sind unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Qualitäten: Der eine als mitspielender, beweglicher, schnellerer Spieler, der andere wuchtig und zielorientiert. Das heißt nicht, dass Havertz nicht auch zentral in der Spitze seinen Wert haben kann - Tore erwartet und bekommt man aber im Zweifel eher vom Kollegen mit der Zahnlücke, der nun in 19 Länderspielen 13 mal traf.

Ob Nagelsmann, der übrigens neben Raum auch Maxi Beier und Nico Schlotterbeck zum EM-Debüt brachte, deshalb im Sturm umdenken wird? Mal sehen. Ganz eindeutig antwortete der Coach auf solche Fragen nicht, betonte aber: „Kai kann auch zentrale Spitze spielen, macht es auch sehr gut. Aber ,Fülle‘ ist ein anderer Typ.“

Seine Einwechslung rief das Team automatisch zur Methode Brechstange auf, Füllkrug symbolisiert sie sozusagen. Beim Tor war hinter dem Neuner auch Innenverteidiger Antonio Rüdiger einköpfbereit, schließlich war er kurz zuvor mit aufgerückt, um alles auf eine Karte zu setzen. Denn, wie Nagelsmann konstruierte: „Wer nichts wagt, der nicht unentschieden spielt.“

Dieser eine, hart erkämpfte, angesichts des klaren Übergewichts an gewonnenen Zweikämpfen, Ballbesitz und Torchancen allerdings verdiente, Punkt reichte der DFB-Elf nun zum Gruppensieg Der Gegner für das Achtelfinale sei ihm egal, sagte Nagelsmann. Zeit zur Analyse des jeweiligen Kontrahenten sei bis zum Anpfiff am Samstag in Dortmund sowieso genug. Und was nahm der Torschütze mit von diesem Spiel? „Dass wir noch Luft nach oben haben. Eine Mannschaft muss sich im Laufe des Turniers entwickeln“, sagte Füllkrug. Eine Explosion wie diese am Sonntagabend könnte und sollte dafür als Katalysator wirken.

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